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Der letzte Pinselstrich

So überraschend hell und schön ist die Streumener Kirche geworden. Die Bibel liest man hier am besten im Liegen. Mit Blick an die Decke.

Noch in dieser Woche machte der Meißner Malermeister Tilo Hasch ein paar letzte Arbeiten in der nun Streumener Dorfkirche. Das Gebäude ist innen kaum mehr wiederzuerkennen.
Noch in dieser Woche machte der Meißner Malermeister Tilo Hasch ein paar letzte Arbeiten in der nun Streumener Dorfkirche. Das Gebäude ist innen kaum mehr wiederzuerkennen. © Lutz Weidler

Streumen. Kirchen sehen nach einer Renovierung meistens ähnlich aus wie vorher. Neuer Putz, neues Dach und vielleicht noch ein paar aufgefrischte Malereien im Inneren. Mehr Verbesserung gibt es oft nicht. - Wer sich der renovierten Dorfkirche Streumen von außen nähert, erwartet auch nicht viel mehr. Doch beim Eintritt ist die Überraschung groß.

Wo man hinsieht: helle Farben in cremeweißen, gelben und orangen Tönen. Die LED-Beleuchtung an der Decke verstärkt den Eindruck eines modernen, freundlichen Raumes, der zum Verweilen einlädt.

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"So eine komplette Neugestaltung ist schon ziemlich einmalig", sagt der Meißner Malermeister Tilo Hasch. Er hat Anfang der Woche noch die letzten Pinselstriche gemacht. Er ist begeistert, bei diesen Arbeiten, die viel mehr sind als nur eine normale Kirchenrenovierung, dabei gewesen zu sein.

Früher ein Raum ohne Seele

Grau in Grau: So sah die Streumener Kirche vor der Innensanierung aus. Das Foto entstand im Sommer 2017.
Grau in Grau: So sah die Streumener Kirche vor der Innensanierung aus. Das Foto entstand im Sommer 2017. © Eric Weser

In den 1970er Jahren war die Kirche zum letzten Mal auf Vordermann gebracht worden. "Es war zwar für die damaligen Möglichkeiten in der DDR ganz ordentlich gemacht, aber die Kirche hatte danach kein eigenes Gesicht mehr", sagt Martin Gutmann, Mitglied im Kirchenvorstand.

Im Laufe der Jahrzehnte bröckelte wieder der Putz ab und es breitete sich Salpeter aus. Kein schöner Anblick. Zu Konfirmationen und Hochzeiten hängten die Streumener deshalb weißen Laken vor die Wände, damit man die hässlichen Stellen im Putz nicht sah.

Doch dann kam Pfarrer Heiner Sandig. Nach seiner politischen Karriere als sächsisches CDU-Landtagsmitglied übernahm er vor elf Jahren ehrenamtlich die Gottesdienste in Streumen, Wülknitz, Peritz, Lichtensee, Tiefenau und Colmnitz. "Ohne ihn wäre unsere Kirche nie so schön geworden", sagt Martin Gutmann.

Auch Sandig erinnert sich an die ersten Jahre hier. "Es war ein traurig machender Raum ohne Seele", sagt er. Die Wände waren mit Kalkfarbe bestrichen. Wenn man sich versehentlich anlehnte, war man sofort weiß an Rücken und Armen. Die Lampen erinnerten an graue, umgedrehte Wassereimer.

Pfarrer Heiner Sandig freut sich schon auf den ersten Gottesdienst in der neugestalteten Kirche.
Pfarrer Heiner Sandig freut sich schon auf den ersten Gottesdienst in der neugestalteten Kirche. © Lutz Weidler
So hell war die Streumener Kirche im Inneren noch nie. Statt alter Kirchenbänke gibt es nun Stühle, die man auch mal zur Seite räumen kann.
So hell war die Streumener Kirche im Inneren noch nie. Statt alter Kirchenbänke gibt es nun Stühle, die man auch mal zur Seite räumen kann. © Foto: Lutz Weidler
Die komplette Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium ist an der Decke zu lesen.
Die komplette Bergpredigt aus dem Matthäus-Evangelium ist an der Decke zu lesen. © Foto: Lutz Weidler
Die Kirche steht in der Mitte Streumens. Auch wenn nur wenige Menschen sie regelmäßig besuchen, ist sie aus dem Dorfbild nicht wegzudenken.
Die Kirche steht in der Mitte Streumens. Auch wenn nur wenige Menschen sie regelmäßig besuchen, ist sie aus dem Dorfbild nicht wegzudenken. © Lutz Weidler

Das jahrhundertealte Gemäuer hatte viele Hohlräume, denn die Fugen waren ausgewaschen, was auch die Statik des Gebäudes beeinträchtigte. Deshalb wurde bereits vor fünf Jahren damit begonnen, in der ersten Bauphase die Wände zu stabilisieren. Hunderte kleine Löcher wurden in die Wände gebohrt und mit Mörtel ausgefüllt. Auch der Dachstuhl und der Außenputz wurden erneuert.

Dann ging es darum, die Kirche von Innen neu zu gestalten. Die ersten Ideen dazu kamen vom Markkleeberger Architektenbüro Köstler & Placek. Dazu zählen neben dem modernen Farbdesign auch die im Inneren vorgehängten Seitenfenster, die die alten romanischen Bögen überdecken und fast schon Wohnzimmeratmosphäre schaffen. Zudem erhielt die Kirche eine elektrische Fußbodenheizung, die unter schicken Holzdielen liegt.

Und auch das ist neu: Fast alle Kirchenbänke wurden entfernt. Gottesdienstbesucher sitzen auf Stühlen, die man auch zur Seite räumen kann. Dadurch entsteht ein großer Raum, der variabel eingeräumt und genutzt werden kann. "Die Kirche soll auch frei für andere Veranstaltungen sein", sagt Sandig. Er kann sich hier auch kleinere Konzerte, Jugendgottesdienste oder Übernachtungen der Christenlehre-Kinder vorstellen.

Letztere könnten beim Einkuscheln im Schlafsack ganz leicht die Bibel lesen. Sie brauchen dazu nur die Lichtkegel ihrer Taschenlampen nach oben zu richten. Denn an der Kirchendecke steht die Bergpredigt von Jesus. Drei Maler hatten im vergangenen Jahr die 33.452 Zeichen über Kopf an die Decke gezeichnet. Sie sieht jetzt aus wie eine typische, zweispaltige Seite aus der heiligen Schrift.

Die Idee dazu stammt von Heiner Sandig selbst. Auch damit dürfte die Streumener Kirche weit und breit einzigartig sein. Zumindest die drei Maler konnten sich nicht daran erinnern, so etwas jemals an eine andere Kirchendecke geschrieben zu haben.

Am Sonnabend können sich die Streumener und ihre Gäste selbst von der ungewöhnlichen Innengestaltung ihrer Kirche ein Bild machen. Pfarrer Sandig und der hiesige Kirchenvorstand laden um 14 Uhr zum Gottesdienst mit anschließendem Kaffeetrinken ein.

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