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"Bis 2040 wollen wir klimaneutral sein"

Sächsische.de hat mit dem Chef der Schmiedewerke Gröditz über Arbeitsplätze, Corona und Wasserstoff gesprochen.

Jens Overrath ist seit fast einem Jahr der Vorsitzende der Geschäftsführung der Schmiedewerke Gröditz und hat sich hier gut eingelebt.
Jens Overrath ist seit fast einem Jahr der Vorsitzende der Geschäftsführung der Schmiedewerke Gröditz und hat sich hier gut eingelebt. © Sebastian Schultz

Gröditz. Die zum Stahlkonzern Georgsmarienhütte gehörenden Gröditzer Schmiedewerke sind der größte Arbeitgeber der Stadt. Den Chef des Unternehmens Jens Overrath hat sächsische.de jetzt zum Gespräch treffen können. Der 54-jährige Maschinenbauingenieur mit Doktortitel war vor seiner Arbeit in Gröditz bereits in anderen Unternehmen der Stahlbranche in leitender Funktion tätig.

Herr Overrath, Sie sind seit September 2020 Vorsitzender der Geschäftsführung der Schmiedewerke Gröditz. Wie haben Sie sich hier eingewöhnt?

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Sehr gut. Ich arbeite ja nicht das erste Mal in Sachsen und bin letztes Jahr nach Riesa gezogen.

Welchen Eindruck haben Sie von den Menschen und Mitarbeitern in Gröditz?

Einen sehr guten Eindruck. Unsere Mitarbeiter sind alle extrem motiviert und haben ein hohes Zugehörigkeitsgefühl zum Unternehmen. Die meisten sind auch schon sehr lange hier beschäftigt, teilweise schon über Generationen. Das ist ein starker Faktor, auf den wir auch aufbauen können, wenn die Mitarbeiter für den Standort brennen.

Wie sind denn die Schmiedewerke aufgestellt?

Wir verkaufen unsere Produkte weltweit in 40 Länder. Wir stehen damit natürlich im globalen Wettbewerb. Insbesondere die Konkurrenz mit Asien ist extrem herausfordernd. Wir müssen uns deshalb fit machen für die Zukunft. Das bedeutet, dass wir in unsere technologischen Fähigkeiten weiter investieren müssen, um noch bessere Produkte anbieten zu können und eine höhere Produktivität zu erreichen. Zusätzlich ist es ganz wichtig, für die Erschließung weiterer Marktfelder die Digitalisierung unserer Geschäftsprozesse voranzubringen.

Beim Stichwort Produktivität schrillen immer die Alarmglocken. Bedeutet das, weniger Mitarbeiter?

Das sind so die reflexartigen Befürchtungen. Ich sehe das anders. Um die immer anspruchsvolleren Produkte herstellen zu können, müssen wir unseren Mitarbeitern immer bessere Werkzeuge an die Hand geben. Dadurch kann man die Herausforderungen hinsichtlich der Qualität, Liefertermintreue, aber auch Kosten in den Griff bekommen. Das bedeutet im Umkehrschluss nicht zwingend weniger Mitarbeiter, sondern anspruchsvollere Tätigkeiten, für die sie ausgebildet werden müssen. Für unsere Mitarbeiter heißt das, sich weiter zu qualifizieren, um auch verschiedene Aufgaben übernehmen zu können. Für die Mitarbeiter in der Verwaltung ist die weitere Digitalisierung die Herausforderung der Zukunft, um einen besseren Datenaustausch mit unseren Kunden und Lieferanten zu haben. Denn solche digitalisierten Geschäftsabläufe werden zukünftig ein fester Bestandteil in der Kunden-Lieferanten-Beziehung sein.

In vielen Industriezweigen wird daran gearbeitet, künftig Erdgas durch Wasserstoff zu ersetzen. In Fachkreisen hört man immer häufiger den Begriff "Dekarbonisierung". Inwieweit stellt sie eine Herausforderung für die Schmiedewerke dar?

Neben den Produktivitätsverbesserungen arbeiten wir gegenwärtig ein Konzept aus, dass wir bis zum Jahr 2040 die Schmiedewerke Gröditz klimaneutral umgestellt haben. Wir beginnen in diesem Jahr schon damit und entwickeln zusammen mit einem Anlagenbauer einen Schmiedeofen, den wir mit einer neuartigen Brennertechnologie ausstatten werden. Wir wollen zukünftig Wasserstoff statt Erdgas verbrennen, um unsere CO2-Emissionen zu senken. Damit sind wir in Deutschland eine der ersten Schmieden, die auf die künftige Wasserstofftechnologie vorbereitet sind. Wir sind bereits im Gespräch mit der sächsischen Landesregierung, dass wir an das Wasserstoff-Startnetz angeschlossen werden, sodass wir ab dem Zeitraum 2025 bis 2030 Wasserstoff großtechnisch einsetzen können. Das ist ein wichtiger Baustein, unser Ziel Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 zu erreichen.

Dann werden Sie kurz vor Ihrer Rente sein.

Ja, das stimmt. Es ist doch ein schönes Ziel, den Staffelstab an meinen Nachfolger zu übergeben und einen hiesigen Standort, der auf Klimaneutralität umgestellt worden ist. Das ist ein riesiger Standortvorteil. Denn heute schon fragen die Kunden nach dem CO2-Fußabdruck unserer Produkte.

Haben Ihre Wettbewerber die gleichen Herausforderungen wie Sie?

Wir haben durch die Klimagesetzgebung Belastungen, die noch nicht mal unsere Wettbewerber in Italien und Frankreich haben. Das sind für uns Kostennachteile. Das ist eine echte Herausforderung.

Hat die Corona-Pandemie irgendwelche Auswirkungen auf die Produktion?

Es gibt glücklicherweise keine nennenswerten Ausfälle in der Produktion. Wir hatten hier am Standort Gröditz gemeinsam mit dem Betriebsrat sehr früh ein entsprechendes Hygienekonzept umgesetzt und dadurch keine größeren Personalausfälle. Die wenigen aufgetretenen Corona-Fälle konnten wir schnell identifizieren, weil wir frühzeitig getestet haben, damit es nicht zu weiteren Ansteckungen kommt. Seit dem 8. Juni haben wir hier auch ein betriebseigenes Impfzentrum. Dieses Angebot wird von unseren Mitarbeitern rege angenommen.

Überall wird Nachwuchs gesucht. Warum sollten sich Jugendliche für eine Ausbildung in den Gröditzer Schmiedewerken entscheiden?

Wenn man hinter die Kulissen guckt und sich mit den Prozessen im Detail auseinandersetzt, wird man feststellen, dass wir unglaublich spannende Produktionsprozesse haben. Es ist einfach toll zu sehen, wie aus Schrott wieder neue hochwertige Produkte aus Stahl entstehen.

  • Das Gespräch führt Jörg Richter.

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