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Archäologe: "Auch die Riesaer waren Ötzis"

Schon vor ihrer Eröffnung stößt die neue Ausstellung im Riesaer Museum über den Gletschermann auf riesiges Interesse. Aber was hat die Mumie mit Sachsen zu tun?

Diese Nachbildung von Ötzi ist momentan im Riesaer Stadtmuseum zu sehen.
Diese Nachbildung von Ötzi ist momentan im Riesaer Stadtmuseum zu sehen. © Sebastian Schultz

Riesa. Michael Strobel vom Landesamt für Archäologie hält sich lieber mit Superlativen zurück. Diese gäbe es in seinem Beruf schon genug. "Archäologen sprechen oft von Sensation oder Jahrhundertfund", sagt er. Viele tun es, um ihre Entdeckungen anzupreisen und sie ins Rampenlicht zu rücken. Doch nur wenige Entdeckungen sind es wert, besonders herausgehoben zu werden.

Ötzi verdiene aber dieses Superlativ, sagt Strobel, der vor Kurzem die neue Ötzi-Ausstellung im Riesaer Stadtmuseum eröffnete. Der promovierte Archäologe erinnert sich noch ziemlich genau an jenen 19. September 1991, als Bergsteiger in den Alpen die Gletscherleiche entdeckten. 

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Strobel war gerade bei Ausgrabungen im Oberschwäbischen zu Gange, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer rund um die Welt verbreitete. Erst ging die Polizei von einem Verbrechen aus, zog dann aber relativ schnell Archäologen zu Hilfe. "Uns war damals allen klar, das ist ein Jahrhundertfund", erzählt er. Erstmals war eine natürliche Mumie eines Menschen aus der späten Jungsteinzeit entdeckt worden. Weil ihr Fundort in den Ötztaler Alpen lag, wurde sie Ötzi genannt.  

Der promovierte Archäologe Michael Strobel konnte bei der Eröffnung der Ötzi-Ausstellung in Riesa viele interessante Details aus der Zeit des Gletschermannes erzählen.
Der promovierte Archäologe Michael Strobel konnte bei der Eröffnung der Ötzi-Ausstellung in Riesa viele interessante Details aus der Zeit des Gletschermannes erzählen. © Sebastian Schultz

Auch FVG-Geschäftsführer John Jaeschke erinnert sich an den Herbst 1991. "Ich ging damals noch zur Schule und habe meine Geschichtslehrerin ausgefragt, ob sie denn nicht Näheres über den Gletschermann weiß", erzählt er. Leider hatte sie keine Antworten parat, denn zu diesem Zeitpunkt war der Mann aus dem Eis für die Wissenschaftler noch ein Rätsel. Knapp 30 Jahre später sind ein paar davon gelöst, z. B. wie alt er war, wie er ums Leben kam. Selbst, was er als letztes aß, haben die Forscher herausbekommen und so ihre Schlüsse auf das Leben der Menschen vor 5.000 Jahren gezogen.  

Jaeschke geht deshalb selbst staunend durch die Ötzi-Ausstellung des Neanderthal-Museums Mettmann aus Nordrhein-Westfalen und sei glücklich, dass sie jetzt auch im Riesaer Stadtmuseum zu sehen ist. Bis Anfang Januar soll sie hier Besucher anziehen.

Die Idee dazu kam von der hiesigen Museumspädagogin Brigitte Bock. Sie war und ist davon überzeugt, dass Ötzi in der Region auf großes Interesse trifft. Die Anzahl der Voranmeldungen scheint das zu bestätigen, sagt Museumsleiterin Maritta Prätzel. Nicht nur Schulklassen aus Riesa und Umgebung wollen mehr über den Gletschermann erfahren, auch Schulen aus Großenhain, Lommatzsch und sogar aus Nossen haben ihr Kommen angekündigt. Auch für die Herbstferien, die nächste Woche beginnen, haben sich Gruppen angemeldet.

Ötzi liegt in Riesa in einem Kasten. Allerdings nur als Foto. Eindrucksvoll und gruselig zugleich ist der Anblick dennoch.
Ötzi liegt in Riesa in einem Kasten. Allerdings nur als Foto. Eindrucksvoll und gruselig zugleich ist der Anblick dennoch. © Sebastian Schultz

Die echte Mumie ist allerdings nicht zu sehen, sondern nur eine lebensgroßes Foto in einem Kasten. "Den echten Ötzi rücken die Italiener nicht raus", sagt Michael Strobel. Immerhin gibt es eine Nachbildung. Sie zeigt einen Mann mittleren Alters mit Bart, Kleidern aus Fell und seinen Jagdwaffen. Die Gesichtszüge sind ernst, aber nicht abschreckend.

"Diese Puppe  sieht harmlos aus", sagt Strobel. Er kennt ganz andere Gesichtsrekonstruktionen des Ötzi-Schädels. Sie zeigen eher einen grimmigen Gesellen. "Mütter würden wohl sicherlich die Polizei rufen, wenn Ötzi plötzlich auf dem Spielplatz auftauchen würde", sagt der Archäologe. Allein seine äußere Erscheinung würde ihnen gehörig Angst machen. 

Der Referatsleiter vom Landesamt für Archäologie in Dresden und seine Kollegin Pavla Ender haben maßgeblich an der Ausstellung in Riesa mitgearbeitet, um auch einen regionalen Bezug herzustellen. Sie erweiterten sie mit Fundstücken aus Nünchritz, Zschepa und Göhlis, die etwa aus der gleichen Epoche stammen, in der Ötzi vor mehr als 5.000 Jahren lebte. 

In und um Riesa wurde viele Kugelamphoren gefunden. Sie stammen etwa aus der Zeit, in der auch Ötzi lebte.
In und um Riesa wurde viele Kugelamphoren gefunden. Sie stammen etwa aus der Zeit, in der auch Ötzi lebte. © Sebastian Schultz

Ötzi habe möglicherweise die Alpen überquert, aber sicherlich nie die Gegend an der Elbe erreicht, vermutet Strobel. Hier wurden keine Mumien aus dieser Zeit gefunden. Dafür aber Tonscherben, die Archäologen zusammengeklebt haben. Die sogenannten Kugelamphoren sind hierzulande das Wenige, was aus dem Zeitalter etwa 3.000 Jahre vor Christus nachweisbar ist. Menschen, die hier lebten, werden deshalb zur Kugelamphoren-Kultur gezählt. Sie reichte bis in die heutige Ukraine. Doch bestimmt hätten Menschen von hier damals unter ähnlichen Bedingungen gelebt, wie die Menschen in den Alpen. Das bringt Strobel zu der Erkenntnis: "Auch die Riesaer waren Ötzis."     

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