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Der Elbradphilharmoniker

Andreas Dude reist mit dem Rad zu Konzerten und Proben des Riesaer Orchesters an - manchmal selbst bei Sturmböen.

Andreas Dude mit seinem Rennrad vor dem Gebäude der Elbland Philharmonie Sachsen in Riesa. Mehrmals pro Woche radelt der Musiker aus Dresden hierher - unabhängig vom Wetter.
Andreas Dude mit seinem Rennrad vor dem Gebäude der Elbland Philharmonie Sachsen in Riesa. Mehrmals pro Woche radelt der Musiker aus Dresden hierher - unabhängig vom Wetter. © Sebastian Schultz

Riesa. Wenn Andreas Dude vormittags im Proberaum der Elbland Philharmonie Sachsen Platz nimmt, dann hat der 43-Jährige meistens schon ein gut zweistündiges Sportprogramm in den Knochen. Anders als viele seiner Kollegen kommt der Kontrabassist nicht etwa mit Auto oder Zug an seine Arbeitsstelle in der Riesaer Kirchstraße. Stattdessen schwingt er sich in Dresden auf sein Rennrad - und fährt den Elberadweg entlang. Und das auch bei Wind und Wetter. "Ich mach das ganzjährig", erzählt Andreas Dude, "nur Glatteis ist ein No-Go."

Unter den Musikern des Riesaer Orchesters ist Andreas Dude damit eine krasse Ausnahme. Sind Künstler etwa Sportmuffel? Zumindest erlebe er, dass sich viele vermutlich aus Sorge vor Verletzungen zurückhalten, sagt er. Nach Riesa fährt neben ihm lediglich ein weiterer Kollege mit dem Rad zu den Proben und Konzerten. "Wir nennen uns schon die Elbradphilharmoniker", sagt Dude und schmunzelt. Dass auch noch ein anderer mit dem Rad kommt, trägt außerdem zur Motivation bei, verrät er. Da überlege man sich zweimal, das Fahrrad bei Wind oder Regen stehen zu lassen.

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Nach Großenhain trotz Sturmböen

Ab und an ist Dude der sportliche Ehrgeiz allerdings auch zum Verhängnis geworden. "Zu einem Konzert in Großenhain bin ich mal bei Wind mit Orkanstärke losgefahren. Da hatte ich die Richtung des Windes falsch eingeschätzt." Gegen die Böen habe er keine Chance gehabt. "Am Ende kam ich drei Minuten vor dem geplanten Konzertbeginn am Spielort an." Letztendlich habe das Konzert dann fast pünktlich beginnen können. Es sei auch schon vorgekommen, dass er sich auf dem Weg zum Spielort verfahren habe. Den Kontrabass muss Dude übrigens nicht selbst zu Konzerten und Proben transportieren - der verbleibt stets beim Orchester. Ein logistischer Vorteil gegenüber anderen Musikern.

Im Orchester spielt Andreas Dude den Kontrabass. Das Instrument habe sich für den Zwei-Meter-Mann schon wegen seiner Größe angeboten. Ursprünglich lernte er Cello.
Im Orchester spielt Andreas Dude den Kontrabass. Das Instrument habe sich für den Zwei-Meter-Mann schon wegen seiner Größe angeboten. Ursprünglich lernte er Cello. © Sebastian Schultz

Missen möchte er die Erfahrungen entlang des Elberadwegs trotzdem nicht. "Ich habe, wenn ich hier ankomme, auf dem Weg schon so viel schöne Natur gesehen." Das sei für ihn schon Grund genug, das Fahrrad dem Zug vorzuziehen. Man bekomme damit einen ganz anderen Blick auf die Anreise, erklärt Andreas Dude, der auch im Urlaub schon die eine oder andere längere Radtour gemacht hat - etwa um die Ostsee oder entlang des Eger-Radwegs in Tschechien. Und weil er oft zur gleichen Zeit auf dem Radweg fährt, begegnet er dort auch anderen Leuten, die ebenfalls auf diese Weise zur Arbeit pendeln.

Manchmal nimmt Andreas Dude sogar noch ein Zelt mit nach Riesa, in dem er dann nach Konzerten übernachtet. Vom Standort der Elbland Philharmonie in Riesa-Gröba ist es nicht weit bis zum Zeltplatz nahe der Elbe. "Ich habe auch schon ein paar Kollegen angesteckt, die dann mitgemacht haben."

Wie das Radfahren zieht sich die Musik durch das Leben des gebürtigen Geisingers. Schon sein Vater, ein Mediziner, habe Hausmusik gemacht, erzählt Andreas Dude. In Dresden besuchte er später die Spezialschule für Musik. Damals spielte Dude noch Cello. Dann wuchs er im wahrsten Sinne aus dem Instrument heraus: Wegen seiner Größe drängte sich ein Wechsel zum Kontrabass regelrecht auf. Nach dem Studium spielte er unter anderem im Münchner Rundfunkorchester und im Deutschen Sinfonieorchester Berlin.

Konzertauftakt überraschend gut besucht

Die Tradition der Konzerte in Familie hat der Musiker jetzt auch mit den eigenen Kindern wieder aufleben lassen; die Corona-Zwangspause gab dafür auch mehr Zeit her. Bis weit ins Frühjahr hinein konnten die Musiker der Elbland Philharmonie keine richtigen Auftritte absolvieren. Das erste Riesaer Konzert gab's am 27. Juni in der Stadthalle Stern. "Das war so gut besucht, dass wir zusätzliche Stühle stellen mussten", erzählt Thomas Herm, bei der Elbland Philharmonie für Marketing und Programmplanung zuständig. Im Oktober soll deshalb jetzt ein Zusatzkonzert angeboten werden.

Dazwischen behalf sich die Philharmonie mit übers Internet übertragenen Streaming-Konzerten. "Das ist auch wirklich gut angelaufen", sagt Thomas Herm. Man habe versucht, präsent zu bleiben. Für den Programmplaner des Orchesters waren zuletzt vor allem ständig wechselnde Regeln eine Herausforderung gewesen. Ein großes Orchester war wegen der Abstandsregeln nicht überall möglich. Herm musste nach Stücken suchen, die sich trotzdem aufführen ließen. "Das hat auch echt Laune gemacht."

Fest angestellte Musiker wie Andreas Dude waren zuletzt Corona zum Trotz in einer privilegierten Situation. "Uns ging es hervorragend", sagt er sogar. Finanzielle Sorgen hatten sie auch in der konzertlosen Zeit eher nicht.

Anders war das laut Thomas Herm bei den Solisten, die eher freischaffend unterwegs sind. "Die hatten im September und Oktober 2020 das letzte Mal die Gelegenheit, Geld zu verdienen. Das war für den Solosektor eine brutale Zeit. Viele sind bei den Coronahilfen zunächst auch durchs Raster gefallen." Das Riesaer Orchester versuche nach der Absagewelle 2020, möglichst viele von ihnen direkt erneut zu engagieren. Aus seiner Sicht ein Gebot der Fairness, sagt Herm. Zumal das Orchester letztlich von den freien Solisten lebe.

Mitte Juli geht die Elbland Philharmonie in eine kurze Sommerpause, bis dahin sind noch eine Reihe kurzfristiger Termine angedacht. Das Publikum hat auch Kontrabassist Andreas Dude vermisst. Bei Streaming-Konzerten fehlten ihm die Reaktionen der Zuhörer. Umso besser, dass er nun wieder zu Konzerten fahren kann. Am liebsten mit dem Rad.

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  • Die Elbland Philharmonie Sachsen spielt nach der Sommerpause drei Konzerte in Riesa: Am 4. September gibt das Orchester zum Riesaer Stadtfest Filmmusik zum Besten, unter anderem von Beethoven, Elton John, Mozart und Lady Gaga.
  • Zum 1. Philharmonischen Konzert am 2. Oktober um 19.30 Uhr in der Stadthalle Stern wird Cellist Isang Enders zu Gast sein und das einzige Cellokonzert des in Lommatzsch geborenen Komponisten Robert Volkmann spielen. Das Orchester umrahmt im Konzert das Solowerk mit zwei Sinfonien von Wolfgang Amadeus Mozart, der „Linzer“-Sinfonie sowie zum Abschluss der „Jupiter“-Sinfonie.
  • Für den 27. November, 19 Uhr, ist außerdem im Stern ein Weihnachtliches Familienkonzert mit klassischer Musik geplant. Als Solist tritt dann Tom Pauls auf.

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