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Cannabis-Gärtner muss hinter Gitter

Wegen einer äußerst ungünstigen Sozialprognose kam für das Riesaer Amtsgericht eine Verurteilung auf Bewährung nicht in Betracht.

Symbolfoto: Bei einer Razzia stellen Polizisten Cannabispflanzen sicher. Ein ähnlicher Fall hat sich auch in Strehla ereignet.
Symbolfoto: Bei einer Razzia stellen Polizisten Cannabispflanzen sicher. Ein ähnlicher Fall hat sich auch in Strehla ereignet. © Marko Förster

Strehla/Riesa. Ein gewisser gärtnerischer Stolz ist in den Ausführungen von Stefan B. nicht zu überhören. Und das, obwohl er wegen seines grünen Daumens auf der Anklagebank sitzt. Der Strehlaer hat nicht wie jeder normale Laubenpieper Gurken und Tomaten angepflanzt, sondern Cannabis. Mit einem ausgefeilten Equipment und beachtlichem Erfolg, wie Richterin Ingeborg Schäfer feststellt. Dumm nur, dass solche Erfolge meist mit einem Freifahrtschein zur nächsten Justizvollzugsanstalt gewürdigt werden. Dorther kommt Stefan B. bereits, denn bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand die Polizei immerhin 450 Gramm exzellent verarbeitetes Gras.

Ja, er habe richtig gutes Zeug herstellen wollen, erklärt der 36-Jährige. Am besten gleich einen Vorrat, mit dem man zwei Jahre lang hinkommt. Er sei schon seit vielen Jahren drogensüchtig. Als die Polizei ihn in seinem früheren Wohnort Osnabrück mit Stoff erwischte, habe er eine hohe Geldstrafe zahlen müssen. Das sollte ihm nicht noch einmal passieren. Also habe er beschlossen, Marihuana in seiner Wohnung zu produzieren und gleich zu konsumieren. Stefan B. legte sich also ein entsprechendes Equipment zu – den Schrank, die Beleuchtung, die Feinwaage. Bei Letzterer wird die Staatsanwältin stutzig. Die Wägetechnik sei doch ein ziemlich klares Indiz für Drogenhandel. Nein, nein, korrigiert Stefan B., die brauche man auch, wenn man die Cannabisblüten ordentlich weiterverarbeiten will. Wieder dieser fachmännische Stolz, der später bei der Strafbemessung noch eine Rolle spielen wird.

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Wo er denn das Geld für seine züchterischen Bemühungen herhabe, wird B. gefragt. Der Strehlaer geht wegen seines ausufernden Drogenkonsums schon seit Jahren keiner Arbeit nach und lebt von Sozialhilfe. Ein Jahr lang war er sogar obdachlos, wohnte in einem Zelt an der Elbe und hielt sich mit Betteln über Wasser. Nun, das Geld habe er sich vom Munde abgespart, als er wieder eine Wohnung und Zuwendungen vom Sozialamt bekommen hatte, erklärt der Cannabis-Gärtner. Das Equipment für den Anbau könne man gebraucht und billig übers Internet bekommen. Allerdings habe der mehrwöchige Aufenthalt im Knast ihn jetzt zum Umdenken gebracht. Das und seine 18-jährige Verlobte, die ihm Halt gebe. Er konsumiere nun keine Drogen mehr, und der Verzicht sei ihm erstaunlich leichtgefallen. Jetzt wolle er sich einen Job suchen und endlich sein Leben leben.

Als sich das Gericht mit der persönlichen Situation des 36-Jährigen beschäftigt, wachsen allerdings die Zweifel an dieser Lesart. Denn eigentlich hat Stefan B. eine klassische Drogenkarriere hingelegt, die schon in frühester Jugend begann. Aus einer zerrütteten Familie stammend, geriet er als Dauerkiffer früh ins soziale Abseits. Kein Schulabschluss, abgebrochene Ausbildung, falsche Freunde. Mit Letzterem hängt ein zweiter Anklagepunkt zusammen. Stefan B. wurde in Osnabrück mit einem ganzen Arsenal verschiedener Drogen erwischt. Jedes Mal, wenn er einen neuen Rückschlag erlebt habe, sei eine neue Drogensorte hinzugekommen, erklärt der Angeklagte.

Angesichts dieser Vorgeschichte will die Staatsanwaltschaft keine günstige Sozialprognose stellen. Das umso mehr, als Stefan B. schon viele Male mit dem Gesetz in Konflikt gekommen ist. Zu Buche stehen unerlaubter Waffenbesitz, Betrug, Urkundenfälschung und natürlich Drogendelikte. Ob er sich darüber im Klaren sei, dass er das Geld für den Cannabis-Anbau letztlich vom Steuerzahler bekommen habe, fragt die Anklagevertreterin. Das Schöffengericht folgt mit einem Jahr und sechs Monaten Freiheitsentzug ohne Bewährung ihrem Strafantrag. Der Drogenkonsum ziehe sich schon so lange durchs Leben von Stefan B., sagt Richterin Ingeborg Schäfer, dass sie nicht an eine Besserung aus eigener Kraft glaube. Ohne Therapie komme er aus dem Teufelskreis nicht heraus. Deshalb solle er den Freiheitsentzug als Chance begreifen und hinter Gittern versuchen, von den Betäubungsmitteln loszukommen.

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