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Angeblicher Algen-Papst linkt Riesaer Firma

Ein Medizinhändler will ins Geschäft mit Mikroalgen einsteigen. Statt der erwarteten Gewinne, setzt es einen herben Verlust. Die zentrale Figur dabei ist dubios.

Mikroalgen sind im Bereich der Medizin- und Lifestyle-Produkte seit langem im Trend, da sie gesundheitsfördernde Eigenschaften haben sollen. Ein Riesaer Unternehmen will in den Markt eintreten - und gerät dabei an einen Betrüger.
Mikroalgen sind im Bereich der Medizin- und Lifestyle-Produkte seit langem im Trend, da sie gesundheitsfördernde Eigenschaften haben sollen. Ein Riesaer Unternehmen will in den Markt eintreten - und gerät dabei an einen Betrüger. © Wikipedia

Riesa. Fallen Menschen auf gängige Betrugsmaschen wie Enkeltricks oder vermeintliche Gewinnspielerfolge herein, kann der Schaden schon mal vier- oder gar fünfstellig ausfallen. Für eine Riesaer Firma geriet er noch höher. Das Unternehmen wurde allerdings bei keiner gängigen Betrugsmasche gelinkt, sondern bei einem Handel mit Algen. Die kleinen grünen Lebewesen gelten manchem als natürliche Alleskönner – vom künftigen Supernahrungsmittel bis zum Klimaretter.

Alles hatte relativ harmlos angefangen. Das Riesaer Unternehmen, das mit Medizinprodukten und Nahrungsergänzungsmitteln handelt, wollte 2017 ein neues Geschäftsfeld erschließen und in den Mikroalgen-Markt einsteigen. Dazu hatte die Firma Kontakt mit Jochen H.* aufgenommen. Der studierte Ingenieur machte den Eindruck, sich mit deren Algenproduktion und -vermarktung bestens auszukennen.

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Eigentlich sollten die Geschäfte mit den Algen etwas größer angegangen werden. Mit Jochen H. wurde man sich aber einig, dass man zuvor schon mit dem Handel der Algen etwas Geld verdienen könnte. Dazu sollten in der Ukraine mehrere Tonnen Algenrohmasse eingekauft, veredelt und danach mit Gewinn weiterverkauft werden.

Jochen H. hatte die Kontakte, das Riesaer Unternehmen fungierte als Geldgeber: Mit eigenem Geld und mit Hilfe von Einkaufsfinanzierern wurde Rohmasse für reichlich 280.000 Euro geordert und auch bezahlt. Alles wirkte seriös. Es gab unterschriebene Lieferscheine, wonach eine zwischengeschaltete Firma die Ware erhalten hat. Wobei die Dokumente kurioserweise von Jochen H. gezeichnet waren.

Als sich nach einiger Zeit aber nichts tat, wurde man beim in Riesa ansässigen Händler unruhig. Die Firma versuchte, H. und die am Deal beteiligten Unternehmen zu kontaktieren. Das klappte zwar, von ihren Gegenübern wurden die Riesaer immer wieder hingehalten. Lange ließ man das in Riesa nicht mit sich machen, schaltete einen Anwalt und auch einen Privatdetektiv ein, um Jochen H. ausfindig zu machen. Der war nämlich abgetaucht.

Privatdetektiv auf Spurensuche

Am Ende nützte all das wenig: Ware bekamen die Riesaer ebenso wie einen Ertrag aus dem Algengeschäft nie zu sehen. Wenig später ging das österreichische Unternehmen, an das der Kaufpreis für die Algen geflossen und als dessen Vertreter H. aufgetreten war, in Konkurs. Zwar bekamen die Riesaer noch einige Tausend Euro ersetzt, der weitaus größte Teil ihres investierten Geldes aber blieb verschwunden.

Ein schwerer wirtschaftlicher Schaden, an dem das Riesaer Unternehmen noch einige Zeit zu knabbern hatte. Dass es die Sache überhaupt überstanden hat, liegt laut der Geschäftsführerin daran, dass man ansonsten sehr erfolgreich sei.

Im Algengeschäft betätigt sich die mittlerweile nach Großenhain übergesiedelte Firma allerdings nicht mehr. Und auch Jochen H. scheint nichts mehr damit zu tun zu haben. Der 55-Jährige lebte zuletzt als Obdachloser nahe der niederländischen Grenze. Von dort war er jetzt nach Riesa gekommen, weil er sich vorm Amtsgericht wegen Betrugsvorwürfen verantworten musste. Unter anderem der wegen Geschichte mit dem Riesaer Händler.

Auch für Richterin Ingeborg Schäfer ein außergewöhnliches Verfahren. In einer mehrstündigen Verhandlung versucht sie, H.s Algengeschäfte zu durchleuchten. Am klarsten sind da noch die Aussagen von Vertretern des Riesaer Medizinhändlers. Ansonsten gestaltet sich die Aufklärung angesichts von teils im Ausland angesiedelten Firmengeflechten, in die H. bei den Algengeschäften involviert war, schwierig. Selbst H.s Verteidiger hat zeitweise Probleme, mitzukommen. Auch die Schöffen schauen mitunter etwas ratlos. Auch Nachfragen bei H. selbst helfen nur bedingt. Oft bleibt er Antworten vage, weist dann die Verantwortung anderen zu. Er habe auch keine Schriftstücke mehr aus der Zeit, sagt er. Etliches bleibt nebulös.

Mehrere Jahre hinter Gittern

Auch biografische Details, die im Prozess über H. bekannt werden, lassen ihn als schwer zu durchschauende Figur dastehen. Der ehemalige Zeitsoldat war mehr als zehn Jahre bei der Bundeswehr, kann auf mehrere Auslandseinsätze zurückblicken. Neben Maschinenbau hat er Betriebswirtschaft studiert, ist Kfz-Sachverständiger. Auch im Finanzsektor hat er sich weitergebildet. Seit Ende der 90er beschäftigt er sich mit Algen.

Zu seinem Lebenslauf gehören aber auch mehr als ein halbes Dutzend Verurteilungen wegen verschiedener Delikte. Unter anderem schickte ihn das Landgericht Aachen 2006 für sechseinhalb Jahre hinter Gitter, weil er bei Drogengeschäften mitgemischt hatte. Als er 2012 vorzeitig freikam, setzt er sich eine Zeit lang ins Ausland ab.

Militärvergangenheit, Abtauchen im Ausland, undurchsichtige Geschäfte: Manches klingt wie aus einem Agentenfilm. Und in der Tat war H. Protagonist in einem Film – einer TV-Doku über Obdachlose, in der ihn auch ein ehemaliger Geschäftspartner erkannte.

Zukunft in Bescheidenheit

H. zeichnet von sich selbst im Gericht auch ein Bild eines gebrochenen Mannes. Nach den gescheiterten Algen-Geschäften sei bei ihm alles kaputtgegangen, auch seine zweite Ehe. 2019 habe er einen Schlaganfall erlitten, seit 2020 lebe er von Hartz IV, habe Schulden in fünfstelliger Höhe. Er versuche, sein Leben neu zu organisieren, wolle fortan kleinere Brötchen backen.

Die Richterin hält es letztlich für erwiesen, dass H. die Riesaer Firma betrogen hat. Wegen dieses Betrugs und einem weiteren, bei dem H. zwei weitere frühere Geschäftspartner hinters Licht geführt hat, verurteilt das Gericht ihn zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Zur Bewährung ausgesetzt für vier lange Jahre. Außerdem muss H. 300 Sozialstunden leisten. Ob H. von den Betrügereien indes selbst davon profitiert hat, sprich: das Geld eingesteckt hat, kann der Prozess nicht aufklären.

Die Vorsitzende mahnt den vermeintlichen Algen-Papst am Ende noch, künftig bescheiden und unauffällig zu leben – wobei sie Zweifel erkennen lässt, ob das einem Mann gelingen kann, der über Jahre versucht hat, teils millionenschwere Geschäfte ans Laufen zu bringen. Jochen H. beteuert, er werde das schaffen. Den Menschen, die er geprellten hat, wird das allerdings nicht helfen. Das Urteil ist rechtskräftig.

** Name geändert

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