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Revolutionäre Stimmung

Zwei Chöre singen in Pretzschendorf Lieder aus DDR-Zeiten – um das Kulturhaus zu retten.

© Karl-Ludwig Oberthür

Von Thomas Morgenroth

Pretzschendorf. In dem Ort liegt in diesen Tagen eine revolutionäre musikalische Stimmung in der Luft. „Völker hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!“, schallt es kämpferisch über die herbstliche Wiese vor einem Bauernhof.

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Aber nicht, weil ein Ewiggestriger seine alte Platten anhört und die Verstärker aufgedreht hat. Nein, hinter den Mauern singen zwei einheimische Chöre in einem zugigen Zimmer die Hymne der Arbeiterbewegung, dirigiert von Friedemann Röber. Ihm gehört das sanierungsbedürftige Anwesen, das sinnigerweise an der Erich-Weinert-Straße liegt. Der Dichter könnte textsicher einstimmen, hat er doch „Die Internationale“ schon 1926 gesungen, als er Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands geworden ist.

Nun geht es in Pretzschendorf nicht um Parteienwerbung, Wahlkampf oder gar eine Wiederbelebung der Deutschen Demokratischen Republik, in der statt der Nationalhymne gern „Die Internationale“ gesungen wurde, um die Textzeile „Deutschland, einig Vaterland“ zu vermeiden. Friedemann Röber, der studierter Öko-Landwirt ist und als freischaffender Chorleiter arbeitet, nähert sich vielmehr dem jahrzehntelang verpönten Liedgut aus reinem kulturellen Interesse. „Ich bin 1985 geboren und habe keinerlei emotionalen Bezug dazu“, sagt der Vater von drei Kindern.

Andere schon, vor allem Ältere, das ist dem jungen Mann durchaus bewusst. „In der DDR verbanden die Menschen mit den Arbeiter-, Kampf- oder Pionierliedern etwas, was man über sich ergehen lassen musste, kaum einer sang das freiwillig“, sagt er. Und dabei ist es im Grunde bis heute geblieben, was Röber schade findet: „Viele dieser Lieder haben ein hohes musikalisches Potenzial, auch die Texte sind ja nicht immer nur die reine Ideologie.“ Mit einem Ostalgie-Programm will Röber deshalb jetzt ein Tabu brechen und „ein Stück deutsches Kulturgut heben“.

Friedemann Röber plant einen Konzertzyklus unter dem Titel „Verschollene Lieder“. Der Auftakt ist am 7. Oktober im Kulturhaus Pretzschendorf. 7. Oktober? War da nicht was? Natürlich, der Gründungstag der DDR, 1949, letztmalig im Wendeherbst 1989 gefeiert. „Das ist eher ein Zufall“, sagt Röber, der dieses Ereignis bei der Planung des Termins „gar nicht auf dem Schirm“ hatte, wie er meint. Irgendwie passt es natürlich, wie auch der Ort, ist doch das Kulturhaus ein mittlerweile selten gewordenes Relikt aus sozialistischen Zeiten – und dem Untergang geweiht, wenn es nicht besser ausgelastet wird.

Es war übrigens der mittlerweile abgewählte CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig, der bei einer gemeinsamen Sitzung der Kultur- und Marktvereinigung Pretzschendorf und des Gemeinderates anregte, das „DDR-Ambiente“ des Kulturhauses zu nutzen, um „ostalgische Events“ auszurichten, „bei Bockwurst und Senf und mit diesen typischen alten Trinkgläsern“, wie sich Röber erinnert.

Auch das wird es geben, vor allem aber jede Menge Musik. Friedemann Röber probt mit den von ihm geleiteten Pretzschendorfer Chören Concordia – den gibt es seit 126 Jahren – und den vor zweieinhalb Jahren gegründeten Chorlauten sowie einem Kinderchor ein Programm, das Arbeiter- und Kampflieder enthält, die zum Teil deutlich älter sind als die DDR, aber auch Kinderlieder und Rock- und Popsongs.

Die insgesamt vielleicht fünfundzwanzig Sängerinnen und Sänger im Alter zwischen neun Monaten – Martha, Röbers jüngste Tochter –, und 78 Jahren singen Klassiker wie „Die Moorsoldaten“, „Einheitsfront“, „Die Heimat hat sich schön gemacht“ oder „Kleine weiße Friedenstaube“, aber auch Renfts „Wer die Rose ehrt“, Gerhard Schönes „Riese Glombatsch“ und den Wendehit von Dirk Michaelis „Als ich fortging“. Das Publikum darf bei „Alt wie ein Baum“ von den Puhdys oder dem Kindergartenlied „Wohin soll denn die Reise geh’n“ gemeinsam mit den Chören singen.

Nur ein einziges Mitglied der Concordia wollte partout keine DDR-Lieder singen und macht deshalb nicht mit. Alle anderen haben damit kein Problem. „Ich kannte das alles überhaupt nicht“, sagt Lara Ilius aus Colmnitz. Die 18-jährige Schülerin geht daher ganz unbefangen mit den Liedern um, einige Texte findet sie freilich „etwas befremdend“. „Ich habe manches davon schon als Pionier gesungen“, erinnert sich der 42-jährige René Porst. „Viele Lieder sind einfach missbraucht worden, manche Texte sind ja zeitlos aktuell.“ „Sogar hochaktuell“, meint Kriemhild, die ihren Nachnamen nicht preisgibt, und nennt als Beispiele Frieden und Menschenrechte – „darum geht es doch heute noch immer.“

Also: „Wacht auf, Verdammte dieser Erde!“, stimmt Friedemann Röber die erste Strophe der „Internationale“ an. Und alle singen voller Inbrunst mit, Erich Weinert hört es mit Wohlgefallen. Ob es auch die Pretzschendorfer mögen, wird sich am zweiten Oktoberwochenende zeigen.

Ostalgie im Kulturhaus Pretzschendorf am 7. Oktober, Einlass 18 Uhr, Beginn 18.30 Uhr, mit den Chören Concordia, Chorlauten und Mini-Chorlauten, dem Duo Turtle Brain mit einem Ostrock-Programm und dem Schallplattenunterhalter. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten.