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Eine riskante Ausfahrt

Gerade mal einen Monat besitzt der Strehlaer die Fahrerlaubnis, als er mit Freunden durch Riesa kurvt. Erst kracht es beinahe, dann tatsächlich.

Symbolfoto.
Symbolfoto. ©  Pixabay

Riesa. Es ist ein Montag im August 2020, der sich als folgenschwer für den seinerzeit 19-jährigen Jörn M.* erweist. Mit drei damaligen Freunden, alle um die 15, ist der Strehlaer in seinem Opel Corsa durch Riesa unterwegs. Nach einem Eis-Stopp bei McDonald's verläuft die Autotour über Weida gen Innenstadt. Es geht die Brückenstraße neben dem Grube-Stadion entlang Richtung Bahnhof, als M. an der Kurve einen vor ihm fahrenden Bus überholt – obwohl er nicht sehen kann, was davor los ist. Es kommt nur deshalb nicht zur Kollision mit einem entgegenkommenden Auto, weil dessen Fahrer in die Gutenbergstraße ausweicht.

Die Brückenstraße mit dem Bushalt kurz vor der Rechtskurve. Dort geht es zum Bahnhof entlang. Links mündet die Gutenbergstraße ein – eine Einbahnstraße.
Die Brückenstraße mit dem Bushalt kurz vor der Rechtskurve. Dort geht es zum Bahnhof entlang. Links mündet die Gutenbergstraße ein – eine Einbahnstraße. © Eric Weser

Wenig später geht die Sache nicht so glimpflich aus. Da fährt M. auf die Kreuzung Puschkinplatz/Engelsstraße zu, an der nur Links- oder Rechtsabbiegen erlaubt ist. Doch M. lenkt den Corsa geradeaus – und kollidiert mit einem Nissan Almera, der in Richtung Engelsstraße unterwegs ist. Der Nissan erleidet einen Totalschaden, doch der Fahrer bleibt unverletzt. Ebenso wie eine Mitfahrerin aus dem Corsa und Jörn M. selbst. Eine weitere Mitfahrerin trägt hingegen Blessuren an der Halswirbelsäule davon, genauso wie der dritte Corsa-Mitfahrer.

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Die Kreuzung vor der AOK-Geschäftsstelle am Riesaer Puschkinplatz. Hier ist das Abbiegen nur nach links und rechts erlaubt – und Vorfahrt zu beachten.
Die Kreuzung vor der AOK-Geschäftsstelle am Riesaer Puschkinplatz. Hier ist das Abbiegen nur nach links und rechts erlaubt – und Vorfahrt zu beachten. © Eric Weser

Erinnerungslücken und Widersprüche

Für Jörn M. bedeutet der Unfall nicht nur einen Bruch mit der Clique. Er ist auch seinen Führerschein los. Gerade mal einen Monat hatte er ihn da überhaupt erst besessen.

Wegen der Geschehnisse an jenem Augustmontag wurde M. jetzt im Riesaer Amtsgericht der Prozess gemacht. Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und fahrlässige Körperverletzung lautete die Anklage.

Der heute 20-Jährige mit den dunklen Haaren zeigt sich geständig. Räumt das waghalsige Überholmanöver am Stadion ein. Dass er am Puschkinplatz geradeaus gefahren sei, erklärt er damit, dass er sich auf einen Parkplatz in der gegenüber gelegenen Lessingstraße fixiert habe. Eine Mitfahrerin habe einen Brief in der benachbarten AOK-Filiale abgeben wollen.

Das bestätigt die Jugendliche. Ansonsten können sie und die anderen zwei Mitfahrer nur bedingt helfen, die Abläufe während der Tour aufzuklären. Zwar berichten die zwei Teenagerinnen übereinstimmend von Schlängellinien, die M. gefahren sei. Aber ob er zu schnell oder zu riskant unterwegs war oder gar rote Ampeln überfuhr, da gehen ihre Schilderungen auseinander. Der einzige männliche Mitfahrer kann sich gar an überhaupt nichts mehr erinnern, was an jenem Tag vorgefallen war.

Aussagekräftiger sind die Einschätzungen der Jugendgerichtshilfe (JGH). Deren Mitarbeiterin wertet den Unfall als Ausnahmesituation für Jörn M., der an einem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom leidet und Medikamente nimmt, um sich besser konzentrieren zu können. M. habe wegen mangelnder Fahrpraxis die Situation im August falsch eingeschätzt, sei vermutlich überfordert und überreizt gewesen.

Geschehen macht Unfallfahrer zu schaffen

Obwohl der Strehlaer volljährig ist und auf die 21 zugeht, empfiehlt die JGH-Mitarbeiterin, ihn als Jugendlichen zu sehen, statt als Erwachsenen. Dafür spreche auch sein Umgang mit Jüngeren. Der Unfall mache dem ehrlich und emphatisch auftretenden Strehlaer schwer zu schaffen. Bei den Mitfahrern und deren Eltern habe er sich schon kurz danach persönlich entschuldigt. Auch einen Verkehrskurs habe er besucht. Nun sei sein größter Wunsch, seine Fahrerlaubnis zurückzubekommen.

Die hatte er nicht zuletzt deshalb gemacht, um seine Familie zu entlasten, hatte M. kurz zuvor erzählt. Durch den Unfall müssten ihn nun aber wie zuvor schon seine Angehörigen täglich unterstützen, in seinen 35 Kilometer entfernten Ausbildungsort zu gelangen.

Angesichts der Umstände zeigt sich Richter Herbert Zapf nachsichtig. Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft stellt er das Verfahren gegen den Lehrling, der kurz vorm Abschluss seiner Ausbildung in einem Dienstleistungsberuf steht, vorläufig ein. Binnen sechs Monaten muss M. nun noch einen sozialen Trainingskurs absolvieren.

Den Führerschein erhält der Strehlaer dann tatsächlich aus den Händen des Richters zurück. "Und wenn sie sich wieder ein Auto kaufen, erstmal allein und vorsichtig fahren", appelliert der Herbert Zapf noch in Richtung von M., ehe er die Verhandlung beendet.

*Name von der Redaktion geändert

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