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Damit die Feuerwehr sich in die Gohrischheide trauen kann

Viel Schweiß kostet eine Großübung im ehemaligen Militärsperrgebiet. Die Kameraden probieren dabei etwas aus.

Ein Feuerwehrmann notiert den Wasserverbrauch bei der Übung in der Gohrischheide. In dem munitionsverseuchten Gelände gilt eigentlich Löschverbot.
Ein Feuerwehrmann notiert den Wasserverbrauch bei der Übung in der Gohrischheide. In dem munitionsverseuchten Gelände gilt eigentlich Löschverbot. © Matthias Seifert

Zeithain. Die Angeln stehen unbenutzt am Ufer herum. Am Kiessee der Firma Holcim in Zeithain fängt heute keiner mehr einen Fisch. Vier Angler des Sportfischervereins Nünchritz-Glaubitz sitzen an einem Campingtisch und beobachten, was sich nur wenige Meter von ihnen entfernt abspielt.

Feuerwehren aus Jacobsthal, Bobersen und Gohlis haben ihre Pumpen ans Ufer getragen und angestellt. Die Maschinen verbreiten einen Lärm, sodass in den nächsten Stunden wohl nicht mehr ans Angeln zu denken ist. "Das stört uns nicht", sagen die Angler. Sie hätten sich hier eh zum Nachtangeln verabredet. Dass es zum Frühstück sogar noch etwas "Action" gibt, damit haben sie nicht gerechnet, nehmen es aber dankbar an.

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Mehrere Schläuche verlaufen von hier hoch zur Straße. Dort warten Feuerwehrleute wie in einer Boxengasse bei der Formel 1 auf ihren Einsatz. Es gilt, bis zu drei Tankfahrzeuge gleichzeitig aufzufüllen. Als erster ist der neue Supertanker aus Großenhain da. Er kann bis zu 9.000 Liter Wasser aufnehmen. Vom Anhalten, Auffüllen bis zum Wiederlosfahren braucht er rund neuneinhalb Minuten.

Zwei Stunden Dauerstress am Praktiker

Dieter Wamser sitzt abseits und notiert die An- und Abfahrtszeiten ganz genau. Zeithains stellvertretender Bürgermeister ist selbst Feuerwehrmann und einer der wenigen Kameraden, die im Vorfeld in diese Großübung eingeweiht wurden.

Feuerwehren aus dem gesamten Gemeindegebiet nehmen daran teil. Weil es aber notwendig ist, das Wasser des Kiessees ins mehrere Kilometer entfernte Alter Lager am Rande der Gohrischheide zu transportieren, werden viele Tankfahrzeuge gebraucht. Neben dem Tatra aus Großenhain sind deshalb auch Tanklöschfahrzeuge aus Oschatz, Mühlberg, Meißen und Nünchritz mit vor Ort.

Während die Feuerwehrleute am Kiessee schwitzen, atmen ein paar Kameraden zur gleichen Zeit auf dem großen Parkplatz zwischen dem Möbelhaus Steinfeld und dem ehemaligen Praktiker-Baumarkt auf. Noch vor wenigen Minuten traf hier das letzte Feuerwehrfahrzeug ein, um seinen Einsatzbefehl zu erhalten. Rund zwei Stunden Dauerstress liegen hinter den Feuerwehrleuten aus Lorenzkirch, die erfassen müssen, welche Feuerwehr mit wie vielen Kameraden und Fahrzeugen da ist, um sie anschließend zu ihren jeweiligen Einsatzort zu schicken. Jetzt können die Lorenzkircher langsam wieder lächeln. Das Gröbste ist für sie durch.

Der Großenhainer Tanker war als erstes am Kiessee zum Wiederbefüllen.
Der Großenhainer Tanker war als erstes am Kiessee zum Wiederbefüllen. © Matthias Seifert
Feuerwehrleute haben ihre Pumpen ans Ufer gestellt und Schläuche verlegt.
Feuerwehrleute haben ihre Pumpen ans Ufer gestellt und Schläuche verlegt. © Matthias Seifert
Dieser Angler vom Sportfischerverein Nünchritz-Glaubitz wurden etwas vom Feuerwehr-Großaufgebot überrascht.
Dieser Angler vom Sportfischerverein Nünchritz-Glaubitz wurden etwas vom Feuerwehr-Großaufgebot überrascht. © Jörg Richter
Die Lorenzkircher Kameraden mussten sich in den ersten Stunden der Übung sehr konzentrieren.
Die Lorenzkircher Kameraden mussten sich in den ersten Stunden der Übung sehr konzentrieren. © Matthias Seifert
Zwei solche Behälter wurden mit 25.000 Liter Wasser befüllt.
Zwei solche Behälter wurden mit 25.000 Liter Wasser befüllt. © Matthias Seifert
Glaubitzer Feuerwehrleute holen die Drohne herbei, um den Einsatz in der Gohrischheide aus der Luft zu beobachten.
Glaubitzer Feuerwehrleute holen die Drohne herbei, um den Einsatz in der Gohrischheide aus der Luft zu beobachten. © Matthias Seifert
In dem ehemaligen Militärsperrgebiet herrscht Lebensgefahr, wie auf vielen Schildern um die Gohrischheide zu lesen ist.
In dem ehemaligen Militärsperrgebiet herrscht Lebensgefahr, wie auf vielen Schildern um die Gohrischheide zu lesen ist. © Matthias Seifert
Das Technische Hilfswerk aus Kamenz sorgte für die Verpflegung bei der Großübung der Feuerwehr.
Das Technische Hilfswerk aus Kamenz sorgte für die Verpflegung bei der Großübung der Feuerwehr. © Matthias Seifert

Hinter ihrem Transporter stehen mehrere blaue Fahrzeuge. Der Logistik- und Verpflegungszug des THW Kamenz bereitet schon mal das Mittagessen vor. Zu dieser Zeit ahnt hier noch niemand, dass aus dem Mittagessen ein Kaffeetrinken wird. Nudeln mit Bolognese wird gekocht. Für insgesamt rund 140 Einsatzkräfte von Feuerwehr, THW und Katastrophenschutz.

"Das ist für uns ein Klacks", sagt THW-Truppführer Eric Retschke. Die Kamenzer waren im Sommer auch beim Hochwassereinsatz in Ahrweiler dabei. Dort kümmerten sie sich um die Verpflegung der Einsatzkräfte, aber auch der Bevölkerung. "Viele Leute waren froh, nach drei, vier Tagen zum ersten Mal wieder etwas Warmes zwischen die Rippen zu haben", erzählt er. Mit insgesamt 19 Leuten ist das THW aus Kamenz ins 60 Kilometer entfernte Zeithain angereist.

Derweil fahren die Tanklöschfahrzeuge der Feuerwehren in Richtung Altes Lager bis zu einem roten Wasserbehälter. Diesen und einen weiteren haben die Spezialisten des THW Riesa aufgebaut. Jeweils 25.000 Liter Wasser passen in die Behälter, der von Weitem wie groß geratene Kinderpools mit Luftring aussehen.

Von diesen Wasserumschlagplätzen geht es rund 800 Meter tiefer in die Gohrischheide hinein. Vorbei an hunderten Metern Schlauch. Die Feuerwehrleute, die diese alle wieder auseinander kuppeln, entwässern und zusammenräumen sollen, sind nicht zu beneiden.

Die beiden Schlauchleitungen enden an einer lichten Stelle in der Heide. Das ist ein baum- und munitionsfreier Sicherheitsstreifen, der rund um den gefährlichsten Bereich der Gohrischheide verläuft. Wer hier weitergeht, läuft Gefahr, auf alte Granaten und Minen zu treten. Sie stammen aus der Zeit, als die Gohrischheide als militärischer Schießübungsplatz genutzt wurde. Schilder ringsum das Waldgebiet weisen darauf hin.

Die Feuerwehr will hier neue Hilfsmittel testen, mit denen sie die Ausbreitung von Waldbränden vermeiden kann. Das eine sind Regner, wie man sie aus der landwirtschaftlichen Melioration kennt. Die andere Variante ist ein sogenannter Sprühschlauch. Es sieht wie ein normaler Feuerwehrschlauch mit zahlreichen Schlauchplatzern aus. Beide Methoden sollen dazu dienen, den Waldboden so zu durchfeuchten, dass sich das Feuer nicht mehr ausbreiten kann.

Weniger Risiko für Kameraden

Entwickelt wurden sie von der Düsseldorfer Firma Iconos. Deren Geschäftsführer Herbert Fettweis hat es sich nicht nehmen lassen, bei diesem Versuch dabei zu sein. Gerade in munitionsverseuchten Gebieten auf verschiedenen ehemaligen Truppenübungsplätzen in Ostdeutschland hätten die dortigen Feuerwehren gute Erfahrungen sowohl mit den Kreisregnern gemacht. "Man baut sie schnell auf, lässt sie stehen und kann seine Leute wieder in Sicherheit bringen", sagt Fettweis. "Damit geht man weniger Risiko ein."

Auch Forst-Revierleiter Stefan Müller schaut sich den Versuchsaufbau im Rahmen der Feuerwehrübung an. Er erinnert an eine Tragödie vor rund 50 Jahren. Anfang der 1970er Jahre hatten Forstarbeiter am Rande der Gohrischheide ein Lagerfeuer zum Mittagessen angezündet. Direkt über einem alten Munitionsteil, das in der Erde versteckt war und explodierte. Zwei Arbeiter waren sofort tot. Ein dritter soll Tage später an den Folgen seiner Verletzungen gestorben sein. Ein vierter Waldarbeiter, der zum Mittagessen lieber nach Hause fuhr und zurückkam, entdeckte seine verunglückten Kollegen.

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