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Zwischen Onkelz, Hosen und Helene Fischer

Die junge Band "Focus." hat in der Nünchritzer Kombi ihre erste CD aufgenommen. Es ist erstaunlich, was im hiesigen Jugendtreff alles möglich ist.

Im vergangenen Sommer entstand dieses Band-Foto auf dem Gras vor der Kombi in Nünchritz.
Im vergangenen Sommer entstand dieses Band-Foto auf dem Gras vor der Kombi in Nünchritz. © PR / Focus.

Nünchritz. Erst ein leises Klavier. Sehr melodisch, fast melancholisch. Eine Minute fragt sich der Zuhörer, ob er die falsche CD eingelegt hat. Dann ein hartes Gitarrenriff und ein Schlagzeug. Und eine raue Stimme. "Herzlich willkommen! Heut wird der Spieß mal umgedreht", schallt aus dem Lautsprecher. Was für ein Auftakt!

Der erste richtige Song auf dieser CD hat ihr auch den Namen gegeben: "Stadt ohne Liebe". Damit ist Riesa gemeint - die Heimat von Sänger Eric Zieger (22) und Bassist Erik Töpfer (21). Beide hatten vor vier Jahren die Band "Focus." gegründet. Der Punkt ist wichtig. Denn Bands mit diesem Namen scheint es mehrere zu geben. Und nicht zuletzt jene Zeitschrift, die mit "Fakten! Fakten! Fakten!" wirbt.

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Den Namen wollen sie erst einmal behalten. Schließlich sind die vier Jungs, zu denen aktuell auch die beiden Nünchritzer Brüder Jannik (22) und Nils (18) Görke gehören, damit in und um Riesa einem jüngeren Publikum bekannt geworden. "Seit die Görkes dabei sind, ist richtig Professionalität reingekommen", schwärmt Erik Töpfer von den Brüdern. "Sie beherrschen ihre Instrumente."

Als wenn jemand im Kopf die Repeat-Taste drückt

Das hört man der Punkrock-CD, die im Nünchritzer Jugendtreff Kombi entstand, auch an. "Stadt ohne Liebe" ist das, was ältere Menschen einen Ohrwurm nennen würden. Er gräbt sich so ins Gedächtnis ein, als hätte jemand im Kopf die Repeat-Taste gedrückt. Mit diesem Lied macht es Spaß, nachts über Riesas Straßen zu fahren, auch wenn die "Stadt, in der die Liebe ausgestorben scheint", nicht besonders gut wegkommt.

Dass der erst 22-jährige Eric Zieger eine derart raue Stimme hat, verblüfft jeden, der die CD gehört hat und ihn erst danach kennenlernt. Sie erinnert an die umstrittenen Böhsen Onkelz. "Ich habe früher die Onkelz gehört, aber in der Zwischenzeit habe ich mich davon distanziert", sagt er. Heute lasse er sich lieber von den Toten Hosen inspirieren.

Und womöglich auch von Schlagerstar Helene Fischer. Sie sang einst: "Mein Herz läuft Marathon, wenn ich in deine Nähe komm’. Ich geb’ es nicht gern zu, mein größter Schwachpunkt – bist du." Sie meinte damit nicht ihren damaligen Freund Florian Silbereisen, sondern Schokolade. - Auch bei "Focus." gibt es ein vermeintliches Liebeslied, das allerdings schneller aufgelöst wird, als bei Helene Fischer als "Die Sehnsucht nach einem frisch gezapften Bier".

Martin Rettig leitet den Kinder- und Jugendtreff der Volkssolidarität in Nünchritz. So sah der Keller noch vor dem Umbau aus.
Martin Rettig leitet den Kinder- und Jugendtreff der Volkssolidarität in Nünchritz. So sah der Keller noch vor dem Umbau aus. © Sebastian Schultz

Je länger man die CD hört, umso größer ist die Frage: Soll sie wirklich in der Kombi Nünchritz aufgenommen worden sein? Dessen Leiter Martin Rettig kann es bestätigen. Die Band hat hier geprobt und die Lieder aufgenommen. "Heutzutage kann man schon viel mit Computer machen, da braucht man kein großes Mischpult mehr wie früher", sagt er. Schon deutschlandweit bekannte Bands wie Knorkator und Virginia Jetzt! haben hier Konzerte gegeben. Mit der Band Rooster hatte es sogar schon mal eine Gruppe, die hier regelmäßig probte, bis zum Musikfernsehsender MTV geschafft. Darauf ist Rettig unglaublich stolz.

Und er sagt auch den vier Jungs von "Focus." eine ähnliche Karriere voraus. Allerdings ist der Zeitpunkt für ihre erste CD alles andere als günstig. "Seit Corona hatten wir keinen Auftritt mehr", sagt Eric Zieger. Ihr letztes Konzert ist mehr als ein Jahr her. Ende Januar 2020 spielten sie zum bislang letzten Mal vor Publikum in der Kombi.

Wäre die Pandemie nicht, hätten sie wohl schon viel eher ihre CD "Stadt ohne Liebe" herausgebracht. "Die Platte liegt, so wie sie ist, seit einem halben Jahr bereit", verrät Bassist Erik Töpfer. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt, sie rauszubringen. Denn der Druck der stetig wachsenden Fangemeinde wurde immer größer. Wenn sie schon keine Konzerte geben können, dann sollte doch wenigstens ihre Musik zu hören sein.

"Würden gern mal beim Back-to-Future spielen"

Zudem sind die Vier momentan dabei, die CD auch an Plattenlabels und Festivals zu verschicken, damit die Verantwortlichen dort aufmerksam auf den neuesten Kombi-Export werden. "Gerne würden wir auch mal auf dem Back-to-Future-Festival in Glaubitz spielen", sagt Eric Zieger. Das Open Air auf dem Reitplatz im Nachbarort soll vom 22. bis 24. Juli stattfinden und ist bisher noch nicht abgesagt. Mit ihrer Musik würden sie genau in das Punkrock-Festival passen.

Und natürlich sehnen sie sich auch nach einem Konzert in ihrem Nünchritzer Homeoffice. "Wir sind der Kombi auf ewig dankbar, denn was man hier geboten kriegt, ist enorm", so Erik Töpfer. Ein voll ausgestatteter Proberaum und ein Tonstudio. Auch die T-Shirts kann man hier kostengünstig gestalten und drucken. Für eine junge Band, die noch am Anfang ihrer Karriere steht, genau die richtige Unterstützung. "Und das alles in einem freundschaftlichen Umfeld", ergänzt er.

"Es ist ja mein Job, solche Talente zu fördern", sagt Martin Rettig, der im vergangenen Jahr seine Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher erfolgreich beendet hat. Aktuell proben in der Kombi, die von der Volkssolidarität Riesa-Großenhain betrieben wird, vier Nachwuchsbands. Das sind insgesamt 17 Jugendliche aus Nünchritz und Umgebung.

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