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Der Macher wird 90

Unter Baubürgermeister Günter Colve veränderte Riesa nach der Wende sein Gesicht. Bald feiert er ein Jubiläum. Und hat einen besonderen Geburtstagswunsch.

Seit mehr als 65 Jahren verheiratet: Riesas ehemaliger Baubürgermeister Günter Colve und seine Frau Maria.
Seit mehr als 65 Jahren verheiratet: Riesas ehemaliger Baubürgermeister Günter Colve und seine Frau Maria. © Klaus-Dieter Brühl

Der Aufstieg zur Wohnung ist beschwerlich. Jedenfalls für jemanden, der bald 90 Jahre alt wird. Günter Colve steht oben und lacht: „Wir sind hier 1995 eingezogen. Damals haben wir doch nicht daran gedacht, dass wir mal so alt werden.“ Wir, das sind er und seine Frau Maria. Seit mehr als 65 Jahren sind die beiden miteinander verheiratet. Kennengelernt haben sie sich in Zittau, als Günter Colve dort an der Bauschule studierte, seinen Abschluss als Bauingenieur machte.

Auch sein Aufstieg bis dahin war beschwerlich. „Eigentlich habe ich ja einen Migrationshintergrund“, sagt der frühere Riesaer Baubürgermeister und lacht wieder. Geboren und aufgewachsen ist er in Danzig. „Das war damals autonomes Gebiet. Wir hatten eine eigene Staatsbürgerschaft und eigene Währung“, erinnert er sich. Die Freie Stadt Danzig war ein teilsouveräner Staat unter Aufsicht des Völkerbundes. Mit Inkrafttreten des Friedensvertrages von Versailles wurde Danzig am 10. Januar 1920 mit seinen umliegenden Gebieten von Deutschland abgetrennt und am 15. November 1920 zu einem unabhängigen Staat.

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Es verschlug ihn zunächst nach Hamburg. Er begann dort eine Lehre als Zimmermann. „Das war eine schwere Zeit. Ich habe die Bombenangriffe auf die Stadt miterlebt. Die Familie war getrennt, ich weiß, was Hunger und Armut bedeuten“, sagt er. Erst über den Suchdienst des Roten Kreuzes findet die Familie - der Vater, der im Krieg war, die Mutter, zwei Geschwister und er - 1947 wieder zusammen.

Günter Colve im Mai 2011 auf der neuen Schlossbrücke. Als Stadtrat setzte er sich nach seiner beruflichen Tätigkeit sehr für den Bau dieser Brücke ein.
Günter Colve im Mai 2011 auf der neuen Schlossbrücke. Als Stadtrat setzte er sich nach seiner beruflichen Tätigkeit sehr für den Bau dieser Brücke ein. © Archivfoto: Alexander Schröter
Der Bau der Rostocker Straße, die durch das Gewerbegebiet führt, war eines seiner wichtigsten Projekte.
Der Bau der Rostocker Straße, die durch das Gewerbegebiet führt, war eines seiner wichtigsten Projekte. © Lutz Weidler
Damals wars: Baubürgermeister Günter Colve in den 1990er Jahren. in seinem Büro. Unter seiner Regie veränderte Riesa sein Gesicht.
Damals wars: Baubürgermeister Günter Colve in den 1990er Jahren. in seinem Büro. Unter seiner Regie veränderte Riesa sein Gesicht. © Archivfoto: Schröter

Günter Colve packt mit an, arbeitet beim Bau der Talsperre in Sosa. Nach dem Studium in Zittau wird er an ein Dresdner Ingenieurbüro mit Zweigstelle in Großenhain vermittelt. Dort bleibt er nicht lange. „Ein Riesaer Baubetrieb hatte mich abgeworben“, sagt er. Das war nicht schwer, denn die „Währung“ war damals Gold wert. Die Familie bekommt in Riesa ihre erste eigene Wohnung.

35 Jahre wird er im VEB (K) Kreisbau Riesa, dem späteren Bau- und Montagekombinat (BMK), arbeiten, als Bauleiter, Haupttechnologe, zuletzt als Leiter der Außenstelle des Ingenieurbüros Ipro. Dann kommt die Wende und die Auflösung des Kombinates. Er spielt mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. Doch dann bekommt er ein Angebot, das man nicht abschlägt. Der damalige Riesaer Bürgermeister Manfred Jope bietet ihm an, das Bauamt der Stadt zu leiten.

„Ich habe nicht lange überlegt, auch meine Frau hatte mir zugeraten“, sagt er. Günter Colve wird vom Stadtrat gewählt und tritt am 1. Juli 1990 die Stelle an, ist, wie Horst Barth auch, Stellvertreter des Bürgermeisters.

Diskutiert bis Mitternacht

Colves Berufung sollte sich als Glücksgriff erweisen. Er war eben kein Verwalter, keiner, der lange herumdiskutiert, sondern einer, der anpackt, ein Macher eben. Und macht sich damit nicht nur Freunde. Seine Arbeitswut ist manchem ein Dorn im Auge, doch es gibt viel zu tun, abwarten ist für ihn keine Option. „Es war schwer, Konzepte mit dem Team und den Ingenieurbüros zu entwickeln. Dann mussten wir noch die Zustimmung dafür im Stadtrat bekommen. Da haben wir manchmal im Stadtrat bis Mitternacht diskutiert.“ Doch das trägt Früchte. „Bei Fördermittelvergaben waren wir fast immer die ersten, lagen unsere Projekte schon längst fertig auf dem Tisch, wenn die anderen erst anfingen“, sagt er. Wer zuerst kommt, mahlt eben zuerst.

Und so kommt Riesa an viele Fördermitteltöpfe heran. Günter Colve muss ob seiner Arbeitsweise viel Kritik, auch unsachliche, einstecken. Das geht ihm sichtlich nahe, denn unter der harten Schale steckt ein weicher Kern. „Ich habe danach manch schlaflose Nacht gehabt“, sagt er.

Gegenwind kommt auch von Oberbürgermeister Horst Barth (FDP) und Kulturbürgermeister Köhler (CDU). „Köhler und ich waren Konkurrenten. Er wollte immer viel Geld für seinen Bereich, ich für meinen. Wir vier Bürgermeister waren nicht immer Freunde, haben aber in der Sache stets gut zusammengearbeitet“, sagt der 89-Jährige.

Colves Aufgaben sind klar umrissen: Umwelt, Verkehr, Städtebau. „Es war eine schwere, aber auch eine schöne Aufgabe, weil wir immer unmittelbar sehen konnten, was wir geschaffen hatten“, sagt er. Unter Colve verändert Riesa rasant sein Gesicht. Die Jahna, eine einzige Kloake, und die stinkende Elbe werden nach und nach sauber durch den Bau von Abwasseranlagen. Unter seiner Regie werden die Riesaer Stadtwerke aufgebaut. Zuvor wurden große Teile der Wohnungen mit Abwärme aus dem Stahlwerk versorgt. Mit dem Werk verschwand auch diese Form der Fernwärmeversorgung.

Und Colve gründet auch die beiden Zweckverbände für Wasser und Abwasser. Aus der Hauptstraße wurde ein moderner und schicker Fußgängerboulevard. Das verfallene Altriesa wurde saniert, ebenso der Elbuferbereich. Ein Herzensanliegen war für ihn, den Verkehr aus dem Stadtgebiet herauszubekommen. Er kämpft leidenschaftlich für die Innenstadttangente, eine Art Stadtautobahn, auf der die Fahrzeuge von der Elbbrücke kreuzungsfrei Riesa passieren können, und für den Bau der Rostocker Straße.

Auch hier agiert Colve pragmatisch, schafft vollendete Tatsachen, wie es heute gar nicht mehr möglich wäre. „Wir haben die Straße einfach gebaut, obwohl die Eigentumsverhältnisse noch gar nicht geklärt waren“, sagt er und lächelt. Die Landeigentümer, deren Flächen teilweise benötigt wurden, sind später entschädigt worden. Da war die Straße längst fertig.

Die Zuständigkeit entzogen

Nicht immer konnte sich Günter Colve durchsetzen. Beim Bau der WM-Sporthalle ist er sich mit Wolfram Köhler ja noch weitgehend einig. Köhler bekam seinen Willen, ebenso wie den Umbau des Leichtathletikstadions. „Das wurde derart modern ausgebaut, dass dort Weltrekorde hätten gelaufen werden können“, sagt er. Tatsächlich fand dort nie eine bedeutende Leichtathletikveranstaltung statt. Eine Fehlinvestition also? Günter Colve drückt sich um die Antwort. „Wir waren damals von einem Wachstum der Stadt ausgegangen. Auch der Sportklub Riesa hat sich nicht so entwickelt wie erwartet“, weicht er aus.

Eine klare Haltung hat er zur Arena. Hier gibt es sehr unterschiedliche Vorstellungen. „Die ist für Riesa eine Nummer zu groß. Mit dieser Haltung bin ich mit Köhler und Barth zusammengestoßen“, erinnert er sich. Er wollte eine lichtdurchflutete Halle für den Breitensport, Köhler eine fensterlose, weil das für Fernsehübertragungen besser ist. Oberbürgermeister Barth löst das Problem pragmatisch. Er entzieht Colve die Zuständigkeit für die Halle. Wieder bekommt Köhler seinen Willen. Heute ist Günter Colve nachsichtiger: „Manchmal lag er vielleicht gar nicht so verkehrt, hat wohl eher recht gehabt.“

1999 beendet Günter Colve seine Tätigkeit mit 68 Jahren. Das Beamtengesetz sieht dies als Altersgrenze vor. „Ich hatte aber auch genug, 55 Arbeitsjahre hinter mir“, sagt er. Doch ganz kann er von der Stadtpolitik nicht lassen. Zwei Legislaturperioden sitzt er für die SPD im Riesaer Stadtrat, setzt sich vor allem für den Bau der Schlossbrücke ein.

Aus der SPD ist er inzwischen ausgetreten. Er habe im Ortsverein nichts mehr bewegen können, sagt er. Doch auch mit der derzeitigen Bundesspitze fremdelt er. Wählen will er die SPD, in die er 1990 eintrat, weil sie die einzige Nicht-Blockpartei war, nicht mehr. Im Alter werde man ja konservativer. „So kann es passieren, dass ich mit 90 Jahren das erste Mal CDU wähle. Aber das weiß ich noch nicht genau“, so der Ex-Baubürgermeister.

2010 wird ihm noch einmal eine besondere Ehre zuteil. Er wird zum Ehrenbürger von Riesa ernannt. Damit ist er der einzige noch lebende Ehrenbürger der Stadt.

Die Zeit nutzen er und seine Frau nun für etwas, was sie schon immer gern gemacht haben: das Reisen. Schon zu DDR-Zeiten sind sie zum Camping in Ungarn, Bulgarien, der CSSR, Polen, aber auch an der Ostsee.

Nach der Wende steht ihnen die ganze Welt offen. Geschätzt die Hälfte davon haben sie gesehen: Bali, Japan, Südamerika, den Mittelmeerraum und vieles mehr. Und im Sommer verbringen sie viel Zeit auf ihrem Wochenendgrundstück in Zeischa.

Zwei schwere Schicksalsschläge

Im Oktober 2018 dann ereilt sie ein großer Schicksalsschlag. Ihr Sohn Lutz stirbt mit gerade mal 60 Jahren an Lungenkrebs. „Er hat zwei Jahre gekämpft und verloren“, sagt Günter Colve. Kurz danach erwischt es auch ihn. Es wird Darmkrebs diagnostiziert, doch nicht nur das. Es haben sich Metastasen in der Leber gebildet. „Ich wollte mich schon aufgeben“, sagt er.

Doch nicht die Ärzte. Es folgen Operation in der Collmklinik Oschatz und Chemotherapie in Riesa. „Die Ärzte wie Dr. Aßmann haben mich überzeugt, hervorragende Arbeit geleistet.“ Das Ergebnis: Der Krebs macht Pause. Er ist da, wächst aber derzeit nicht weiter. Vierteljährlich muss er zur Untersuchung.

Früher war Günter Colve ein aktiver Läufer, zwei- bis dreimal die Woche lief er seine Zehn-Kilometer-Runde. Damit ist es seit einigen Jahren vorbei. Seine Zeit verbringt er jetzt mit den mittlerweile sechs Enkeln und fünf Urenkeln. „Wegen Corona gibt es ja derzeit keinen direkten Kontakt. Wir leiden darunter sehr, doch das geht ja allen so“, sagt Maria Colve. Sie und ihr Mann leiden auch an der geschlossenen Riesaer Schwimmhalle, hoffen, dass diese bald wieder öffnet, damit sie etwas für ihre Gesundheit tun können.

Am 4. Februar feiert Günter Colve seinen 90. Geburtstag. Auch der wird diesmal anders ausfallen als sonst. Den Colves ist das nicht ganz unrecht. „Es kommen immer sehr viele Leute. Das ist zwar schön und zeugt von Anerkennung, doch in unserem Alter wird das langsam für uns zu viel“, so Maria Colve.

Sie und ihr Mann haben deshalb einen besonderen Geburtstagswunsch. „Wir brauchen ja in unserem Alter keine Geschenke mehr. Wer dennoch etwas Gutes tun möchte, der möge als Geburtstagsgeschenk eine Spende an die Stiftung Denkmalschutz geben“, sagt Maria Colve. Mit dieser Spende soll der Förderverein für das Schloss Dahlen unterstützt werden. Der braucht dringend Eigenmittel, um Fördergelder zu bekommen.

Spende statt Blumen und Geschenke

Auch im Alter liegt den beiden der Bau am Herzen. Unter Leitung von Günter Colve hat sich in der ehemaligen Industriestadt Riesa viel getan. Lange hatte Maria Colve mit Riesa gehadert. Doch jetzt sei es schöner und sauberer geworden. Dennoch: „Wenn ich sage, dass ich heimfahre, meine ich Zittau und nicht Riesa“, so die 85-Jährige, die über viele Jahre ihrem Mann den Rücken frei hielt und ihm seinen Aufstieg ermöglichte.

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Der Aufstieg in das Haus am Drosselweg ist für die Colves übrigens seit knapp zwei Jahren ganz leicht. Sie haben mit Einwilligung der Eigentümergemeinschaft einen Treppenlift bis in den vierten Stock einbauen lassen, auf eigene Kosten, versteht sich. So macht der Aufstieg Spaß. Und von ganz oben lässt sich gut lachen.

Spenden statt Blumen oder Geschenke bitte an die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, IBAN: DE77 2004 0020 0400 2004 00 , Anlass: EG15461X00 Geb. Günter Colve

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