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Beim Kinderarzt rausgeflogen

Susanne Haarigs Tochter leidet an einer seltenen Krankheit. Nach einem Streit um die Grippe-Impfung möchte der Arzt sie nicht mehr behandeln.

Susanne Haarig mit ihrer Tochter Leonie Pia. Die Fünfjährige hat das Prader-Willi-Syndrom. Weil es zwischen Mutter und Kinderarzt zum Streit um die Grippeschutzimpfung kam, musste die Gröditzerin einen neuen Arzt für ihr Kind suchen.
Susanne Haarig mit ihrer Tochter Leonie Pia. Die Fünfjährige hat das Prader-Willi-Syndrom. Weil es zwischen Mutter und Kinderarzt zum Streit um die Grippeschutzimpfung kam, musste die Gröditzerin einen neuen Arzt für ihr Kind suchen. © Sebastian Schultz

Gröditz. Das Mädchen mit den lockigen Haaren lächelt, während es sich an die Eltern kuschelt. "Leonie ist eine fröhliche Natur, ein aufgewecktes Kind", sagt ihre Mutter Susanne Haarig. Und das trotz ihrer Krankheit.

Wer die Fünfjährige zum ersten Mal sieht, dem wird auch auffallen, dass etwas nicht stimmt. Leonie ist stark übergewichtig, eine Folge des Prader-Willi-Syndroms. Der Gendefekt tritt bei einem von 15.000 Kindern auf und bewirkt eine Veränderung im Zwischenhirn. "Meine Tochter hat zum Beispiel kein Sättigungsgefühl, wir müssen sehr aufpassen beim Essen", erklärt Susanne Haarig. Mit ihrer Tochter geht es regelmäßig nach Dresden zur Behandlung. Dort bekommt Leonie seit zwei Jahren Hormonpräparate, denn auch das Wachstum kann durch Prader-Willi gestört sein.

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Die medizinische Betreuung ist wichtig, gerade bei einem Kind wie Leonie. Umso größer war für Susanne Haarig der Schock, als sie von einem Tag auf den anderen ohne Arzt für ihre Tochter dastand. "Wir waren zu einer Routineblutabnahme dort", erzählt die Gröditzerin. Als die beendet war, habe der Kinderarzt Leonie gleich noch gegen Grippe impfen wollen. Susanne Haarig lehnte ab. Woraufhin ihr der Arzt bedeutete, ihre Tochter unter diesen Umständen nicht mehr weiter behandeln zu können. "Ich habe geweint, das war mir in dem Moment alles zu viel", erinnert sich Haarig.

Angst vor Nebenwirkungen

Beim Nein zur Impfung bleibt sie aber weiterhin. Sie sorge sich wegen möglicher Nebenwirkungen, erklärt die Mutter. "Leonie leidet oft unter Pseudo-Krupp." Womöglich könne sich der durch die Impfung im Zusammenspiel mit der Erkrankung verschlimmern, so Susanne Haarigs Angst. Nur: Ist das ein Grund, Leonie nicht mehr weiter zu behandeln?

Sie sei keine Impfgegnerin, betont Susanne Haarig, die Pflichtimpfungen habe Leonie. "Es fehlt nur die Tetanus-Auffrischung, für die haben wir aber schon einen Termin", sagt die Mutter. "Ich finde dieses Verhalten einfach nicht gerechtfertigt."

Kinderarzt Joachim Frey bestätigt auf Nachfrage, dass er die weitere Behandlung des Kindes beendet, und auch, dass es Differenzen in Bezug auf die Impfung gegeben habe. Kinder mit Prader-Willi-Syndrom hätten kein größeres Risiko für Nebenwirkungen. "Das ist ein sicherer, gut verträglicher Impfstoff. Und bei Leonie bestehen medizinische Risikofaktoren, die eine Grippeschutzimpfung indizieren." Influenza sei eine schwere Erkrankung, die bei chronisch kranken Kindern gefährlich werden könne.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut erwähnt Prader-Willi nicht explizit in ihren Empfehlungen für die Impfung, anders als etwa die CDC in den USA. Auf Nachfrage heißt es aber, dass sich eine Gefährdung durch Grippe für Prader-Willi-Patienten ableiten lasse. "Hier sollte immer auf die Erfahrungen des behandelnden Arztes gehört werden", teilt eine Sprecherin mit.

Kinderarzt: Konflikte gab es schon länger

Zum Bruch mit der Familie kam es aber nicht allein, weil die Eltern die Grippeschutzimpfung abgelehnt hatten. "Es hat sich schon über einen längeren Zeitraum etwas angestaut", erklärt der Arzt. Wegen der ärztlichen Schweigepflicht kann der Mediziner nicht ins Detail gehen. Aber es habe in der Vergangenheit schon des Öfteren Differenzen gegeben, was Leonies Behandlung anbelangt.

Irgendwann sei das Vertrauensverhältnis einfach nicht mehr gegeben. "Als Kinderarzt ist man Interessenvertreter der Kinder", sagt Frey. "Da kann es leider passieren, dass zu den Eltern entgegengesetzte Positionen entstehen. Meistens kann man diese aber gemeinsam im Interesse des Kindes lösen." In den Jahrzehnten, die er mittlerweile in der Region praktiziert, sei das erst der zweite Fall, in dem er das Patientenverhältnis beendet habe.

Susanne Haarig reagiert verwundert auf diese Aussagen. Sie habe nie das Gefühl gehabt, besonders oft mit dem Kinderarzt über die Behandlung aneinander geraten zu sein. "Ich hätte mir gewünscht, dass wir offen darüber reden."

Patienten können Behandlung nicht einklagen

Will ein Arzt einen gesetzlich versicherten Patienten nicht mehr weiterbehandeln, dann können diese sich im Grunde nur an die Kassenärztliche Vereinigung wenden, erklärt Anja Lehmann von der Unabhängigen Patientenberatung (UPD). "Ein Arzt ist zwar grundsätzlich verpflichtet, zu behandeln. Er kann diese Behandlung aber in begründeten Fällen ablehnen." So steht es im Bundesmantelvertrag Ärzte. Was ein begründeter Fall ist, sei aber gesetzlich nicht geregelt. Urteilssprüche der Vergangenheit legen nahe, dass insbesondere ein gestörtes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ein solcher Grund sein kann.

Einklagen können Patienten die Behandlung nicht, sagt Anja Lehmann. "Sie können sich lediglich bei der Kassenärztlichen Vereinigung beschweren." Die prüfe dann und verhänge eventuell Sanktionen, wenn der "Rauswurf" aus der Praxis nicht gerechtfertigt sein sollte; so könne ein Arzt etwa gerügt werden. "Aber all das führt nicht dazu, dass Sie vom Arzt behandelt werden", betont die juristische Beraterin der UPD. "Der Patient ist nur Informationsgeber." Und mit der Weitergabe einer solchen Beschwerde sei das Vertrauensverhältnis wahrscheinlich in jedem Fall dahin.

Susanne Haarig hatte derweil Glück. "Ich habe relativ schnell eine neue Ärztin für Leonie in der Region gefunden", sagt sie. Die Grippeschutzimpfung war dort bisher kein Thema, sagt sie.

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