merken
PLUS Riesa

Keine Lust auf lange Treppen

Immer weniger Mieter wollen in den Gröditzer Plattenhäusern ganz oben wohnen. Leerstand ist die Folge. Aufzüge könnten helfen. Doch dafür fehlt das Geld.

Falk Ebert steht im Treppenhaus in einem der Gröditzer Plattenbauten. Bis in die sechste Etage zu laufen, ist gerade für ältere Mieter eine Qual.
Falk Ebert steht im Treppenhaus in einem der Gröditzer Plattenbauten. Bis in die sechste Etage zu laufen, ist gerade für ältere Mieter eine Qual. © Lutz Weidler

Gröditz. Die Wohnungsbauserie WBS 70 war einst das Erfolgsmodell des DDR-Wohnungsbaus. Von 1970 bis zur Wende 1989/90 wurden in ganz Ostdeutschland große Siedlungen und zum Teil ganze Stadtbezirke nach diesem Schema errichtet. Die "Platte" war modern und beliebt, weil Altbauten meist unsaniert blieben. Bis zum Ende der DDR wurden rund 2,1 Millionen Wohnungen aus Betonfertigteilen gebaut. Schätzungsweise jeder dritte DDR-Bürger lebte in den "Beton-Silos".

Auch in Gröditz gibt es noch genug solcher Plattenbauten vom Typ WBS 70. Viele Menschen, die hier wohnen, ziehen nicht weg. Die einen, weil es nun mal seit Jahrzehnten ihr Zuhause ist. Die anderen, weil die Mieten noch erschwinglich sind. Bei der Wohnungsgenossenschaft Gröditz (WGG) bezahlt man eine Kaltmiete von vier Euro pro Quadratmeter.

Sündenfrei Mittelalterveranstaltungen
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?
Gut gerüstet für Ihre Sommerfeste?

Ob Ritterturniere, Stadtfeste, Firmenevents oder Weihnachts- und Mittelaltermärkte - die Agentur Sündenfrei ist der richtige Partner!

Eigentlich alles gut und schön. Zumal die Wohnblocks mittlerweile auch saniert wurden und einen neuen, freundlicheren Anstrich erhielten. Doch eine Sorge treibt Falk Ebert, der technische Vorstand der WGG, seit Jahren um. In den obersten Etagen stehen immer mehr Wohnungen leer. "Viele Ältere wollen ins Erdgeschoss, weil sie nicht mehr so viele Treppen steigen können", sagt er.

Früher keine Aufzüge vorgeschrieben

Das Problem: In der DDR wurden viele Mehrfamilienhäuser bis zur sechsten Etage errichtet. Laut der hier damals geltenden Deutschen Bauordnung von 1958 waren bis zu dieser Höhe keine Aufzüge vorgesehen. Das änderte sich mit der letzten DDR-Bauordnung vom 22. Juni 1990, die später von den Landesbauordnungen der einzelnen neuen Bundesländer abgelöst wurde. Danach waren bereits ab dem sechsten Vollgeschoss Aufzüge notwendig. Das galt und gilt bis heute für Neubauten. Bestehende Gebäude erhielten Bestandsschutz.

Doch das ändert nichts daran, dass die obersten Geschosse immer unbeliebter werden. "Die fünfte oder gar sechste Etage zu vermieten, ist fast unmöglich", sagt Ebert. "Selbst junge Familien sprechen mich an und fragen nach Fahrstühlen."

Die Wohnungsgenossenschaft Gröditz weiß, dass Anzüge fehlen. Aber wovon bezahlen? Der Bauingenieur schätzt die Kosten für einen einzelnen Fahrstuhl mit Erneuerung des Treppengangs als Fluchtweg auf rund eine halbe Million Euro. "Bei zehn Eingängen bräuchten wir fünf Millionen Euro", sagt er. "Das ist für uns nicht machbar."

Ebert hofft deshalb auf die Unterstützung des Freistaates. Beim kürzlichen Besuch von Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) beim Wirtschaftsforum im Spanischen Hof sprach er das drängende Thema an. Und bereits vor zwei Jahren hätten Vertreter verschiedener Wohnungsgenossenschaften beim Landtagspräsidenten Matthias Rößler vorgesprochen und darauf hingewiesen, dass es in anderen ostdeutschen Bundesländern schon entsprechende Zuschüsse für Aufzüge gegeben hat.

Sachsen-Anhalt habe zum Beispiel 10.000 Euro pro Wohneinheit beigesteuert, so Ebert. Das wäre für einen Hauseingang in der Gröditzer Plattenbausiedlung mit zwölf Mietparteien immerhin schon 120.000 Euro. Damit könnte die WGG den Eigenanteil für den Fahrstuhl-Anbau und damit auch die Mieten im Rahmen halten. "Wir wollen ja keine Münchener Verhältnisse, wo Wohnen für Normalverdiener und Rentner unbezahlbar ist", sagt Ebert und fügt hinzu: "Das betrifft nicht nur Gröditz."

Auch Roland Ledwa, der Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft Riesa (WGR), würde eine finanzielle Unterstützung durch den Freistaat Sachsen begrüßen. "Da sich die Baukosten in der jüngeren Vergangenheit überproportional verteuert haben, ist ein Projektzuschuss sinnvoll, um zukünftig verstärkt in Aufzugsanlagen investieren zu können", sagt er. Dagegen seien Förderdarlehen des Freistaats aufgrund des Zinsniveaus für die WGR nicht von Interesse.

Die Wohnungsgesellschaft Riesa hat bereits mehrere sanierte Plattenbauten mit Aufzügen ausgestattet, so wie hier in der Heinz-Steyer-Straße.
Die Wohnungsgesellschaft Riesa hat bereits mehrere sanierte Plattenbauten mit Aufzügen ausgestattet, so wie hier in der Heinz-Steyer-Straße. ©  Foto: Sebastian Schultz

Die WGR hat bereits an mehreren sanierten Plattenbauten Außenaufzüge angebaut. So zum Beispiel an den vier Eingängen der Heinz-Steyer-Straße 4 a bis d. Sie verbinden fünf Etagen miteinander und kosteten jeweils rund 200.000 Euro, bestätigt Ledwa.

In Nünchritz ließ die WGN, die zur WGR gehört, am Karl-Liebknecht-Ring 1 bis 7 einen sogenannten "Laubengang" errichten. Damit wurden sieben Treppenhäuser mit einem Aufzug verbunden. Ledwa: "Davon profitieren in erster Linie die Mieter, da die meist kostenintensiven Wartungen nur für einen Aufzug gezahlt werden müssen und somit geringere Betriebskosten anfallen, die sich zugleich auf viele Mietparteien aufteilen."

Das könnte sich Ebert auch gut für Gröditz vorstellen. Allerdings nur auf der Rückseite. "Sonst würde man den Mietern in die Schlafstube reinschauen können", sagt er. "Und das will ja niemand." Auf alle Fälle seien Zuschüsse des Landes dringend, um wettbewerbsfähigen Wohnraum anbieten zu können. Die WGG besitzt circa 1.500 Wohnungen. "Wenn wir wirklich wollen, dass die Leute nicht aus dem ländlichen Raum wegziehen, brauchen wir Unterstützung", so der 49-Jährige.

Mehr zum Thema Riesa