merken

Rettungskräfte beleidigt

Verbale Attacken gegen Helfer kommen häufiger vor als körperliche. Auch Fahrzeuge werden angegriffen.

© Dietmar Thomas

Von Tina Soltysiak

Anzeige
Durchblättern und viel sparen

Frisch, lebendig und lesefreundlich. Stöbern Sie hier online in den aktuellen Magazinen und Partnerangeboten.

Alkohol enthemmt. Das bekommen auch die Rettungskräfte zu spüren. „Wir sind oft zur Absicherung des Sanitätsdienstes bei Fußballspielen von RB Leipzig im Stadion. Da kommt es immer wieder mal vor, dass unsere Leute von Gästefans angepöbelt oder beschimpft werden“, sagt Martin Wagner, Zugführer der Leisniger Schnelleingreiftruppe (SEG) der Johanniter-Unfall-Hilfe des Regionalverbandes Meißen/Mittelsachsen. Bisher sei es dort aber „glücklicherweise immer bei verbalen Attacken“ geblieben. „Wir ziehen uns dann auch aus der Gefahrenzone zurück, setzen auf Deeskalation und überlassen alles Weitere den Ordnern“, so Wagner. Mit dem Schrecken davon gekommen seien die Kollegen bei einer Konzertabsicherung in Roßwein. „Da ist ein Besucher im Drogenrausch durchgedreht und auf die Helfer losgegangen“, schildert er. Dieser Vorfall liege aber schon längere Zeit zurück. „In den vergangenen zehn Jahren gab es vielleicht zwei größere Vorkommnisse: diesen und einen Angriff auf unser Fahrzeug“, so der Zugführer der Katastrophenschutzeinheit. Jugendliche hätten das Auto der Sanitäter in Hartha grundlos mit Steinen beworfen. „Es gab Sachschaden. Wir haben die Jugendlichen zur Rede gestellt und die Polizei hinzugezogen“, so Wagner.

Steinwurf auf Krankenwagen

Doch dem Eindruck, dass die Übergriffe auf die Kollegen von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei zunehmen, könne auch er sich nicht verwehren. „Man bekommt ja mit, was erzählt und berichtet wird.“ Deshalb setzen die Johanniter auf Aufklärung und regelmäßiges Deeskalationstraining. „Und mindestens einmal pro Jahr bieten wir für unsere Helfer in Kooperation mit dem Leisniger Judoverein einen Selbstverteidigungskurs an“, so Martin Wagner.

Der Landkreis führt keine Statistik zur Zahl der Übergriffe auf Mitglieder der Feuerwehren und des Rettungsdienstes. Das erklärte Kreissprecherin Cornelia Kluge auf DA-Nachfrage. Eine Abfrage unter den Einsatzkräften von Rettungsdienst und Feuerwehr habe jedoch ergeben, dass diese „vorrangig verbalen Beschimpfungen beziehungsweise Drohungen“ ausgesetzt seien, so Cornelia Kluge.

Der kürzlich bekanntgewordene Vorfall aus Waldheim scheint in der Region bisher ein Einzelfall gewesen zu sein. Im September 2017 hatte ein Mann versucht, ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Waldheim umzufahren. Die Kameraden hatten eine Unfallstelle abgesichert. Sie erstatteten Anzeige. Als Tatverdächtiger konnte ein 62-jähriger Deutscher identifiziert werden. Es geht um Nötigung. „Das Ermittlungsverfahren ist noch nicht abgeschlossen. Dem Verteidiger des Beschuldigten wurde noch eine Fristverlängerung zur Stellungnahme eingeräumt“, erklärte Oberstaatsanwältin Ingrid Burghart von der Staatsanwaltschaft Chemnitz am Montag auf DA-Nachfrage.

Dürfen Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr überhaupt an einer abgesicherten Einsatzstelle den Verkehr regeln? „Grundsätzlich ist die Sicherung beziehungsweise Sperrung einer Einsatzstelle Aufgabe der Polizei“, erklärte Jana Kindt, Sprecherin der Polizeidirektion Chemnitz, auf DA-Nachfrage. Jedoch: Trifft diese erst nach der Feuerwehr ein oder sei die Polizei dazu personell nicht in der Lage, obliege es der Feuerwehr, selbst für eine Absicherung zu sorgen. Maßnahmen der Verkehrslenkung seien Aufgabe der Polizei. Dies habe haftungsrechtliche Gründe. Zu den Befugnissen der Feuerwehr gehöre die Absicherung der Einsatzstelle, „also auch die Durchsetzung der aufgebauten Vollsperrung“, so Jana Kindt.

Was Widerstandshandlungen angeht, so seien Rettungskräfte und Feuerwehrmitglieder den Vollzugsbeamten gleichgestellt. „2016 haben wir im Landkreis Mittelsachsen 14 Fälle von Widerstand an Vollstreckungsbeamten registriert, 2015 waren es 21“, so Jana Kindt. Zahlen für den Revierbereich Döbeln lägen ihr nicht vor. Erst in der vergangenen Woche meldete die Polizei, dass ein 19-Jähriger in Frankenberg zwei Beamte mit einem Messer angegriffen hat. Trotz mehrfacher Aufforderungen legte der Jugendliche die Waffe nicht ab, sodass die Polizisten Reizgas zur Selbstverteidigung einsetzen mussten.

Zentrale Schulungsangebote, wie sich die Einsatzkräfte im Ernstfall zu verhalten haben, seien dem Landratsamt Mittelsachsen für die Feuerwehren nicht bekannt, so Cornelia Kluge. „Im Bereich Rettungsdienst gibt es Schulungen, beispielsweise Deeskalationstraining“, ergänzte sie.