merken
PLUS Riesa

33.452 Zeichen über Kopf

Ein Gebäude in Streumen ziert jetzt eine deutschlandweit in dieser Form seltene Handarbeit.

Erleichterung bei Joachim Propfe: Ein T war der letzte Buchstabe, den der Designer jetzt nach vierwöchiger Arbeit in Streumen zu kalligrafieren hatte.
Erleichterung bei Joachim Propfe: Ein T war der letzte Buchstabe, den der Designer jetzt nach vierwöchiger Arbeit in Streumen zu kalligrafieren hatte. © Eric Weser

Streumen. Joachim Propfe bittet ein letztes Mal um Ruhe. "Ich mach' jetzt den letzten Strich, bitte jetzt nicht bewegen." Dann zieht der Designer mit dem Pinsel behutsam den Querbalken des T von links nach rechts. Fertig. Einige Minuten später wird der 54-Jährige sagen, es mache sich doch eine gewisse Erleichterung breit, es geschafft zu haben. 

Kein Wunder nach vier Wochen Schreibarbeit und 33.452 Buchstaben, die der Braunschweiger mit zwei Kollegen an die Decke der Streumener Kirche kalligrafiert hat. 

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Dort finden sich jetzt in knapp fünfeinhalb Metern Höhe zwölf Felder in einem dunklen Gelbton. Auf jedem davon: 33 Zeilen mit je 87 weißen Buchstaben. Aber nicht irgendwelche, sondern für gläubige Christen besonders Wichtige: die Bergpredigt. Mit diesen Worten wandte sich Jesus laut dem Evangelist Matthäus an seine Jünger und umriss die Grundsätze seiner Lehre. 

Stundenlag über Kopf kalligrafieren? Das geht nur im Sitzen und mit Kopfablage. Joachim Propfe hat wie seine Kollegen dafür in einem Klappstuhl auf einem Gerüst Platz genommen.
Stundenlag über Kopf kalligrafieren? Das geht nur im Sitzen und mit Kopfablage. Joachim Propfe hat wie seine Kollegen dafür in einem Klappstuhl auf einem Gerüst Platz genommen. © Eric Weser
Die Hilfsmittel können weg: Malerin Nadine Wehrli entfernt das Klebeband, mit dem die Zeilen liniert wurden. Die kleinen Schnipsel dazwischen zeigen, wo noch Umlautstriche gesetzt werden müssen.
Die Hilfsmittel können weg: Malerin Nadine Wehrli entfernt das Klebeband, mit dem die Zeilen liniert wurden. Die kleinen Schnipsel dazwischen zeigen, wo noch Umlautstriche gesetzt werden müssen. © Eric Weser
Fertig: Designer André Bytomski blickt vom Gerüst nach unten. Über ihm: Die Felder mit der Schrift. Bald kann das Innengerüst rückgebaut und dann der neue Fußboden in der Kirche installiert werden.
Fertig: Designer André Bytomski blickt vom Gerüst nach unten. Über ihm: Die Felder mit der Schrift. Bald kann das Innengerüst rückgebaut und dann der neue Fußboden in der Kirche installiert werden. © Eric Weser
Anno 2017: So sah das Innere der Streumener Kirche vor der Sanierung aus. Künftig wird alles deutlich farbenfroher sein. Auch Kirchenbänke wird es nicht mehr geben, stattdessen Stühle.
Anno 2017: So sah das Innere der Streumener Kirche vor der Sanierung aus. Künftig wird alles deutlich farbenfroher sein. Auch Kirchenbänke wird es nicht mehr geben, stattdessen Stühle. © - keine Angabe im huGO-Archivsys
Anno 2015: Pfarrer Heiner Sandig vor der Streumener Kirche, die damals auch noch äußerlich sanierungsbedürftig war. Seither sind unter anderem das Dach neu gedeckt und die Fassade saniert worden.
Anno 2015: Pfarrer Heiner Sandig vor der Streumener Kirche, die damals auch noch äußerlich sanierungsbedürftig war. Seither sind unter anderem das Dach neu gedeckt und die Fassade saniert worden. © - keine Angabe im huGO-Archivsys

Hausschrift von MTV

An der Streumener Kirchdecke findet sich die Predigt aus gleich zwei Bibel-Übersetzungen. Besucher sollen sie künftig vom Kirchenschiff gut lesen können, wenn sie nach oben schauen. Mit 3,2 Zentimetern sind die Buchstaben dafür groß genug. Und die Schriftart – Lithos – ist zwar von der griechischen Antike inspiriert, allerdings auch recht modern. Sie war einige Zeit sogar die "Hausschrift" beim Musik-Fernsehsender MTV.

Die Bergpredigt nicht nur zu schreiben, sondern auch nachzulesen, dazu fehlte den drei Schriftmalern in den vergangenen Wochen die Zeit. Die ganze Konzentration lag darauf, die Buchstaben sauber und fehlerfrei an die zuvor sanierte Kirchendecke zu übertragen. 

Damit das gelingt, war einige Vorbereitung nötig. Zwar gab es schon einen Entwurf – sprich: Wie das Ganze einmal aussehen sollte, hatte sich eine Gestalterin schon genau überlegt. Aber wie die Buchstaben von der Zeichnung an die eigentliche Decke kommen, das war Designer Joachim Propfe überlassen. Der Kalligraf überlegte sich dafür ein System: Die Vorlage wurde im Maßstab 1:1 ausgedruckt, das Papier in Streifen geschnitten, durchnummeriert und mit Farben gekennzeichnet. "Damit wir die Position in der Kirche wiederfinden." Vor Ort wurden die Vorlagen dann entsprechend an die Decke angeklebt und darunter "abgeschrieben".

Damit das Schriftbild so gerade wie auf dem Entwurf verläuft, wurden zudem Linien mit Klebeband gezogen. "Mit Bleistift und Lineal wäre das nicht gegangen, die Linien bekäme man hinterher nicht mehr weg", sagt Joachim Propfe. Und so brauchte es 1,2 Kilometer Klebeband. 

Um beim eigentlichen Schreiben nicht zu verkrampfen, saßen die Schriftmaler beim Schreiben der Buchstauben auf einem Gerüst in Stühlen mit Klapplehne. Nur so ließ sich einigermaßen bequem über Kopf mit dem Pinsel arbeiten. "Aber anstrengend war es trotzdem", sagt Joachim Propfe. 

Spuren auch im Zabeltitzer Standesamt

Trotz allem: Fast meditativ sei es dabei zugegangen, denkt der Braunschweiger zurück. "Teilweise hätten Sie eine Stecknadel fallen können hören." Denn die Feinarbeit mit dem Pinsel braucht Ruhe. Um ungestört gerade schreiben zu können, wurde dafür gesorgt, dass während der Arbeiten niemand aufs Gerüst kommt und es ins Wackeln brachte, sagt Joachim Propfe, der sich nach eigenem Bekunden bei seinen reichlich 11.000 zu übertragenden Buchstaben nur einmal verschrieben hat. Das sei aber retuschier- und verkraftbar gewesen. "Nur in großer Menge darf so etwas nicht passieren."

Eine Deckenbeschriftung von solchem Umfang habe er in 25 Jahren im Beruf noch nicht gehabt, so der 54-Jährige, dessen Kalligrafien auch schon bei einem Event des Autobauers BMW zu sehen waren. Auch ganz in der Nähe hat der deutschlandweit arbeitende Schönschreib-Experte schon Spuren hinterlassen: Eine Wandgestaltung mit verschiedenen Zitaten im Zabeltitzer Schloss-Standesamt trägt seine Handschrift.

Die Kirchendecke in Streumen trägt neben Propfes Touch auch den von Diplom-Designer André Bytomski aus Meißen und Theatermalerin Nadine Wehrli, einer in Weimar lebenden Schweizerin. Da trotz vorgegebener Schriftart jeder eigene Nuancen mitbringe, wechselten sich die Schreiber innerhalb der zwölf Felder ab. "Ein changierendes Schriftbild war gewollt, um das Ganze ein wenig lebendig zu machen", sagt Joachim Propfe.

Durch die Kooperation der drei freischaffenden Künstler ist binnen vier Wochen möglich geworden, woran ein Künstler sonst wohl 20 Wochen gearbeitet hätte, sagt der Meißner Architekt Norbert Hess, der die  Innensanierung von Streumens Kirche koordiniert. So eine lange Arbeit wäre solo aber kaum zumutbar gewesen, sagt der Baufachmann.

Und so besteht auch noch die Chance, das gesteckte Ziel zu erreichen – nämlich mit der Innensanierung des Gebäudes bis Weihnachten fertig zu werden. Dafür muss aber in den nächsten Wochen noch der neue Fußboden eingebaut werden. Möglichst ohne Corona-Verzögerung. Was die Deckengestaltung angeht, ist der Architekt überzeugt, dass sie sich in dieser Form so in Deutschland nicht allzu oft finden dürfte. Darauf ist man in Streumen auch jetzt schon ein wenig stolz.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Riesa