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Aus der Metropole nach Riesa gewechselt

Zwei neue Mitarbeiterinnen sorgen für karibisches Flair im Riesenhügel. Wo sie herkommen, hat noch niemand erraten.

Yulieth Rueda mixt einen Cocktail an der Bar des Panama Joe's im Riesaer Riesenhügel.
Yulieth Rueda mixt einen Cocktail an der Bar des Panama Joe's im Riesaer Riesenhügel. © Foto: Lutz Weidler

Riesa. Batida de Fruta, Frozen Daiquiri; Caipirinha Brasilian Style - Cocktails aus Südamerika gibt es schon immer im Riesaer Panama Joe's. Aber jetzt wirbeln da auch zwei Mitarbeiterinnen vom Doppelkontinent hinterm Großen Teich an der Bar und durch die Küche: Yulieth Rueda füllt Gläser, deckt Tische, trägt Teller. Und Valeria Ortez putzt, schneidet, schält Gemüse in der Küche oder bereitet Desserts zu.

Beide Damen, 26 und 22 Jahre alt, versprühen im Riesenhügel-Restaurant sichtlich gute Laune - auch wenn sie einen ziemlichen Kulturschock hinter sich haben. Die Deutschen hätten eine komplett andere Mentalität, sagt Yulieth Rueda - wenig emotional und sehr, sehr akkurat. "Hier plant man schon zwei Monate vorher, wie ein Nachmittag aussieht. Bei uns zuhause entscheiden wir so was spontan."

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Aber wo ist das überhaupt, das Zuhause? Das hat noch niemand erraten - auch wenn die neuen Mitarbeiterinnen des Riesenhügel-Betreibers Magnet öfter danach gefragt werden. Meist wird, wegen des spanischen Akzents, Mexiko geraten. Rund 3.000 Kilometer daneben: Die beiden Lehrlinge stammen aus Kolumbien. Das liegt dicht am Äquator. Und trotzdem war es in der Heimatstadt der beiden Neu-Riesaer zuletzt deutlich kühler als hier in Sachsen. Denn die Familien, mit denen sie täglich per WhatsApp Kontakt halten, leben in der Hauptstadt Bogotá, einer Metropole mit knapp acht Millionen Einwohnern, die 2.600 Meter hoch in den Anden liegt.

Nun also eine 30.000-Einwohner-Stadt an der Elbe. Wie das? "Ich wollte einfach eine andere Kultur kennenlernen, das ist ein Abenteuer", sagt Valeria Ortez, angehende Köchin. Das Deutsch geht ihr ähnlich fließend von den Lippen wie ihrer Kollegin: Nur die Umlaute, die es im Spanischen nicht gibt, machen Schwierigkeiten. "Ich bin Köchin in der Küche" kann da schon ein schwieriger Satz sein.

Valeria Ortez lernt im Riesenhügel Köchin.
Valeria Ortez lernt im Riesenhügel Köchin. © Foto: Lutz Weidler

Deutschkurse haben Beide schon in Kolumbien belegt - das war Voraussetzung für die Teilnahme an einem Programm, das Arbeitskräfte quer über die Kontinente vermittelt. Nun absolvieren beide eine dreijährige Lehre bei der Magnet in Riesa. Nachdem sie wegen des Lockdowns zuletzt im Testzentrum im Riesenhügel und beim Lieferdienst aus der Hammerbräu-Küche mithalfen, steht nun endlich eine reguläre Ausbildung in der Gastronomie an.

Mittlerweile klappt es bei Yulieth Rueda sogar mit Sächsisch. "Anfangs habe ich da nichts verstanden, jetzt verstehe ich die Grundphrasen." Ein Kollege hinter der Bar lacht: "Das bringen wir ihr hier schon bei." Ohnehin wollte sie unbedingt Deutsch lernen, sagt die 26-Jährige. "Ich habe bei einer Party an der Uni in Bogotá Leute gehört, die in einer fremden Sprache redeten. In die Sprache habe ich mich sofort verliebt!" Und so ging die Kolumbianerin zunächst als Au Pair ein Jahr nach Osnabrück, dann nach Heilbronn - und ist nun in Riesa gelandet.

Ein Cocktail auf der Terrasse am Riesenhügel? Das ist mit den jüngsten Lockerungen bei den Corona-Regeln wieder möglich.
Ein Cocktail auf der Terrasse am Riesenhügel? Das ist mit den jüngsten Lockerungen bei den Corona-Regeln wieder möglich. © Foto: Lutz Weidler

Jetzt geht es um die Feinheiten in der Gastronomie. Wie trägt man Teller richtig, zum Beispiel. "Mein Chef sagt immer: 'Yulieth, üben, üben!'" Das Deutsch perfektioniert sich quasi ganz nebenbei - bei Ausflügen nach Leipzig oder Dresden etwa. Zuletzt war sie da, "wo die große Mauer ist". "Wie hieß das gleich", fragt sie eine Kollegin. "Bastei", kommt die Antwort. Schön war es, sagt die Dame hinter der Bar. Aber ihre Heimat vermisst sie trotzdem: das Essen, die Musik, die Intensität! Schließlich hat die 26-Jährige ihre Familie schon seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Aber in wenigen Tagen steht der 18-stündige Flug an: Dann geht es zum ersten Mal zum Urlaub zurück nach Bogotá.

Dort gilt der Sancocho als Spezialität, ein deftiger Fleischeintopf mit Kartoffeln, Gemüse, Zwiebeln, Gewürzen. Hier im Panama Joe's stehen dagegen vor allem Burger, Rippchen, Steaks auf der Karte. Die lernt Valeria Ortez mittlerweile in- und auswendig kennen. Die 22-Jährige hat schon in Kolumbien eine Ausbildung in der Küche gemacht. "Aber das ist eine ganz andere Cuisine!"

Die Feinheiten lernt sie nun im Panama Joe's - und in der Berufsschule in Großenhain, wo es mit dem Bus hingeht. Kein Problem, sagt Valeria Ortez. Sie würde gerne ein paar Jahre in Deutschland bleiben - reist aber auch furchtbar gerne. "Von Deutschland aus war ich schon in Österreich, Italien, Slowenien, Italien", sagt die angehende Köchin. Und in Amerika waren schon die USA, Mexiko, Peru dran. "Ich bin als Backpacker unterwegs und spare vorher, so viel ich kann." Gearbeitet hat sie zuvor in einem großen Hotel in Bogotá und in einem kleinen Restaurant. Auf den Beruf gebracht hat sie ihr großer Bruder, der als Koch in den USA arbeitet.

Wenn Valerie Ortez Freizeit hat, geht sie Joggen oder trainiert Taekwondo - den Sport betreibt sie schon seit acht Jahren. Und träumt von weiteren Reisen: "Asien mit Vietnam und Indonesien wären schön", sagt die 22-Jährige. "Ich möchte mal die Küche dort kennenlernen." Kollegin Yulieth Rueda an der Bar schmiedet noch keine großen Pläne. Will sie in Deutschland bleiben? Oder in Europa? "Weiß ich noch nicht. Ich gucke, was kommt."

Die Gastronomie im Riesenhügel ist jetzt wieder regulär geöffnet. Der Betreiber Magnet sucht aktiv nach Bewerbern für eine Ausbildung - stellt etwa Lehrberufe in den Oberschulen vor. In normalen Jahren gibt es dort 30 Lehrlinge - über alle Lehrjahre und Teilbereiche, aktuell sind es um die 20.

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