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Ein Relikt des Kalten Kriegs mitten in Riesa

An einer wichtigen Kreuzung und doch gut versteckt liegt nahe dem Volkshaus ein Bunker. Nicht der einzige in der Stadt.

Von außen wirkt der Bunker nahe dem Volkshaus (Hintergrund) wie ein sanfter, grüner Hügel.
Von außen wirkt der Bunker nahe dem Volkshaus (Hintergrund) wie ein sanfter, grüner Hügel. © Eric Weser

Riesa. Manche wissen, dass es ihn gibt, waren aber noch nie drin. Andere fahren jeden Tag an ihm vorbei und haben trotzdem noch nie von ihm Notiz genommen oder von ihm gehört. Der Bunker an der Rudolf-Breitscheid-Straße ist ein Kuriosum mitten in Riesa – und ein Grund, warum es mit einem Fußweg von der neuen Volkshaus-Fußgängerampel zur Bushaltestelle schwierig wird, wie die Stadt kürzlich auf Nachfrage erklärt hatte. Doch was hat es mit dem Bunker auf sich?

Eine Antwort liefert Jens Herbach. Auf sperrgebiet.eu dokumentiert der Dresdner Bauingenieur seit 15 Jahren Bunker und Militäranlagen aus verschiedenen Epochen. Reizte ihn anfangs noch das Versteckte und Unbekannte, interessiere ihn heute vor allem die bauliche Gestaltung und Technik der Bunker, sagt er.

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Das Exemplar an der Riesaer Breitscheidstraße ist laut Herbach ein ziviles Schutzbauwerk aus DDR-Zeiten, Typ SBW-300. Nomen est omen: 300 Menschen sollte die in den 60er Jahren gebaute Anlage im Fall eines Angriffs Platz bieten. Dafür waren Sanitäranlagen, eine Wasserversorgung und Belüftungsanlage eingebaut. Auch eine Kfz-Zufahrt gehörte zur Konzeption des Bunkers, von dessen Bauart in DDR-Kreis- und Bezirksstädten etliche errichtet wurden – unter anderem in Magdeburg, Frankfurt/Oder, Rostock oder Chemnitz.

Diesen Standardaufbau hatten die Bunker vom Typ SBW-300: Vorn die Kfz-Zufahrt, links daneben ein Zugang mit Schleuse und Dekontamination, rechts daneben der Raum für die Belüftungsanlage. Hinten links die Sanitäranlagen, rechts ein weiterer Zugang.
Diesen Standardaufbau hatten die Bunker vom Typ SBW-300: Vorn die Kfz-Zufahrt, links daneben ein Zugang mit Schleuse und Dekontamination, rechts daneben der Raum für die Belüftungsanlage. Hinten links die Sanitäranlagen, rechts ein weiterer Zugang. © Jens Herbach

Nicht alle sind mehr da. In Erfurt wurde ein Exemplar 2009 zugeschüttet, in Leipzig eines 2015 abgerissen, in Gotha ein weiteres 2017 beseitigt. Andernorts haben die Objekte vielfach keine Aufgabe mehr. Anders in Görlitz, wo ein Verein dem dortigen SBW-300 als Disco Leben einhaucht. In Riesa hingegen dient der frühere Luftschutzbau als Garage.

Deren Ein- und Ausfahrt mündet kurz vor der Volkshauskreuzung ein und fällt beim Vorbeifahren kaum auf. Es sei denn, jemand fährt gerade ein oder aus. Gerade im Winter, wenn es glatt ist, müsse man beim Rausfahren zusehen, dass man in einem Rutsch nach oben kommt, sagt eine Frau, die die SZ zufällig vor Ort trifft.

Blick hinein: So sieht das Innere des Bunkers aus. Links und rechts erkennbar: Die Boxen, in denen je vier Autos geparkt werden können.
Blick hinein: So sieht das Innere des Bunkers aus. Links und rechts erkennbar: Die Boxen, in denen je vier Autos geparkt werden können. © Eric Weser
Ein Blick von der Rückwand Richtung Einfahrt. Die Rampe dahinter führt steil nach oben zur Breitscheidstraße.
Ein Blick von der Rückwand Richtung Einfahrt. Die Rampe dahinter führt steil nach oben zur Breitscheidstraße. © Eric Weser
In einem Raum gleich neben der Zufahrt steht die Belüftungsanlage. Sie funktioniert nach wie vor – und macht im Betrieb einigen Lärm.
In einem Raum gleich neben der Zufahrt steht die Belüftungsanlage. Sie funktioniert nach wie vor – und macht im Betrieb einigen Lärm. © Eric Weser
Wenn es stark regnet, gibt es Sturzbäche hinab zum Bunker, erzählen Garagenmieter.
Wenn es stark regnet, gibt es Sturzbäche hinab zum Bunker, erzählen Garagenmieter. © Eric Weser
Die Zufahrt zum Bunker an der Breitscheidstraße. Gegenüber: das Volkshaus.
Die Zufahrt zum Bunker an der Breitscheidstraße. Gegenüber: das Volkshaus. © Eric Weser
Vom nahe gelegenen Bushalt ist das Bauwerk nicht zu sehen – es liegt relativ versteckt hinter Büschen am Straßenrand.
Vom nahe gelegenen Bushalt ist das Bauwerk nicht zu sehen – es liegt relativ versteckt hinter Büschen am Straßenrand. © Eric Weser

Schon seit etlichen Jahren gehöre sie zu den Garagenmietern, erzählt die Seniorin, die im großen Wohnblock der Wohnungsgenossenschaft gleich nebenan zuhause ist. Weil sie ihr Auto braucht, um in den Garten oder zu Verwandten zu fahren, ist sie froh, dass es diese Unterstellmöglichkeit in der Nähe gibt. "Im Winter ist es angenehm warm und im Sommer schön frisch", sagt die Rentnerin über das Klima im Bunker. Weil ihr Kellerraum im Wohnhaus nur überschaubar groß ist, stelle sie auch ein paar Dinge in ihrer Garagenbox ab.

Ähnlich wie ein anderer Senior, der gerade sein Auto einparkt, weiß die Frau wenig über die Historie des Bauwerks. Der Garagennachbar will aber mal gehört haben, dass ein Abriss zur Debatte stand, dann aber wegen des dicken Betons doch nicht zustande kam. Die stabile Bauart habe auch schon Einbrecher abgehalten, erzählt der Mann. "Die haben sich dort die Zähne ausgebissen", sagt er und deutet in Richtung Einfahrtstor.

Das Einzige, was problematisch sei: Bei Starkregen werde die Garage hin und wieder überschwemmt, weil das Wasser die Einfahrt hinunterlaufe. Das sei schon mehrfach passiert, zuletzt voriges Jahr. Knöchelhoch habe das Wasser im Bunker gestanden. Dann müsse alles ausgekehrt werden. Das erledige man aber gemeinsam. Insgesamt acht Plätze hat die Garage. Den beiden Senioren zufolge kostet der Stellplatz 30 Euro pro Monat.

Der einzige Bunker im Stadtgebiet ist das Bauwerk an der Breitscheidstraße indes nicht. Einen weiteren gibt es zum Beispiel unterm Rathausplatz – auch er wurde nach Recherchen von Bunker-Dokumentar Jens Herbach Anfang der 1960er gebaut und sollte auf knapp 70 Quadratmetern 100 Personen Schutz bieten. Seit dem Umbau des oberen Rathausplatz-Teils in den 2000er Jahren ist aber nur noch ein Gullideckel zu sehen, unter dem der Notausstieg des Bauwerks liegt. Etwas auffälliger ist da schon der Hügel am oberen Teil des Puschkinplatzes, neben dem dortigen Spielplatz. Auch dort versteckt sich mitten in der der Stadt ein weiterer Bunker. Rund 100 Quadratmeter groß, erbaut wohl ebenfalls in den frühen 1960ern. Eine Funktion erfüllt aber auch dieser für 150 Menschen gedachte Schutzbau nicht mehr.

Liebe Leser, Sie waren beim Bau der Riesaer Bunker dabei oder können etwas über die Geschichte des Bauwerks erzählen? Melden Sie sich gern in der Riesaer SZ-Redaktion! Telefon: 03525 72415710, E-Mail: [email protected]ächsische.de, Adresse: Hauptstraße 56 in 01587 Riesa

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