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Eine große Wanne gegen Elbhochwasser

Nahe Strehla soll für mehr als 50 Millionen Euro Sachsens erster gesteuerter Polder entstehen, der Flutscheitel entscheidend senkt. Allerdings nicht um Riesa.

LTV-Geschäftsführer Heinz Gräfe (l.) erklärt am Montag die Funktionsweise des geplanten Polders bei Außig. Das 56 Millionen Euro teure Projekt verfolgt das Ziel, künftige Hochwasserscheitel zu kappen.
LTV-Geschäftsführer Heinz Gräfe (l.) erklärt am Montag die Funktionsweise des geplanten Polders bei Außig. Das 56 Millionen Euro teure Projekt verfolgt das Ziel, künftige Hochwasserscheitel zu kappen. © Sebastian Schultz

Strehla/Region. Mit welchen Mitteln die derzeitige Corona-Infektionswelle zu brechen ist, da gehen die Meinungen auseinander. Wie eine Flutwelle der Elbe gebrochen werden kann, da herrscht schon mehr Einigkeit: Es braucht ausreichend Überflutungsflächen. Zwischen dem Strehlaer Ortsteil Paußnitz und Seydewitz, einem Ortsteil von Belgern-Schildau, soll eine Überflutungsfläche entstehen, die künftig von Menschen nach Bedarf geflutet und auch wieder entwässert werden kann.

Gesteuerter Polder heißt diese 370 Hektar große, eingedeichte Wanne, die bei einem Elbehochwasser einmal bis zu elf Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen können soll. – Planung, Bau und der künftige Betrieb dieser Wanne liegt in den Händen der Landestalsperrenverwaltung (LTV).

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Bereits seit 2009 arbeitet der Staatsbetrieb an dem Vorhaben, das auch im Nationalen Hochwasserschutzprogramm des Bundes steht. Jetzt ist das aufwendige Genehmigungsverfahren nach sechs Jahren mit dem Planfeststellungsbeschluss durch die Landesdirektion Sachsen beendet worden. LTV-Geschäftsführer Heinz Gräfe bekam deshalb von Landesdirektions-Präsidentin Regina Kraushaar am Montag inmitten der Polderfläche Außig den hunderte Seiten dicken Beschluss überreicht. Er freue sich darüber, so Gräfe. Mit dem gesteuerten Polder werde der Instrumentenkasten des Landes beim Flutschutz erweitert.

Bis zu zehn Zentimeter sollen es sein, die der Außiger Polder einmal vom Hochwasserscheitel der Elbe kappt, wenn er fertig ist. Dabei soll es nicht bleiben: Die LTV plant zwei weitere Polder nahe der Ortschaften Dautzschen und Dommitzsch (Landkreis Nordsachsen, nördlich Torgau). Wenn die Polderkette betriebsbereit ist, soll sie den Flutscheitel um bis zu 40 Zentimeter verringern können.

Der geplante Flutpolder bei Außig:. Im Süden die Strehlaer Ortschaft Paußnitz, mit der Maßnahme einen neuen Deich an der Ortsgrenze bekommt. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt fast vier, die Ost-West-Ausdehnung fast anderthalb Kilometer.
Der geplante Flutpolder bei Außig:. Im Süden die Strehlaer Ortschaft Paußnitz, mit der Maßnahme einen neuen Deich an der Ortsgrenze bekommt. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt fast vier, die Ost-West-Ausdehnung fast anderthalb Kilometer. © Quelle: LTV / Repro: SZ

Bis dahin dürften noch Jahrzehnte vergehen. Die Planungen für Dautzschen und Dommitzsch stehen erst am Anfang. Wie lange die Genehmigungsphase jeweils dauert, ist offen. LTV-Chef Heinz Gräfe spricht angesichts von insgesamt 750 Großprojekten beim Hochwasserschutz in Sachsen ohnehin von einer „Generationenaufgabe“.

Auch beim Außiger Polder wird die bauliche Umsetzung dauern. Erst einmal sind die Ausgleichsmaßnahmen dran. Die eigentlich Bauvorbereitung soll im vierten Quartal 2022 starten. Mit den Deichbauarbeiten soll laut der LTV-Projektverantwortlichen Antje Matzke 2023 begonnen werden. Sieben bis zehn Jahre können vergehen, ehe alle nötigen Bauten von Deichen über Siele bis hin zu Einlass-, Auslauf- und Absperrbauwerken stehen.

Heinz Gräfe ist Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung Sachsen.
Heinz Gräfe ist Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung Sachsen. © Sebastian Schultz

Wo die Bauarbeiten starten werden und wann der Deichneubau am nördlichen Ortsrand von Paußnitz dran ist, die den Flutschutz für das Dorf verbessern sollen, ist damit auch noch unklar.

Fest steht indes: Einen wirklichen Nutzen des 56 Millionen Euro teuren Polder-Projekts, das Bund und Land finanzieren, haben neben den direkt angrenzenden Ortschaften nur die Unterlieger – also Orte weiter elbabwärts. Selbst für das auf der anderen Elbseite gelegene Mühlberg dürfte der Polder kaum eine Entlastung im Flutfall bringen, so die LTV.

Wie die Behörde auf Nachfrage zudem erklärte, erhalten auch die Bauern, deren Äcker sozusagen den Wannenboden bilden, im Flutfall künftig keine Entschädigung. Denn schon jetzt würden diese Flächen bei Elbefluten volllaufen. Durch den steuerbaren Polder verschlechtere sich die Situation in Zukunft nicht. Daher entstehe auch keine Notwendigkeit für Entschädigungen.

So soll der Außiger Polder einmal funktionieren:

  • Ab einem HQ-10-Hochwasser wird das Absperrbauwerk geschlossen, womit Elbe und Dahle getrennt werden und dadurch die Ortschaften wie Seydewitz, Außig oder Schirmenitz geschützt sind. Das Schöpfwerk geht in Betrieb.
  • Ab einem HQ-20-Hochwasser werden die Wassermengen der Dahle in den nördlichen Polderraum abgeschlagen.
  • Ab einem HQ-100-Hochwasser wird der gesamte Polder geflutet, was über das Einlaufbauwerk nahe Paußnitz im Südosten des Polders passiert.

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