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Harte Zeiten für Gröditzer Leseratten

Die hiesige Stadtbibliothek muss ihre Angebote wegen Corona einschränken und bereitet sich auf die Zeit nach dem Lockdown vor.

Marita Knispel (rechts) leiht sich Bücher in der Stadtbibliothek Gröditz aus. Inka Wirtjes (links) freut sich, dass Stammleser trotz Corona die Treue halten.
Marita Knispel (rechts) leiht sich Bücher in der Stadtbibliothek Gröditz aus. Inka Wirtjes (links) freut sich, dass Stammleser trotz Corona die Treue halten. © Jörg Richter

Gröditz. Die Tragetasche von Marita Knispel ist voll. Zehn Bücher und fünf Zeitschriften passen gerade so hinein. Die Prösenerin hat sie in ihrer Stammbibliothek in Gröditz ausgeliehen. "Ich hoffe, dass es genügend Bücher sind, um über die Corona-Zeit zu kommen", sagt sie. "Im Fernsehen kommt ja eh nichts, was mich interessiert." Viel lieber greift sie deshalb zu einem Buch und liest.

Diesmal hat sie sich vor allem Biografien ausgeliehen. Die sind leicht zu finden. Im Gang hinten links, kurz vor der Schmöker-Ecke mit den Harry-Potter-Büchern haben die Mitarbeiter der Gröditzer Stadtbibliothek alle Werke über Menschen der Zeitgeschichte, Künstler, Politiker und andere Leute, die wichtig sind oder sich dafür halten, zusammengestellt.

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Für Marita Knispel ist das ideal. Nicht nur, weil ihr Mann vorn im Eingangsbereich auf sie wartet. Nein, sie hat auch nur maximal 20 Minuten Zeit, um sich die Bücher auszusuchen. - Das ist eine der veränderten Hausregeln, die wegen der Corona-Pandemie momentan hier gelten.

"Die Leute sind vorsichtiger geworden"

Eine andere ist, dass sich gleichzeitig nur drei Besucher in der Gröditzer Stadtbibliothek aufhalten dürfen. Doch auch ohne diese Regel ist hier momentan weniger los als sonst. "Es kommen weniger", bestätigt Bibliotheksleiterin Inka Wirtjes. "Die Leute sind vorsichtiger geworden."

Normalerweise geben sich die Stammleser die Klinke in die Hand, geht die Eingangstür ständig auf und zu. Vor Corona hätten an den langen Öffnungstagen dienstags und donnerstags durchschnittlich 40 bis 50 Leseratten die Stadtbibliothek besucht. "Manchmal sogar 60", erzählt Inka Wirtjes. Vormittags waren meistens die Rentner da, nachmittags Kinder mit ihren Eltern. Der Andrang hat sich mit Beginn der Pandemie stark reduziert.

Bibliotheken sind viel mehr als nur Häuser, wo man kostenlos Bücher ausleihen kann. "Sie sollen eigentlich Orte des Verweilens sein", sagt die Bibliotheksleiterin. "Zurzeit ist das aber leider nicht möglich."

Ein Bild aus entspannten Tagen ohne Maske und Mindestabstand: Anfang November 2015 zog die Stadtbibliothek Gröditz in den Dreiseithof um. Ein guter Grund für Inka Wirtjes und die Eröffnungsgäste, um mit Sekt anzustoßen.
Ein Bild aus entspannten Tagen ohne Maske und Mindestabstand: Anfang November 2015 zog die Stadtbibliothek Gröditz in den Dreiseithof um. Ein guter Grund für Inka Wirtjes und die Eröffnungsgäste, um mit Sekt anzustoßen. © SZ-Archiv

Veranstaltungen, die geplant waren, konnten nicht stattfinden. Zum Beispiel die regelmäßigen Lesecafés und Autorenlesungen, die bei den Gröditzern gut ankommen. Im vergangenen Jahr wurde mit Fördermitteln der Lesegarten eröffnet und eine Computerspiel-Ecke eingerichtet. Beide sollen Stammleser und neue Besucher anlocken.

"Im vergangenen Frühjahr, als bei uns Corona begann, haben wir uns geschworen: Bloß nicht den Kopf in den Sand stecken!", erzählt die Gröditzer Sozialamtsleiterin Katrin Müller. Das haben sich die Mitarbeiter der Stadtbibliothek bewahrt.

Inka Wirtjes hat die Zeit genutzt, um Online-Seminare zu besuchen und sich u. a. auf dem Gebiet Medienpädagogik weiterzubilden. Sie plant bereits eine Infoveranstaltung über Fake News, die für Kinder konzipiert ist, aber auch sicherlich für viele Erwachsene interessant sein könnte.

Jeder zehnte Gröditzer nutzt die Stadtbibliothek

Doch dafür müsste erst der Lockdown vorbei sein. Dann sollen sich neben den bewährten Lesecafés auch der Lesegarten und das Computerspiel-Projekt etablieren. "Aber ich lege immer noch großen Wert auf das Vorlesen", sagt die Bibliothekschefin. "Denn ohne lesen kommt man auch im Internet nicht zurecht."

Sie hofft, dass bis dahin nicht all zu viele Kontakte verlorengehen. Immerhin rund 700 Lesefreunde sind in der Stadtbibliothek angemeldet. Das sind zehn Prozent der Gröditzer Einwohner. "Da kann man sehr zufrieden sein", sagt Katrin Müller und ist optimistisch, dass dies trotz Corona so bleibt.

Für Stammleserin Marita Knispel gibt es da keinen Zweifel. Sie sagt: "Ein Leben ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen." Diese Leidenschaft habe sie an ihre Kinder und Enkel weitergegeben. - Das ist gut für die Gröditzer Stadtbibliothek und macht Hoffnung auf die Zeit nach dem Lockdown.

  • Die Gröditzer Stadtbibliothek informiert, dass sie an den nächsten drei Sonnabenden (23. Januar, 30. Januar und 6. Februar) leider nicht geöffnet hat.

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