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"Häusliche Gewalt gibt's in allen Schichten"

Seit einem halben Jahr gibt es in Riesa eine Beratungsstelle für Betroffene. Sie steht trotz Corona offen.

Im Büro an der Kurt-Schlosser-Straße in Gröba berät Sozialarbeiterin Maria Dabrunz vom Sozialdienst katholischer Frauen Menschen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Vorwiegend sind das Frauen. Aber auch Männer zählen zu den Hilfesuchenden.
Im Büro an der Kurt-Schlosser-Straße in Gröba berät Sozialarbeiterin Maria Dabrunz vom Sozialdienst katholischer Frauen Menschen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Vorwiegend sind das Frauen. Aber auch Männer zählen zu den Hilfesuchenden. © Eric Weser

Riesa. Es müssen keine Tritte oder Schläge sein – schon die ständige Frage, wo der andere war oder was er gemacht hat, kann auf Dauer zermürben. Es gibt viele Formen häuslicher Gewalt, sagt Maria Dabrunz. Die Sozialarbeiterin und Mitarbeiterin des Vereins Sozialdienst katholischer Frauen Radebeul (SkF) muss es wissen: Sie berät Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking – und ist so täglich mit dem Thema konfrontiert.

In Riesa betreibt der Verein seit rund einem halben Jahr eine Beratungsstelle an der Kurt-Schlosser-Straße. Das Büro liegt gleich neben dem kleinen Einkaufszentrum. "Die Balance zwischen Anonymität und Sichtbarkeit ist hier gut", sagt Maria Dabrunz. Schließlich sollen sich Betroffene - seien es Männer oder Frauen - möglichst unauffällig an die Beratungsstelle wenden können.

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Trotz Pandemie gibt es in Riesa zweimal die Woche persönliche Beratungen. Gerade beim Erstgespräch sei es wichtig, sich in die Augen schauen zu können, erzählt Maria Dabrunz. Um in Corona-Zeiten physische Kontakte zu verringern, werde aber auch telefonische Hilfe und neuerdings auch Beratung per Videotelefonie angeboten.

Das ist auch eine Reaktion auf den voriges Jahr erneut gestiegenen Beratungsbedarf. "Wir hatten 2020 mehr Fälle als in den Jahren zuvor", sagt Dabrunz. 181 waren es im Kreis Meißen und 384, zählt man den vom SkF mit betreuten Nachbarkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge dazu. 2019 waren es in beiden Kreisen noch 375 Fälle.

Eine Bilanz über häusliche Gewalt in Zeiten von Corona will die Sozialarbeiterin nicht ziehen. "Wir sind ja noch mittendrin in der Pandemie." Sie ist aber überzeugt, dass das Zusammensein vieler Familien in den heimischen vier Wänden das Problem verstärkt hat. Wo es schon vorher Anzeichen gab, hätten Home-Office und Heimbeschulung Dinge teils eher eskalieren lassen, als es sonst der Fall gewesen wäre.

Hilfe nicht nur für direkt Betroffene

Den einen, exemplarischen Fall von häuslicher Gewalt gibt es laut der Sozialarbeiterin nicht. Und es sei auch kein Phänomen vom sozialen Rand, betont Maria Dabrunz. "Das Problem zieht sich durch alle Schichten!" Generalisierend lasse sich sagen, dass sich viele Fälle um Familien drehen, in denen sich die Erwachsenen trennen und Kinder im Spiel sind. Nicht immer hilft in solchen Konstellationen eine Beratung allein, teilweise müsse auch das Jugendamt eingeschaltet werden. Etwa, wenn das Kindeswohl gefährdet sei.

Ohnehin findet die Arbeit des Beratungsbüros in Kooperation mit anderen Stellen wie dem Jugendamt statt: Oft würden Menschen von der Polizei zur Beratung weiter verwiesen. Auch mit der Migrationsberatung stehe man in Kontakt. Und auch unter Schul- und Kita-Personal spreche sich immer mehr herum, dass es in Riesa das SkF-Beratungsbüro gibt.

Für viele sei häusliche Gewalt aber noch immer ein Tabu, sagt Maria Dabrunz, und wünscht sich, dass das Thema gesellschaftlich noch mehr Beachtung findet. Nicht nur Betroffene sollten dabei den Mut fassen, sich Hilfe zu suchen. Auch Menschen, die häusliche Gewalt bei anderen bemerken, etwa Nachbarn, sollen sich an entsprechende Stellen wenden. Das könne die Polizei sein – man könne auch den SkF kontaktieren, um Tipps im Umgang mit der Situation zu bekommen.

Einen Wunsch formuliert Maria Dabrunz zudem an die Justiz. Die stellt Verfahren im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt teils ungerechtfertigt ein, findet sie. So sei schwer verständlich, wenn eine Frau ein halbes Dutzend Mal Anzeige erstatte – und es zu keinem Prozess komme. Das erhärte bei Betroffenen den Eindruck, ihnen werde nicht geholfen. Einige der Peiniger verstünden so etwas als eine Art Sieg und als Bestätigung, weitermachen zu können, da nichts passiere. Doch gerade bei häuslicher Gewalt seien es oft viele kleinere, leichtere Delikte, die zu gravierenden Auswirkungen für die Betroffenen führen, sagt Maria Dabrunz. Diese Dynamik gelte es zu brechen.

  • Die Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt und Stalking an der Kurt-Schlosser-Straße 22 ist dienstags 12 bis 18 Uhr und freitags 8 bis 12 Uhr geöffnet. Eine Anmeldung unter Telefon 0351 79552205 oder per Mail wird erbeten.
  • Neben öffentlichen Mitteln finanziert sich die Arbeit des Vereins aus Spenden. Spendenkonto: IBAN: DE35 3506 0190 1612 510012, BIC: GENODED1DKD

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