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Ehrenhain-Chef: "Alle Opfer gleich ehren"

Jens Nagel mahnt, dass im Westen die Bedeutung der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg immer noch kleingeredet wird.

Der Zeithainer Gedenkstätten-Leiter Jens Nagel zeigt ein Album mit Fotos aus dem hiesigen Kriegsgefangenenlager.
Der Zeithainer Gedenkstätten-Leiter Jens Nagel zeigt ein Album mit Fotos aus dem hiesigen Kriegsgefangenenlager. © Sebastian Schultz

Zeithain. Am Vortag des 80. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die ehemalige Sowjetunion überrascht Jens Nagel, der Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain, mit einer Forderung. "Nach wie vor wird in der Bundesrepublik Deutschland die bedeutende Rolle des Großen Vaterländischen Krieges für alle Nachfolgestaaten der Sowjetunion nicht angemessen wahrgenommen", sagt er. Das müsse sich in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur ändern.

Aus Gesprächen mit Ostdeutschen wisse er, dass die Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, der uneingeschränkten Heldenverehrung der Roten Armee durchaus auch skeptisch gegenüberstehen. "Im Osten wurden die Leute so erzogen", sagt Nagel, der selbst aus Niedersachsen stammt. "Aber in der alten Bundesrepublik wurden die Opfer der Sowjetunion kleingeredet." Und das sei zum Teil heute noch der Fall.

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Allerdings gebe es da auch ein neuerliches Umdenken. Nagel verweist darauf, dass am 9. Oktober 2020 der Bundestag einen Antrag der Koalitionsfraktionen von CDU/CSU und SPD verabschiedet hat, das Gedenken an die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs zu stärken und bisher weniger beachtete Opfergruppen des Nationalsozialismus anzuerkennen. Mit diesem Dokument beschloss das deutsche Parlament die Errichtung einer neuen Dokumentations-, Bildungs- und Erinnerungsstätte zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain wurde 1985 eröffnet. Sie war in der früheren DDR die große Ausnahme.
Die Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain wurde 1985 eröffnet. Sie war in der früheren DDR die große Ausnahme. © Sebastian Schultz

Doch auch die ehemaligen Machthaber in der früheren Sowjetunion hätten Probleme bei der eigenen Geschichtsaufarbeitung. "Sowjetische Kriegsgefangene waren ein Tabu-Thema", so Nagel. Sie galten in der Heimat als Verräter. Deshalb gab es in der ganzen DDR keine einzige Gedenkstätte für Zwangsarbeiter. Zeithain war ab 1985 die Ausnahme. Und auch nur, weil die UdSSR zugestimmt hatte.

Mit zwei Veranstaltungen am Dienstag und Mittwoch erinnert die Gedenkstätte Ehrenhain an den 80. Jahrestag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Bis 1945 kamen dabei 27 Millionen sowjetische Bürger ums Leben. "Damit trug die Sowjetunion die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges", so Nagel. Zu diesen Kriegstoten zählen auch die circa 25.000 bis 30.000 Kriegsgefangenen, die im Kriegsgefangenenlager Zeithain aufgrund von Hunger und Krankheit verstarben.

Die Stiftung Sächsische Gedenkstätte, der Förderverein der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain sowie der sächsische Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge veranstalten gemeinsam am Dienstag um 17 Uhr eine öffentliche Gedenkfeier im Ehrenhain Zeithain. Sie wird kurzfristig durch die niedrigen Inzidenzzahlen möglich.

Neben dem Gedenken an die Opfer mit einer offiziellen Kranzniederlegung verlesen Mitglieder des Fördervereins verschriftlichte Kriegszeugnisse. Auszüge aus literarischen Texten sowjetischer Autoren und Zeitzeugen geben einen Eindruck davon, wie unvermittelt der Krieg und seine Folgen über das Land und seine Bevölkerung hereinbrach. Texte ehemaliger Gefangener und deren Angehöriger vermitteln einen Eindruck von persönlichen Ängsten und dem Umgang mit dem Verlust von Familienmitgliedern.

Am Mittwoch um 17 Uhr findet eine Online-Podiumsdiskussion in der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain statt. Unter dem Titel „Vernichtungskrieg an der Heimatfront" soll das bisher nur unzureichend von der historischen Forschung bearbeitete Thema der Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und SS bei der „Aussonderung“ sowjetischer Kriegsgefangener im Mittelpunkt stehen. Die Veranstaltung ist als Livestream und auch danach auf dem Youtube-Kanal der Stiftung Sächsische Gedenkstätten abrufbar.

Eingeladen dazu sind die Historiker Dr. Rolf Keller von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Dr. Reinhard Otto, früherer Leiter der Dokumentationsstätte Stalag 326 Senne sowie Dr. Michael Löffelsender von der Gedenkstätte Buchenwald. Keller und Otto sind die Autoren des Buches „Sowjetische Kriegsgefangene im System der Konzentrationslager“ und arbeiten seit Jahrzehnten zum Thema NS-Verbrechen an sowjetischen Kriegsgefangenen. Löffelsender kuratierte in der Gedenkstätte Buchenwald die Freiluftausstellung "Der Überfall auf die Sowjetunion. Eine Outdoor-Ausstellung an drei Orten".

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