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Gas-Autobahn unterm Feuchtbiotop

Die Ontras erneuert eine ihrer Ferngasleitungen. Bei Tiefenau wurde jetzt eines der aufwendigsten Teilstücke fertiggestellt.

Der Grödel-Elsterwerdaer Floßkanal, im Hintergrund die Düker-Baustelle der Ontras.
Der Grödel-Elsterwerdaer Floßkanal, im Hintergrund die Düker-Baustelle der Ontras. © Sebastian Schultz

Röderaue. Die Wasseroberfläche ist mit einem Teppich aus Entengrütze bedeckt, am Ufer steht das Gras kniehoch. "Wenn man im Sommer hier langläuft, dann klatscht es in einer Tour", erzählt Lukas Lorenz, während er am Ufer des Grödel-Elsterwerdaer-Floßkanals entlangführt. Dann springe quasi ein Frosch nach dem nächsten ins Wasser. 

An diesem Tag Ende Oktober ist davon allerdings nichts mehr zu hören oder zu sehen. Stattdessen tönt aus der Ferne das monotone Brummen der Baumaschinen. Denn das Biotop befindet sich direkt neben der Strecke, auf der die Ferngasleitung 12 (FGL 12) der Ontras liegt. Seit Februar wird die insgesamt 65 Kilometer lange Leitung erneuert, die sich von Dornreichenbach bei Wurzen bis Lauchhammer erstreckt. Das Gros der Strecke durch Sachsen ist mittlerweile fertiggestellt. Es fehlte bisher lediglich noch der Abschnitt durch die Elbe – und eben jener Teil bei Tiefenau. 

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Grasfrosch, Laubfrosch, Rotbauchunke, Biber und Fischotter – sie alle sind in dem kleinen Biotop nahe Tiefenau heimisch, sagt Lorenz, der für die Ontras die ökologische Baubegleitung übernommen hat. Und in den Hochspannungsmasten, die in Sichtweite auf dem Feld stehen, brütete im Sommer der Fischadler. Auf das Ende der Brutsaison hatte das Unternehmen gewartet, um auch hier die Gasleitung weiterzubauen. Von März bis Ende August war hier Baustopp.  

Lukas Lorenz übernimmt die ökologische Baubegleitung für die Ontras.
Lukas Lorenz übernimmt die ökologische Baubegleitung für die Ontras. © Sebastian Schultz

An diesem Vormittag steht nun der Lückenschluss an. Um die Natur im Naturschutzgebiet zu schonen, wird die Trasse nicht einmal aufgegraben und dann die Leitung eingelegt. Stattdessen werden die 340 Meter Leitung im sogenannten HDD-Verfahren unter die Erde gebracht. HDD steht für "Horizontal Directional Drilling", also horizontales Richtbohren. Einfach ausgedrückt, wird ein Tunnel vom Anfangs- bis zum Endpunkt gebohrt, in den die Firmen dann die Gasleitung ziehen. Die Leitung verläuft dann unter der Kleinen Röder und dem Floßkanal hindurch, das kleine Wäldchen im Vogelschutzgebiet bleibt unangetastet. 

Die Vorbereitungen dafür sind schon Anfang September angelaufen. Zunächst wurde der Rohrstrang vorgefertigt, dann begann die eigentliche Pilotbohrung. Stück für Stück hat sich der Bohrer ins Erdreich gefressen. Die Ontras hatte Glück: "Gerade an der Küste kann es immer vorkommen, dass ein großer Findling im Weg liegt", sagt Ontras-Sprecher Ralf Borschinsky. Für so einen Fall lassen sich einzelne Bohrköpfe bedienen. Der Anlagenführer müsste dann einen Bogen um das Hindernis bohren. 

Diese Anlage hat zunächst das Loch gebohrt, durch das sie nun das Leitungsrohr zieht. 
Diese Anlage hat zunächst das Loch gebohrt, durch das sie nun das Leitungsrohr zieht.  © Sebastian Schultz
Ein Arbeiter prüft die Viskosität der Bohrspühlung. Sie dient als Gleit- und Kühlmittel und stabilisiert den gebohrten Tunnel. 
Ein Arbeiter prüft die Viskosität der Bohrspühlung. Sie dient als Gleit- und Kühlmittel und stabilisiert den gebohrten Tunnel.  © Sebastian Schultz
Der Bohrer (rechts) ist asymmetrisch aufgebaut, die Bohrköpfe lassen sich einzeln steuern. Damit kann um Hindernisse herum gebohrt werden. 
Der Bohrer (rechts) ist asymmetrisch aufgebaut, die Bohrköpfe lassen sich einzeln steuern. Damit kann um Hindernisse herum gebohrt werden.  © Sebastian Schultz
Der elastische Rohrstrang wird angehoben, um ihn durch die Bohrung  zu führen. Ohne den vielen Platz wäre dieses Verfahren nicht möglich. 
Der elastische Rohrstrang wird angehoben, um ihn durch die Bohrung  zu führen. Ohne den vielen Platz wäre dieses Verfahren nicht möglich.  © Sebastian Schultz
Michael Just hat im Auftrag der Ontras die Bauleitung inne. Insgesamt arbeiten 175 Personen auf der gesamten Strecke. 
Michael Just hat im Auftrag der Ontras die Bauleitung inne. Insgesamt arbeiten 175 Personen auf der gesamten Strecke.  © Sebastian Schultz
Ein Mitarbeiter prüft die Schweißnähte am Rohrstrang. Die Kollegen dahinter halten per Funk Kontakt zum anderen Ende des Dükers. 
Ein Mitarbeiter prüft die Schweißnähte am Rohrstrang. Die Kollegen dahinter halten per Funk Kontakt zum anderen Ende des Dükers.  © Sebastian Schultz

Am Donnerstagvormittag ist dieser Teil schon abgeschlossen. Jetzt läuft die HDD-Anlage in die Gegenrichtung, erklärt der Ontras-Sprecher. Auf der anderen Seite des Biotops wurde das bereitliegende Rohr am Ende des Bohrgestänges festgemacht. Jetzt zieht die Anlage die Leitung sozusagen in den Tunnel. Das Bohrloch allerdings ist nicht zu sehen: Das Bohrgestänge verschwindet einfach in einer grauen Suppe aus Schlamm, Rückstände der Bohrspülung. Sie wurde beim Bohren ins Loch gepresst, um die Erde zu verdrängen. 

Die Bohrspülung erfüllt dabei gleich mehrere Aufgaben, sagt Bauüberwacher Michael Just. "Sie stabilisiert die Bohrwand, sie ist Gleit- und Kühlmittel, und sie hilft beim Abtransport grober Bestandteile." Je nach Beschaffenheit des Erdreichs benötige man auch immer ein anderes Gemisch. 

Während das Bohrgestänge Segment für Segment eingeholt wird, führen die Ontras-Mitarbeiter am Ufer entlang zur anderen Seite der Bohrung. Kurz bevor die Kleine Röder den Floßkanal kreuzt, ragt ein Rohr aus der Erde – die alte Ferngasleitung. An ihrer Oberfläche hat die Witterung ihre Spuren hinterlassen. 

Aber nicht nur deshalb tauscht die Ontras die Rohre der in den 1960er-Jahren gebauten Leitung aus. Es geht um eine Modernisierung des Abschnitts. Schleusen werden eingebaut, um mittels des sogenannten Molchs die Rohre zu überprüfen – einer speziellen Messsonde. Außerdem wären die neuen Leitungen relativ leicht auf Wasserstoff umzurüsten, sagt Ontras-Sprecher Borschinsky.

Im Zuge der Arbeiten wird die Leitung außerdem begradigt: Während die alte noch den Grödel-Elsterwerdaer Floßkanal und die Kleine Röder quert, bleibt die neue auf der östlichen Seite des Kanals. 

Die Ferngasleitungen seien in Sachen Gasversorgung sozusagen die Autobahnen, erklärt Ontras-Sprecher Ralf Borschinsky. Sie bringen das Gas zu den Endversorgern wie etwa der Enso oder den jeweiligen Stadtwerken. Woher das Gas jeweils kommt, könne selbst die Ontras nicht pauschal sagen. Heutzutage lasse sich Erdgas in beide Richtungen durch die Leitung pressen, je nach Preis und Bedarf der Kunden. 

Geschafft: Hier zieht die HDD-Anlage das Ende des Rohrstrangs nach oben.
Geschafft: Hier zieht die HDD-Anlage das Ende des Rohrstrangs nach oben. © Ontras

Die Ontras-Mitarbeiter führen nun einmal über die Kleine Röder. Auf dem Feld dahinter bietet sich ein kurioser Anblick: Da hängt die Gasleitung an Baggerschaufeln in der Höhe und biegt sich von dort wieder nach unten in Richtung zweites Bohrloch. Der Rohrstrang ist relativ elastisch, sagt Michael Just. Er habe auch schon mit welchen gearbeitet, "in die man fast einen Knoten machen konnte". Biegsam muss die mit glasfaserverstärktem Kunststoff ummantelte Leitung auch sein, um  durch den Tunnel gezogen zu werden. Der liegt bis zu zehn Meter unter dem Erdboden. 

Auch hier taucht das Rohr in den Bohrschlamm hinab. Ein Ontras-Mitarbeiter steht über Funk in Kontakt mit seinen Kollegen, um das Einholen des Rohres zu koordinieren. "Das ist der filigrane Teil, die Leitung möglichst sauber einzuziehen", sagt Ralf Borschinsky. Möglichst gleichmäßig soll es durch den Bohrtunnel gezogen werden. 

Gleichzeitig prüft einer seiner Kollegen die Isolierung an den Schweißnähten des Rohrstranges. Wirklich durchatmen können die Mitarbeiter des Gasversorgers aber erst am späten Nachmittag, als die HDD-Anlage das Rohr-Ende einholt. "Bei Vorhaben wie diesem kann bis zum letzten Moment etwas schiefgehen", so der Ontras-Sprecher. 

Mit dem Lückenschluss bei Tiefenau ist die FLG 12 nahezu vollständig modernisiert – jedenfalls in Sachsen. Bis April 2021 soll noch der Düker durch die Elbe folgen – noch einmal ein ganz anderes Verfahren. Wann es im brandenburgischen Teil weitergehen kann, steht noch nicht fest: Das Genehmigungsverfahren läuft. 

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