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Hahnenstreit endet vorm Amtsrichter

Ein Paar in Gröditz fühlt sich vom Federvieh der Nachbarn gestört. So sehr, dass am Ende die Justiz eingeschaltet wird.

Der Streit um einen krähenden Hahn hat jetzt zwei Paare aus Gröditz vors Amtsgericht in Riesa geführt.
Der Streit um einen krähenden Hahn hat jetzt zwei Paare aus Gröditz vors Amtsgericht in Riesa geführt. © SZ-Montage: S. Schultz; K-Dieter Brühl

Riesa/Gröditz. Es ist noch dunkel, wenn der Hahn das erste Mal schreit - und Maike Pedersen den Schlaf raubt. Die Gröditzerin hat schon einiges probiert, um das Federvieh loszuwerden, so schildert es ihr Anwalt in einem Schreiben ans Riesaer Amtsgericht. Der Vermieter sieht offenbar keine Möglichkeit zu handeln, und die Schlaftabletten, die ihr die Ärztin verschrieben hat, helfen nicht. Maike Pedersen und ihr Mann aber sind überzeugt: Der Hahn muss weg. 

Und so beschäftigt der Fall der Pedersens, die eigentlich anders heißen, und ihrer Nachbarn, das Riesaer Amtsgericht. Die beiden Familien aus einem Gröditzer Ortsteil haben zuvor schon versucht, eine Friedensrichterin einzuschalten. Aber es blieb beim Versuch: Die Beklagten, nennen wir sie Familie Claussen, sahen offenbar gar keinen Grund zur Schlichtung. 

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Hühnerhaltung war Argument für den Umzug aufs Land

Dabei begann die Geschichte eigentlich ganz harmlos. Auf einer Feier im Juni 2018 trafen sich die beiden Paare und kamen ins Gespräch. Irgendwann erzählten Claussens von den gemeinsamen Plänen, sich Hühner anzuschaffen. Fünf bis zehn Stück, so der Plan. Woraufhin ihre Nachbarn entgegneten, sie hätten nichts dagegen - so lange die Hennen keinen männlichen Mitbewohner bekommen. Der mache zu viel Krach. 

Bis zu diesem Punkt ist die Sache unstrittig. Was aber dann folgte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Familie Pedersen ist sicher, dass von Claussens die Zusage kam, es werde kein Hahn angeschafft - und zwar mit den Worten: "Nein, meine Freundin will auch keinen Hahn." Ein mündlicher Vertrag also - so jedenfalls deren Auslegung. Die Beklagten allerdings bestreiten, dass es so eine Zusage jemals gegeben hat. Das Gespräch im Juni 2018 habe sich "um das Halten von Hühnern (ungeschlechtlich)" gedreht, heißt es in einer Stellungnahme. Das Verbot eines Hahns habe immer nur der Kläger festlegen wollen - ohne, dass Familie Claussen jemals darauf eingegangen wäre. 

Es geschah das offenbar Unausweichliche: Im November 2019 kam der Hahn, der "insbesondere am Morgen und in der Nacht" krähte - und zumindest der einen Familie offenbar den letzten Nerv raubte. Der Anwalt der Pedersens fordert jedenfalls in der Klage von den Claussens, "den auf ihrem Grundstück gehaltenen Hahn zu entfernen". Die aber denken gar nicht daran, einem vorgeschlagenen Vergleich zuzustimmen, wonach sie zehn Hühner halten dürfen - ohne Hahn, wohlgemerkt. Denn der sei schließlich nötig, um Nachwuchs zu züchten. Und überdies seien sie doch gerade deswegen aufs Land gezogen, weil dort Hühnerhaltung und damit auch das Hahnenkrähen üblich sind. 

Urteile bis hin zum schalldichten Hühnerstall

So üblich wie der krähende Hahn, so gängig scheint auch der Streit um dessen Lautstärke zu sein. Schon so manches Gericht durfte sich in der Vergangenheit bereits mit der Frage auseinandersetzen, wie denn in einem solchen Fall zu urteilen sei. Ganz eindeutig fielen die Rechtssprüche nicht aus. Noch 1989 urteilte das Landgericht München, der Besitzer eines Hahns habe unter bestimmten Bedingungen eine Lärmbelästigung zu verhindern. Ein Freibrief ist das aber offenbar nicht. In einem Dorf in Rheinland-Pfalz beispielsweise musste ein genervter Nachbar den Gockel hinnehmen. Es handle sich um eine ortsübliche Nutzung des Grundstücks. 

Am Ende sei so etwas immer eine Einzelfallentscheidung, erklärt Richter Hans-Peter Burmeister, der mit dem Riesaer Fall betraut war. In seiner Zeit bei Gericht habe er schon über zu laute  Hunde, Schafe und quakende Frösche entscheiden müssen. Burmeister sind Fälle bekannt, in denen Gerichte den Tierhaltern Auflagen bis hin zu schallgedämpften Hühnerställen erteilt hätten. In Hofheim am Taunus ging der jahrelange Streit um einen zu lauten Gockel gar so weit, dass schon ein Gutachter ins Spiel gebracht wurde, der die Lautstärke des Tiers messen sollte. 

So weit kam es im Fall aus dem Gröditzer Ortsteil letztendlich nicht. Hans-Peter Burmeister hatte schon durchblicken lassen, dass die Klage voraussichtlich wenig Chance auf Erfolg haben würde. Ein glückliches Ende für den Hahn also? Denkste! In der Verhandlung erklärten die Hühnerhalter, dass sich der Fall erledigt habe, "weil sich der streitgegenständliche Hahn seit zwei bis drei Wochen im Frost befindet".  Immerhin: Die Beklagten verzichteten am Ende auf den Antrag, ihren Nachbarn die eigenen Anwaltskosten aufzuerlegen. Die Zeichen stehen also auf Versöhnung in Gröditz. 

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