merken
PLUS Riesa

Gröditzer Schmiedewerker streiken

Sie wollen vier Prozent mehr Lohn. Entschieden werden die Tarifverhandlungen voraussichtlich am Montag.

Die Feuertonne wird angeheizt. Ab 5 Uhr morgens standen die Streikenden vor den Toren der Schmiedewerke.
Die Feuertonne wird angeheizt. Ab 5 Uhr morgens standen die Streikenden vor den Toren der Schmiedewerke. © Jörg Richter

Gröditz. Die roten Schlauchtücher von der IG Metall Dresden-Riesa sind an diesem Freitagmorgen besonders beliebt. Viele der Streikenden vorm Tor der Schmiedewerke haben sie um den Hals. Die meisten benutzen sie als Mund-Nasen-Bedeckung. "Wenn wir zusammenhalten, ist alles möglich", steht drauf.

Die Botschaft scheint anzukommen. Viele, die hier stehen und sich an der Feuertonne aufwärmen, ziehen keine grimmige Miene, sondern haben eher ein Lächeln im Gesicht. Sie sind streikerprobt und wissen, dass dieser Spruch auf den Tüchern keine hohle Durchhalteparole ist.

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Manch einer trägt seine Überzeugung sogar auf dem Arbeitsschutzhelm. So wie Patrick Schenke. Der Betriebsrat hat auf der einen Seite einen Dynamo-Aufkleber, auf der anderen einen der Gewerkschaft. "Das ist mein ganz normaler Arbeitshelm", sagt er. Den habe er nicht nur wegen des Warnstreiks aufgesetzt. Auch das rote IG-Metall-Schlauchtuch gehört für ihn zur Arbeitskleidung. "Es gibt sogar Kollegen, die tragen es privat", verrät Schenk.

Die Gewerkschafter und Betriebsräte setzen sich auch für den Nachwuchs ein.
Die Gewerkschafter und Betriebsräte setzen sich auch für den Nachwuchs ein. © Jörg Richter

Kurz nach 6 Uhr stehen etwa 30 bis 40 Leute vor der Hauptzufahrt der Schmiedewerke Gröditz. "Normalerweise sind bei Warnstreiks wesentlich mehr Leute da", sagt Mirko Bierbaum, der sich ebenfalls im Betriebsrat engagiert. Sonst würden 150 bis 200 Kollegen hier ausharren, um ihren Forderungen nach mehr Lohn Nachdruck zu verleihen. Doch wegen der Corona-Pandemie wurde der Andrang verteilt.

Die Kollegen der Nachtschicht haben um 5 Uhr ihre Arbeit niedergelegt. Eine Stunde eher als normal. Und die Leute der Frühschicht wurden von der IG Metall aufgerufen, eine Stunde später zur Arbeit zu kommen. Also erst 7 Uhr. Zwei Stunden ruht der Betrieb. Für einige Bereiche der Schmiedewerke bedeutet der Warnstreik sogar drei Stunden Ausfall, weil bestimmte Öfen ausgeschaltet werden können, ohne das was passiert. Bierbaum: "Ziel unseres Streikes ist es ja nicht, dass Kollegen gefährdet werden oder die Qualität der Produkte darunter leidet."

Warnstreiks seien eine wirksame Methode, "damit sich die Arbeitsgeber bewegen", sagt er. Die Gröditzer Schmiedewerker und ihre Zeithainer Kollegen, die bereits einen Tag zuvor am Mannesmannröhrenwerk demonstrierten, fordern vier Prozent mehr Lohn. Immer wieder hört man unter den Streikenden: "Das Geld wird bei uns verdient." "Wir wollen auch was vom Gewinn abhaben." Oder: "Der Branche geht es doch wieder gut."

Kurz vor 7 Uhr füllte sich der Einfahrtsbereich der Schmiedewerke. Die Beschäftigten der Frühschicht kamen, wie vorher vereinbart, eine Stunde später zur Arbeit.
Kurz vor 7 Uhr füllte sich der Einfahrtsbereich der Schmiedewerke. Die Beschäftigten der Frühschicht kamen, wie vorher vereinbart, eine Stunde später zur Arbeit. © Jörg Richter

Das bestätigt auch Stefan Ehly von der IG Metall Dresden-Riesa. Wegen Corona hätten zwar einige Betriebe Ende des vergangenen Jahres Probleme gehabt. "Aber im ersten Quartal ist die Produktion richtig angezogen", so der Gewerkschafter. "Die Stahlfirmen machen wieder ordentlich Geld." Vor diesem Hintergrund sei das bisherige Angebot von zwei Einmalzahlungen von je 350 Euro nicht akzeptabel.

Das findet auch Uwe Jahn. Der Gröditzer Betriebsratsvorsitzende ist einer von sechs Arbeiternehmervertretern, die die neue Tarifvereinbarung für Ostdeutschland mit sechs Vertretern der Arbeitsgeber aushandeln sollen. Am Montag nimmt er per Videokonferenz an der Verhandlungskommission teil.

Mit großer Spannung schaut er ins größte Stahlgebiet nach Nordwestdeutschland. "Das sind die Taktschläger", so Jahn. Dort wird in der Regel der Grundstein für die Tarifeinigungen für die Stahlarbeiter in der ganzen Bundesrepublik gelegt. In der Nacht von Freitag zu Sonnabend werden die Ergebnisse erwartet.

Prinzip: Geld oder Liebe

"Mal gucken, was da rauskommt", sagt der Gröditzer. Er geht aber davon aus, dass sich die Verhandlungskommission im Nordwesten auf eine angemessene Lohnerhöhung einigt. Und dann sieht es auch für die ostdeutschen Stahlwerker gut aus. Jahn: "Mein persönliches Bauchgefühl sagt mir, dass im Augenblick keiner Interesse an Krach hat."

Beim letzten Streik vor 2019 war es auch den Gröditzer und Zeithainer IG-Metall-Mitgliedern zu verdanken, dass am Ende 3,7 Prozent mehr Lohn und ein zusätzliches Urlaubsgeld von 1.000 Euro heraussprangen. Letzteres war wandelbar in freie Tage. "Wir nennen dieses Prinzip: Geld oder Liebe", sagt Ehly. Und viele Stahlwerker würden sich für die Freizeit entscheiden, auch in Zeiten, wenn es den Betrieben mal nicht so gut geht. Dann hätten auch die Konzerne etwas von dieser Regelung.

Mehr zum Thema Riesa