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Historischer Grenzstein beschmiert

Kölner Fußballfans haben ihn mit ihrem Vereinslogo besprüht. Dabei steht der Stein mehr als 500 Kilometer von der Domstadt entfernt - im sächsischen Nieska.

Siegfried Vetter zeigt den besprühten Grenzstein in Nieska, der für Sachsen von historischer Bedeutung ist.
Siegfried Vetter zeigt den besprühten Grenzstein in Nieska, der für Sachsen von historischer Bedeutung ist. © Jörg Richter

Nieska. In dieser Woche erreichte die SZ ein Hinweis auf Schmierereien im Gröditzer Ortsteil Nieska. SZ-Leserin Barbara Damm machte darauf aufmerksam, dass der historische Grenzstein am Ortsausgang Richtung Brandenburg beschmutzt worden ist. Im Vorbeifahren habe sie ein Logo eines Fußballvereins erkennen können.

Aber dabei handelte sich nicht um Graffiti der SG Dynamo Dresden, wie man sie in der Region besonders häufig antrifft und in einer gewissen Weise von vielen Menschen toleriert werden. "Ich habe irgendwas von 1. FC gelesen", erzählt sie am Telefon und fügt ganz entrüstet hinzu: "Das hat mich geärgert. Denn die schwarze Farbe kriegt man aus dem Stein nicht wieder raus."

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Die SZ fuhr hin, um sich selbst ein Bild von dem beschmierten Grenzstein zu machen. Da sich Nieska an der Landesgrenze zu Brandenburg befindet und es auch in Sachsen viele Fans des 1. FC Union Berlin gibt, liegt der Verdacht nahe, dass es sich bei dem Gekritzel um den ostdeutschen Bundesliga-Kultclub handelt. Doch groß ist das Erstaunen bei der Ankunft. Schon von Weitem kann man einen Kreis mit zwei Türmen sehen. In der Mitte steht geschrieben "1. FC Köln".

Schön sieht anders aus

Wie sich Fans der Geißböcke in den nördlichsten Zipfel des Landkreises Meißen, weit entfernt von allen Autobahnen und Bundesstraßen verirrt haben, ist ein Rätsel. Zumal das letzte Aufeinandertreffen der Kölner mit den Dynamos in der 2. Bundesliga ein paar Jahre her ist. Und auch die Red-Bull-Arena von RB Leipzig liegt, von Köln aus betrachtet, in einer ganz anderen Richtung.

Siegfried Vetter, der ehemalige Feuerwehrchef von Nieska, kommt hinzu. Auch er ist empört. "Als ich es das erste Mal gesehen habe, habe ich gesagt: Das kann doch nicht wahr sein!", erinnert er sich. Das sei aber schon mindestens ein halbes Jahr her. Also nicht erst seit dieser Woche. Viele Nieskaer ärgern sich darüber. Auch wenn das Logo des 1. FC Köln ziemlich sauber, vermutlich mit Schablone, gesprüht wurde, schön sieht anders aus.

Die Schmiererei, die gleich auf zwei Seiten des Grenzsteines gesprayt wurde, zeugt auch nicht gerade von Feingefühl für deutsche Geschichte. Denn der Nieskaer Grenzstein gehört zu den Kulturdenkmalen im Freistaat Sachsen. Das Landesamt für Denkmalschutz in Dresden hat den rechtselbischen Pilar Nr. 195 in einer langen Liste von insgesamt 420 sächsisch-preußischen Grenzsteinen erfasst. Laut Landesamt sei er "verfassungsgeschichtlich und landesgeschichtlich von Bedeutung als Zeitdokument der historischen Grenzziehung zwischen Sachsen und Preußen nach dem Wiener Kongress 1815".

Als Sachsen zu den Verlierern gehörte

In dem Dokument über den Nieskaer Grenzstein ist zu lesen: "Nach dem Ende der Herrschaft Napoleons wurden die Grenzen Europas auf dem Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 neu festgelegt. Sachsen, das an der Seite Napoleons gekämpft hatte und somit zu den Unterlegenen gehörte, musste auf Beschluss der Siegermächte fast zwei Drittel seines Territoriums abtreten. Nahezu alle diese Gebiete wurden Preußen zugeteilt und gingen in der preußischen Provinz Sachsen auf. Die neue Grenze verlief – beginnend in Wittig am Fluss Witka (heute Polen) quer durch die Oberlausitz, traf bei Strehla auf die Elbe, zog sich weiter westlich bis Schkeuditz und endete schließlich südlich von Leipzig an der heutigen Grenze zu Sachsen-Anhalt."

Wesentliche Erkenntnisse zum Verlauf der ehemaligen sächsisch-preußischen Grenze hätten mehrere ehrenamtliche Heimatforscher zusammengetragen. Die sächsisch-preußischen Grenzsteine seien deshalb so bedeutungsvoll, weil sie an ein für Sachsens Geschichte einschneidendes Ereignis erinnern, so das Landesamt für Denkmalschutz. Leider hat sich das bis zu den Fans des 1. FC Köln nicht herumgesprochen.

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