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Zauberei im Schulunterricht

Aletta Leipold und ihre Kollegen arbeiten gemeinsam an einem Althochdeutschen Wörterbuch. Jetzt war die Forscherin in Riesa zu Gast.

Germanistin Aletta Leipold referiert im Städtischen Gymnasium über die Ursprünge der deutschen Sprache.
Germanistin Aletta Leipold referiert im Städtischen Gymnasium über die Ursprünge der deutschen Sprache. © Foto: Lutz Weidler

Riesa. Schüler und Zauberformeln - diese Kombination weckt vermutlich keine weiteren Assoziationen, abseits vielleicht von den Harry-Potter-Romanen. Am Städtischen Gymnasium in Riesa haben sich die Schüler jetzt aber aus einem ganz weltlichen Grund mit Zaubersprüchen befasst.

Die "Merseburger Zaubersprüche" nämlich gelten als "einer der berühmtesten Texte des Althochdeutschen", sagt Aletta Leipold. Die promovierte Germanistin befasst sich schon seit Jahren mit der deutschen Sprache. Für die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig arbeitet sie am Althochdeutschen Wörterbuch mit - und war jetzt gemeinsam mit weiteren Kollegen zu Besuch am Städtischen Gymnasium in Riesa. Dort ging es im Rahmen des "Thementags Deutsch" um Fragen, die man sich im Alltag kaum stellt, wie Leipold selbst sagt. Etwa:  Woher kommt das Alphabet? Warum hat sich die lateinische Schrift durchgesetzt und nicht die Runenschrift? Und weshalb war Karl der Große eigentlich so wichtig für die deutsche Sprache?

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Aus "UU" wird "W"

Gemeinsam mit einigen Kollegen wirkte die Wissenschaftlerin beim Thementag Deutsch mit. Der hat schon eine gewisse Tradition, sagt Schulleiterin Silke Zscheile: "Wir als Fachkonferenz Deutsch haben uns gesagt, dass wir die Uni metaphorisch gesehen zu uns holen. Vor 15 Jahren hatten wir einen Studenten der Uni Halle-Wittenberg, der die Kontakte hergestellt hat." Seitdem sind Mitarbeiter der Universität regelmäßig zu Gast am Riesaer Gymnasium. 

Ehe sich die zwölfte Klasse des Gymnasiums den beiden Zauberformeln widmen darf, geht es an die Grundlagen. Aletta Leipold erklärt im Schnelldurchlauf, wie der Flickenteppich der deutschen Sprache überhaupt verschriftlicht wurde - und stellt schon einmal einige althochdeutsche Wörter vor. "Ohsun" heißt etwa "Ochse", "lempir" bedeutet "Lämmer". Außerdem erklärt Leipold einige Besonderheiten - beispielsweise, dass ein Doppel-U im Althochdeutschen als W gelesen wird. 

Althochdeutsch ist nicht mehr in Ratedistanz

Später ging es an die originalen Zaubersprüchen. Eine harte Nuss sei das für die Schüler, sagt Leipold. "Althochdeutsch ist nicht mehr in Ratedistanz wie das Mittelhochdeutsche." Die Verwandtschaft zur hochdeutschen Sprache ist teils nicht mehr zu erkennen. "Die Einstiegsschwelle ist dementsprechend hoch. Deshalb ist es so wichtig, die Epoche vorher einzuführen." Trotzdem sei sie überzeugt, das Interesse der Schüler wecken zu können - auch ohne Vorwissen. "Die Anfänge Europas, die ersten Zeugnisse unserer Sprache, das allererste deutsche Buch - das ist eigentlich spannend und auch interessant für Schüler." Natürlich interessiere das nicht jeden gleichermaßen, räumt sie ein. Es gebe auch Schüler, die die ganze Zeit abhängen - schließlich sei der Stoff nicht relevant fürs Abi. "Aber die Schüler in Riesa sind wirklich sehr aufmerksam."

Für die Wissenschaftlerin ist die Motivation jedenfalls groß, die althochdeutsche Sprache für einen Tag in die Klassenzimmer zu holen, sagt sie. Anders als etwa in Bayern stehe das Thema ja nicht mehr auf dem Lehrplan. "Wie kann man eine Gegenwart verstehen, wenn man deren Herkunft nicht kennt?", fragt Leipold. "Ich finde es unglaublich wichtig, den Blick auf die Anfänge unserer abendländischen europäischen Kultur im frühen Mittelalter zu ermöglichen. Und das Althochdeutsche bietet unglaublich spannende Texte - schwer zu erobern, aber ein Schatz!"

Die Zaubersprüche zum Nachlesen

Die Merseburger Zaubersprüche stammen vermutlich aus dem 10. Jahrhundert nach Christus. Wiederentdeckt wurden sie aber erst Mitte des 19. Jahrhunderts. Der eigentliche Zauberspruch ist in eine Erzählung eingebettet. 

Erster Merseburger Zauberspruch

Eiris sâzun idisi, sâzun hêra duoder.
Suma hapt heeptidun, suma heri lezidun, 
suma clûbôdun umbi cuoniouuidi:  
insprinc haptbandun, inuar uîgandun!

Erster Merseburger Zauberspruch - Übersetzung

Einst saßen Zauberfrauen, saßen hier (da) und dort.
Einige hefteten die Haft, einige hemmten das Heer,
einige klaubten ringsum an den Fesseln:
Entspringe den Haftbanden, entfahre den Feinden!

Zweiter Merseburger Zauberspruch

Phol ende Uuodan uuorum zi holza.
Dû uuart demo Balderes uolon sîn uuoz birenkit.
Thû biguol en Sinthgunt, Sunna era suister;
thû biguol en Frîia, Uolla era suister;
thû biguol en Uuodan, sô he uuola conda:

sôse bênrekî, sôse bluotrenkî, sôse lidirenkî:
bên zi bêna, bluot zu bluoda, lid zi geliden, 
sôse gelîmida sîn.

Zweiter Merseburger Zauberspruch  - Übersetzung

Phol und Wotan begaben sich in den Wald.
Da wurde dem Balders Fohlen sein Fuß verrenkt/eingerenkt.
Da besprachen ihn Sintgunt und Sunna, ihre Schwester,
da besprachen ihn Freia und Volla, ihre Schwester,
Da besprach ihn Wotan, wie (nur) er es gut konnte:

So wie die Knochenrenke, so sei auch die Blutrenke und die Gliederrenke:
Knochen zu Knochen, Ader zu Ader, auf dass sie fest zusammengefügt seien!

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