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Riesas Obdachlose müssen weiter frieren

Eine Entscheidung über den Umzug des Heims fällt wohl erst nach dem Winter. Eine Riesaer Stadträtin kritisiert deshalb die Verwaltung.

18 Grad und es wird nicht wärmer: Der derzeitige Standort des Obdachlosenheims ist schlecht isoliert - gerade jetzt ein großes Manko.
18 Grad und es wird nicht wärmer: Der derzeitige Standort des Obdachlosenheims ist schlecht isoliert - gerade jetzt ein großes Manko. © Klaus Dieter Bruehl

Riesa. Im Riesaer Obdachlosenheim an der Klötzerstraße liegen jetzt wieder die Hand- und Betttücher auf der Fensterbank. Der Kniff soll dabei helfen, zumindest ein bisschen mehr Wärme in den Zimmern und Büros zu halten, sagt Lisa Smyrek. "Auch verteilen wir an jeden, der möchte, eine zweite Decke, warme Kleidung, und es steht stets kostenlos warmer Tee für alle zur Verfügung." Normalerweise kostet die Verpflegung im Heim Geld.

Die Bewohner des Heims und die Mitarbeiter des DRK arrangieren sich mit den Zuständen, so gut es eben geht." Ein großer Vorteil ist, dass im Moment die Heizung funktioniert und wir heizen können", sagt die Leiterin. Hauptproblem sei aber der Wärmeverlust durch undichte Fenster und schlecht isolierte Wände. "Die Zimmer sind einfach schnell wieder kalt und auch durch die kleinen, flachen Heizkörper nur langsam wieder durchwärmt."

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Das Resultat: Die Büros können nur auf 18 Grad hochgeheizt werden - und sind damit noch die wärmsten Räume im Gebäude. "In den Zimmern ist es unterschiedlich", erklärt Lisa Smyrek. "Die Zimmer am Giebel haben komplett ungeheizt elf Grad, andere haben komplett ungeheizt 13 Grad. Je nach Außentemperatur und Zustand der Fenster und Türen bekommt man die Zimmer auf 15 bis 17 Grad im Durchschnitt." Die benachbarte Tafel hat das gleiche Problem.

Man versuche, der Situation so gut es geht zu trotzen. Wirklich Abhilfe schaffen könnte aber nur der schon seit Jahren angedachte Umzug. Der war vor gut einem Jahr ins Stocken geraten, nachdem Cargill gegen das Vorhaben in Widerspruch gegangen ist. Seitdem sei leider "keinerlei Bewegung mehr zu spüren", sagt Lisa Smyrek.

Linke-Stadträtin Sonja György spricht mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung über das Thema. In nahezu jeder Ausschusssitzung fragt sie Oberbürgermeister Marco Müller (CDU) nach dem Stand bei den Umzugsplänen. Besonders viele Informationen bekomme sie nicht, beklagt György. Bei jeder Nachfrage sei sie stattdessen vertröstet worden, dass etwa ein Gesprächstermin verschoben worden sei. "Es kamen immer nichtssagende Aussagen, mir fehlt die klare Ansage, wie geht's jetzt weiter." Zuletzt, immerhin, nannte Müller eine Frist: Er rechne mit einer Entscheidung Ende des Quartals.

Auf Nachfrage präzisiert Stadtsprecher Uwe Päsler, was damit gemeint ist: "Bis Ende des ersten Quartals soll es eine Entscheidung zum weiteren Vorgehen geben, um den Zustand der Ungewissheit zu beenden." Fällt also Ende März die Entscheidung, ob das von der WGR gekaufte Grundstück genutzt werden soll - oder die Suche von vorn beginnt?

Die Linke-Stadträtin Sonja György kritisiert, die Stadt Riesa gehe die Suche nach einer Lösung für das Obdachlosenheim zu halbherzig an.
Die Linke-Stadträtin Sonja György kritisiert, die Stadt Riesa gehe die Suche nach einer Lösung für das Obdachlosenheim zu halbherzig an. © Klaus Dieter Bruehl

Sonja György glaubt daran noch nicht so recht - und moniert das vorsichtige Vorgehen der Stadt. Seit Monaten werde sie vertröstet, während die Menschen im Heim frieren. Der Oberbürgermeister hatte im vergangenen Jahr bereits betont, dass man auf eine gütliche Einigung setze - und ein eventuell langwieriger Rechtsstreit auch nicht im Sinne der Obdachlosen sein könne. Nun sei aber ein Jahr vergangen, die schnelle Lösung also trotzdem nicht zustande gekommen, sagt György. Ihrer Ansicht nach hätte die Stadtverwaltung mit mehr Nachdruck verhandeln können.

Dabei müsse es doch im Sinne der Stadt sein, wenn das Heim und die Riesaer Tafel in ein moderneres Haus ziehen. "Man schmeißt das Geld ja im wahrsten Sinne zum Fenster raus", sagt sie und meint damit die Heizkosten. Da müsse man doch an einer Lösung interessiert sein. "Die Anstrengungen der Stadt, dort etwas zu tun, sind mir einfach zu wenig", sagt György geradeheraus.

Dem Eindruck, es gebe keinen Dialog mit Cargill, tritt der Rathaus-Sprecher entgegen. Es habe bisher drei Gespräche bei der WGR beziehungsweise im Rathaus gegeben, sagt Uwe Päsler. Dazu kämen noch Vor-Ort-Termine gemeinsam mit Cargill-Verantwortlichen.

Sie sei mittlerweile auch ein wenig ratlos, gesteht Sonjy György. "Herr Müller hat im Ausschuss auch schon gesagt, dass ich vorschlagen soll, wo das Heim hin soll. Aber wir wissen doch nicht einmal, welche Gebäude städtisch sind." Die lange Suche nach dem jetzt ins Auge gefassten Standort zeigt, dass die Lösung nicht so einfach ist. Letztendlich fehle es den Obdachlosen in Riesa an einer starken Lobby, sagt Sonja György. Dabei wüssten sich Riesas Obdachlose zu benehmen, die Organisation vor Ort klappe gut. "Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn so ein Heim in meiner Nachbarschaft entstehen würde."

Auch diesen Winter werden die Riesaer Obdachlosen wohl überstehen - auch dank der Bevölkerung. "Unterstützung haben wir bereits seit Beginn der kühleren Jahreszeiten vor allem durch viele Spenden an Kleidern und Bettzeug erhalten", sagt Heimleiterin Lisa Smyrek. Aber: "Die größte Hilfe wäre sicher ein Umzug in eine neues Gebäude, damit wir auch ökonomischer heizen können und vor allem auch anderen Gebäudemängeln entkommen können." Ob dieser Umzug schon 2021 klappt? Sonja György ist skeptisch. Selbst mit einer Einigung Ende März würde es wohl knapp werden mit dem Umzug bis Ende 2021. "Ich hoffe, dass ich in der Zeit, in der ich noch Stadträtin bin, diesen Umzug erlebe."

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