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Riesa feiert sich

Wer braucht schon den Semperopernball, wenn man auch im Stern tanzen kann?

© Lutz Weidler

Von Christoph Scharf

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Riesa. Zum Glück haben sich Dresden und Riesa abgestimmt. Könnte man meinen. Während in der Landeshauptstadt der Semperopernball schon am Freitag gefeiert wird, kommt der eigentliche Höhepunkt des Wochenendes am Sonnabend – der Riesaer Wirtschaftsball in der Stadthalle Stern. So kann der ein oder andere Besucher tatsächlich beide Bälle besuchen. Gut gegessen, getrunken, getanzt wird in beiden Elbe-Städten. Bei der Prominenz geht es in Riesa allerdings etwas regionaler zu: Während in der Semperoper Sigmar Gabriel mit Johannes B. Kerner plaudert und Miroslav Klose und Jürgen Prochnow zu den Gästen gehören, holt einen Tag später im Stern Marco Branig von Riesa TV Heiko Zscheile, Sylvia Donat und Thomas Möbius zum Talk auf die Bühnencouch.

Trainiert: Die Riesaer Sportakrobaten sorgen für Verblüffung.
Trainiert: Die Riesaer Sportakrobaten sorgen für Verblüffung. © Lutz Weidler
Geschniegelt: OB Marco Müller (CDU) begrüßt die Gäste, Marco Branig von Riesa TV moderiert (v.l.).
Geschniegelt: OB Marco Müller (CDU) begrüßt die Gäste, Marco Branig von Riesa TV moderiert (v.l.). © Lutz Weidler
Ungeniert: Handwerkskammer-Chef Jörg Dittrich geißelt in der Festrede Vorschriften, die er für unsinnig hält.
Ungeniert: Handwerkskammer-Chef Jörg Dittrich geißelt in der Festrede Vorschriften, die er für unsinnig hält. © Lutz Weidler

Riesa feiert sich

Diese Drei haben allerdings den Vorzug, dass sie nicht nur kurz im Flieger vorbeischauen, sondern tatsächlich etwas in Riesa bewegen: Heiko Zscheile als Tiefbau-Planer, der quasi bei jeder Umleitung in der Stadt seine Finger im Spiel hat. Sylvia Donat als Chefin des bald einzigen Sportfachgeschäfts Riesas. Thomas Möbius als Chef einer Baufirma, der die Bauinnung Riesa-Großenhain leitet und sich über immer neue Vorschriften im Baugewerbe ärgert.

Da hat er etwas mit dem Festredner des Abends gemeinsam, der binnen weniger Wochen zum zweiten Mal in Riesa ein Podium betritt: Handwerkskammer-Chef Jörg Dittrich nutzt den größten Teil seiner Rede, um launig die Verordnungen zu geißeln, die Politik und Verwaltung der deutschen Wirtschaft machen. Da ist ihm der Beifall gewiss – gehört doch ein großer Teil der 250 Gäste des Wirtschaftsballs selbst zu den Unternehmern. Da ist etwa Bäckermeister Matthias Brade zu entdecken, WGR-Chef Roland Ledwa, Stadtwerke-Chef René Röthig, Feralpi-Werkleiter Frank Jürgen Schaefer. Die Politik ist vor allem mit CDU-Landtagsabgeordnetem Geert Mackenroth und einem guten Teil der CDU/FDP-Stadtratsfraktion präsent.

Alle zusammen lauschen Jörg Dittrichs Vermutung, dass die neue Gewerbeabfall-Verordnung entweder von der italienischen Müllmafia oder von ein paar Verrückten entworfen sein muss. Wer sonst käme auf die Idee, zehn verschiedene Abfallcontainer auf Baustellen zu fordern – oder zu verlangen, dass man Styropor neuerdings erst teuer getrennt einsammeln muss, um es dann doch wieder gemischt mit anderen Abfällen zu verbrennen. Gleichzeitig brumme die Wirtschaft, nicht nur Dachdecker seien im Handwerk knapp. „Folgt man der Logik des Kultusministeriums, müssten Dachdecker künftig verbeamtet werden“, sagt der Chef der Dresdner Handwerkskammer, der einen Dachdeckerbetrieb führt. Trotz allem Ärger empfiehlt er den Besuchern, positiv zu denken – und weniger zu meckern. Das sei ohnehin gesünder, sagt der Dresdner.

Anders als sein Bruder Christoph, der langjährige Intendant der Elbland-Philharmonie, trinkt Handwerker Jörg Dittrich nach eigener Aussage auch keinen Alkohol. Und so überreicht ihm Moderator Marco Branig als Aufmerksamkeit eine Flasche Südbrandenburger Mineralwasser. Die Zweiliter-Flasche Hammerbräu („handwerklich gebraut in Riesa“) darf er dagegen als Präsent seinem Bruder mitbringen. Nüchtern und konzentriert tritt auch die Sechsergruppe der Riesaer Sportakrobaten auf, die Körper scheinbar schwerelos waagerecht in der Luft halten können und wiederholt Beifall ernten. Das ist allerdings nicht das Einzige, auf das es die Sportler abgesehen haben: Am späteren Abend gehen sie von Tisch zu Tisch. Schließlich fallen auf der Fahrt zu internationalen Turnieren Reisekosten an – und Riesas Wirtschaftsgrößen dürfen dafür gern spenden.

Etwas Kleingeld benötigte man auch für die drei Angebote, die Riesa TV als ironische Werbevideos auf die Leinwand bringt: Da wird etwa ein Käufer für die abrissreife Blechbrücke am Bahnhof gesucht („in liebevolle Sammlerhände abzugeben“). Da braucht das frühere Volksgut Göhlis noch immer einen Besitzer, der viel Diskussionsfreudigkeit mitbringen sollte – um „Entscheidungsrunden über mehrere Legislaturperioden“ durchzustehen. Und da sucht der Tag der Sachsen 2019 in Riesa noch Unternehmer, die für eine Beteiligung gern auf ihr Erspartes zurückgreifen sollen. Riesa dürfte also auch nächstes Jahr dem Dresdner Kulturangebot wieder mächtig Konkurrenz machen.