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Zuletzt überall und nirgends

Darum geht der Riesaer Pfarrer Johannes Grasemann in den Vorruhestand. Auch um der Gesundheit willen.

Pfarrer Johannes Grasemann sitzt auf den Stufen vor der Trinitatis-Kirche. Hier hält er am Sonntag seinen Abschiedsgottesdienst.
Pfarrer Johannes Grasemann sitzt auf den Stufen vor der Trinitatis-Kirche. Hier hält er am Sonntag seinen Abschiedsgottesdienst. © Sebastian Schultz

Riesa. Es ist ein Kommen und Gehen auf den Kanzeln der Riesaer Kirchen. Nachdem erst im Frühjahr die neue Pfarrerin Luise-Catharina Quenstedt in der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde willkommen geheißen wurde, verlässt jetzt mit Johannes Grasemann wieder ein erfahrener Pfarrer die Stadt Riesa. Der gebürtige Thüringer ist innerhalb von 14 Monaten bereits der zweite hiesige Kirchenmann, der 63 Jahre geworden ist und die Möglichkeit des Vorruhestandes nutzt. Im Mai 2020 tat dies bereits Pfarrer Gunter Odrich.

Die Zeiten, da Pfarrer erst mit 70 Jahren oder später in den Ruhestand gehen, scheinen vorbei. Möglicherweise auch, weil die sächsische Landeskirche seit Jahren einen Personalnotstand hat. Weniger Mitglieder bedeuten weniger Pfarrstellen. Viele bleiben zudem unbesetzt, weil es zu wenige Theologen gibt. Auch in der evangelischen Kirche. Dabei müssen die protestantischen Geistlichen nicht wie ihre katholischen Kollegen auf Familie verzichten.

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Der Personalrückgang führt dazu, dass sich weniger Pfarrer um mehr Kirchen kümmern müssen. Und das hat letztendlich auch etwas mit Verschleiß zu tun. "Wer in den Vorruhestand gehen kann, der macht es auch", so Grasemann. Das sei in vielen Berufen so, nicht nur bei Pfarrers. "Viele haben Verständnis dafür", sagt er.

Als Aushilfe nach Riesa und Strehla

2017 hatte die sächsische Landeskirche ihn gebeten, als Pfarramtsleiter in Riesa auszuhelfen. Dabei war er auch für Strehla zuständig, ohne selbst in Strehla zu wohnen, was dort nicht jedem gefiel. "Aber wichtiger als die Anschrift, ist die Erreichbarkeit und Zuverlässigkeit", sagt Grasemann. 2019 kam die Kirchgemeinde Staucha zu seinem Einsatzgebiet dazu. "Von da an war ich nur noch auf Achse", erinnert er sich. Als dann auch noch Pfarrer Odrich in den Vorruhestand ging, sei ihm klar gewesen, dass er nie an allen Stellen genug sein kann. Er war überall und nirgends.

Das habe sich auch auf seine Gesundheit ausgewirkt. Er will es nicht an die große Glocke hängen, verrät nur so viel: "Mein Viertaktmotor fährt nur noch auf drei Töppen." Dann wird er nachdenklich. "Ich habe in den letzten Jahren viele junge Menschen beerdigt. Da kommt man ins Grübeln." Das änderte sich auch nicht, als der Glaubitzer Pfarrer Martin Scheiter im Juni 2020 die Riesaer Pfarramtsleitung übernahm.

Im ersten Lockdown vor einem Jahr wurde ein Gottesdienst mit Pfarrer Johannes Grasemann in der Mautitzer Kirche von Riesa TV aufgezeichnet. Dabei sang er auch und wurde von Kantor Sebastian Schwarze-Wunderlich an der Orgel begleitet.
Im ersten Lockdown vor einem Jahr wurde ein Gottesdienst mit Pfarrer Johannes Grasemann in der Mautitzer Kirche von Riesa TV aufgezeichnet. Dabei sang er auch und wurde von Kantor Sebastian Schwarze-Wunderlich an der Orgel begleitet. © Lutz Weidler

Die Entscheidung steht: Johannes Grasemann geht in den Vorruhestand. Am kommenden Sonntag wird er beim Gemeindefest ab 14 Uhr in der Trinitatiskirche verabschiedet. Seinen letzten Gottesdienst als amtierender Pfarrer hat er unter das Motto "Über sieben Brücken musst du gehn" gestellt. Den Karat-Klassiker findet er sehr passend. Denn sowohl in seiner Geburtsstadt Gera als auch in den Orten, wo er Pfarrer war, gab es immer einen Fluss und damit auch Brücken, über die er gegangen ist. Und am Ende jeder "Brücke" gab es einen emotionalen Abschied. So wird es, hofft er, auch in Riesa sein.

"Jeder Stellenwechsel bedeutet auch Loslassen und Trauer", sagt er. Denn überall sei es schön gewesen, weil es Menschen gab, die ihn unterstützten. Nicht zuletzt seine Frau Brigitte. Sie habe ihm immer den Rücken freigehalten und sich sozial engagiert. So hatte sie die Telefonseelsorge übernommen. "Wenn es klingelte, war sie zu Hause und nahm sich Zeit zum Zuhören", erzählt er. Außerdem betreute sie gemeinsam mit anderen das Pilgerhaus im Strehlaer Pfarrhof. Vor Corona wurden dort durchschnittlich 200 Übernachtungen pro Jahr gezählt. Seine Frau richtete in Strehla auch einen Eine-Welt-Laden ein, der allerdings jetzt schließen wird. Das monatliche Frauenfrühstück, das Brigitte Grasemann eingeführt hat, soll aber weiter angeboten werden.

Und noch eine gute Nachricht hat Johannes Grasemann für Strehla parat. Die dortige Pfarrstelle soll neu ausgeschrieben werden. Er selbst möchte jetzt erst einmal mehr Zeit für seine Familie haben. Er freut sich darauf, ab August sich häufiger um seine Kinder und Enkel kümmern zu können.

Bereits im April ist er nach Oschatz gezogen, ins Elternhaus seiner Frau. Ganz ausschließen, jemals wieder einen Gottesdienst zu halten, möchte er nicht. Denn Pfarrer bleibt man ein Leben lang. "Aber vielleicht tausche ich die Kanzel mit der Orgel", sagt er. Denn die Königin aller Instrumente hat er schon als 15-Jähriger gern gespielt.

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