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Ortshistorie lebt auf

Bei der Mondscheinführung wird Canitzer Geschichte lebendig – vom Freiherrn bis zum Flieger.

Prost! Die Schmiede von Ralf Zscherper (l.) war am Wochenende Teil der Mondscheinführung, die diesmal durch Canitz führte. Auch wenn es nach Bier aussieht – in den Flaschen der Männer fand sich nur Wasser.
Prost! Die Schmiede von Ralf Zscherper (l.) war am Wochenende Teil der Mondscheinführung, die diesmal durch Canitz führte. Auch wenn es nach Bier aussieht – in den Flaschen der Männer fand sich nur Wasser. © Foto: Lutz Weidler.

Riesa. Nach mehr als fünf Stunden ist in der Nacht zu Sonnabend die letzte von insgesamt 30 Mondscheinführungen durch Canitz zu Ende gegangen. An zwei Abenden, Freitag und Sonnabend, hatte es die Führungen durch die Ortschaft gegeben. Anlass war das 800-jährige Jubiläum des zu Riesa gehörenden Dorfes.

„Die Vorbereitungen laufen schon seit Februar“, erzählt Maritta Prätzel, Leiterin des Stadtmuseums Riesa und Organisatorin. „So etwas haben viele noch nicht erlebt. Es ist ein tolles und einmaliges Kulturereignis. Die Karten sind schon Wochen vorher ausverkauft gewesen. Wir spielen an jeder Station Theater und zeigen Episoden aus der Canitzer Geschichte.“

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Noch vor dem Beginn des Rundgangs durch Canitz konnten sich die Besucher am Imbissstand mit Bratwurst im Brötchen und Getränken für die lange Wanderschaft stärken – gut zweieinhalb Stunden waren für die Tour insgesamt angesetzt.

Junge und alte Besucher strömten am Freitag und Sonnabend nach Canitz, um bei der Mondscheinführung dabei zu sein.
Junge und alte Besucher strömten am Freitag und Sonnabend nach Canitz, um bei der Mondscheinführung dabei zu sein. © Foto: Lutz Weidler.

Während dieser bekamen die Gäste dann einiges geboten: Mehr als 60 Laiendarsteller zeigten an 13 Stationen Szenen aus den vergangenen Jahrhunderten. Von den Zuschauern wurden die Aufführungen mit viel Applaus bedacht.

Neben der Historie spielte auch das aktuelle Dorfleben eine Rolle. Zum Beispiel der Segelfliegerclub Riesa-Canitz, der gleich mal ein Flugzeug auf den Sportplatz im Ort mitgebracht hatte.

Auch die jüngere Ortsgeschichte war bei der Mondscheinführung mit vertreten: Die 18-jährige Sandra Preißler saß in einem Segler vom Segelfliegerclub Riesa-Canitz.
Auch die jüngere Ortsgeschichte war bei der Mondscheinführung mit vertreten: Die 18-jährige Sandra Preißler saß in einem Segler vom Segelfliegerclub Riesa-Canitz. © Foto: Lutz Weidler.

Mayk Schuster berichtete dabei von den Erfolgen des Vereins, der 2015 sogar in die erste Bundesliga der Segelflieger aufsteigen konnte. Den Streckenrekord des Klubs hält übrigens Ralph Losemann, der von Canitz bis nach Peenemünde an die Ostsee und zurück flog – und dann bei gutem Aufwind noch einen Abstecher Richtung Polen machte. 958 Kilometer in neun Stunden – beachtlich.

Das findet auch Karla Eckert, die am Freitagabend die erste der vielen Gruppen durch Canitz leitete und am Sonnabend erneut im Einsatz war. „Ich mache die Mondscheinführungen schon seit fünf Jahren mit“, erzählt die Riesaerin, die sich dafür freiwillig gemeldet hat – so, wie die anderen 20 Gästeführer auch.

Karla Eckert gehörte zu den 21 Gästeführern, die bei der Mondscheinführung im Einsatz waren.
Karla Eckert gehörte zu den 21 Gästeführern, die bei der Mondscheinführung im Einsatz waren. © Foto: Lutz Weidler.

Vom Start an der „Canitz-Information“, die extra auf einem Nebenplatz errichtet wurde, ging es weiter zum Dorfschmied Zscherper, der früher gegenüber auch noch eine Gastwirtschaft betrieb. Während die Schauspiel-Frauen ihre Männer dort vermuteten, saßen diese fröhlich in der Schmiede beim Bier und einigen „Kurzen“, die laut Maritta Prätzel „aber nur mit Wasser gefüllt sind“. Es wurden Schmiede-Sprüche geklopft. Unter anderem: „Solange die Schmiede saufen, werden alle Pferde laufen. Sobald sie aber nicht mehr trinken, werden alle Pferde hinken.“ Was deren Frauen allerdings nicht beeindruckt. „Aber heem jetzt!“

Weiter ging es zum alten Canitzer Schloss, das nach seinem Jahrzehnte zurückliegenden Abriss in Form eines kleinen weißen Zeltes mitten auf dem Sportplatz wieder auferstanden war. Susan Grandt, Bärbel Fritzsche, Katrin Dierchen, Peter Margenberg und Uwe Schirrmeister boten eine tolle Showeinlage in historischen Kostümen.

Am Canitzer Sportplatz erwachte der einstige Schlossherr Peter Nikolaus Freiherr von Gartenberg (r., dargestellt von Peter Margenberg) von mit Ehefrau (dargestellt von Katrin Dierchen) zum Leben.
Am Canitzer Sportplatz erwachte der einstige Schlossherr Peter Nikolaus Freiherr von Gartenberg (r., dargestellt von Peter Margenberg) von mit Ehefrau (dargestellt von Katrin Dierchen) zum Leben. © Foto: Lutz Weidler.

Dabei ging es um Peter Nikolaus Freiherr von Gartenberg, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts den Bau eines neuen Schlosses mit Schlossteich, französischem Park und Gartenpavillon veranlasst hatte. Von Gartenberg war ein sächsisch-polnischer Staatsmann, dänischer Herkunft und ein enger Vertrauter des Premierministers von Brühl. Anstelle des Schlosses gibt es heute die gepflegten Sportanlagen der Canitzer Kicker.

Auch vor der Canitzer Kirche gab es eine Station. Mit dabei: Heiko Töpfer, Thomas Eisenreich, Marie Fischer und Jan Sperschneider (v.l.n.r.).
Auch vor der Canitzer Kirche gab es eine Station. Mit dabei: Heiko Töpfer, Thomas Eisenreich, Marie Fischer und Jan Sperschneider (v.l.n.r.). © Foto: Lutz Weidler

Weitere Stationen der 19. Mondscheinführung waren unter anderem das Landambulatorium und die neu erstandene Kirche, bevor ganz zum Schluss noch ein anderer Show-Höhepunkt in der geschmückten Canitzer Scheune auf die Besucher wartete: Travestie-Künstlerin Vanessa P. begeisterte die vom vielen Gehen teils schon etwas ermüdeten Gäste mit ihrem musikalischen und tänzerischen Auftritt.

Organisatorin Maritta Prätzel freute sich über das große Publikum, das am Wochenende den Weg zur Veranstaltung in Canitz gefunden hatte. „Am Freitag waren bis gegen 20 Uhr vor allem die Älteren unterwegs. Danach fast nur noch junge Leute und Familien mit Kindern“, erzählt sie. „Es ist schön, dass wir auch die Jugend für die Mondscheinführungen kriegen konnten.“

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