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Ausraster am Busbahnhof

Eine Zeithainer Familie verprügelt einen jungen Mann, der die Tochter des Hauses beleidigt haben soll – wirklich bestraft werden nur die Eltern.

Am Nünchritzer Busbahnhof hat sich ein Vorfall ereignet, bei dem Vater, Mutter und Tochter gleichermaßen ihre Wut rausließen.
Am Nünchritzer Busbahnhof hat sich ein Vorfall ereignet, bei dem Vater, Mutter und Tochter gleichermaßen ihre Wut rausließen. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa/Nünchritz. Ihre Depressionen schlügen nun mal leicht in Aggression um, gesteht die 19-jährige Zeithainerin vor dem Amtsgericht in Riesa ein. Sie muss sich wegen gleich drei Delikten verantworten, bei denen sie andere geschlagen oder getreten haben soll.

Mit auf der Anklagebank sitzen ihr Vater und ihre Mutter. Gefährliche Körperverletzung lautet der Tatvorwurf an alle drei – sie sollen im Januar 2020 am Nünchritzer Busbahnhof einen jungen Mann verprügelt haben.

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Die junge Frau, nennen wir sie Annika, wartete dort am späten Nachmittag auf ihren Bus, als sie aus einer vierköpfigen Gruppe junger Männer heraus angesprochen wurde. Einer von ihnen lud sie auf einen Schluck Bier ein, was Annika ignorierte. Daraufhin soll zumindest einer der Jugendlichen ausfällig geworden sein. „Die geht wohl auf den Strich!“, will Annika gehört haben. Sie rief daraufhin ihre Eltern an, die eine halbe Stunde später mit dem Auto eintrafen. Die junge Frau stieg zunächst ein und erzählte wohl ihre Version der Geschichte. Dann stieg die Familie aus und knöpfte sich vereint einen der vermeintlichen Beleidiger vor.

Der Geschädigte, nennen wir ihn Bruno, gibt an, dass er zunächst einen Faustschlag vom Vater ins Gesicht bekam. Die Mutter soll ihn dann an den Haaren gezerrt haben, während ihn Annika ebenfalls mit der Faust traktierte und ihm in die Weichteile trat.

Hämatome, ein abgebrochener Zahn, Unterleibschmerzen

Zwei seiner Kumpels, die unmittelbar daneben standen, aber nicht eingriffen, bestätigen das. Vielleicht habe es sich um ein verbales Missverständnis gehandelt, vermutet einer der Zeugen. Sein Freund habe die Ablehnung zum Mittrinken mit „Dann eben nicht!“ kommentiert. Was man, wenn man schlecht hinhört, vielleicht als „Die geht auf dem Strich“ interpretieren könnte.

Ob das nun stimmt oder nicht – Bruno trug von dem Angriff jedenfalls Hämatome, einen abgebrochenen Zahn und starke Schmerzen im Unterleib davon. Er ging am nächsten Tag zum Arzt und zur Polizei und so landete die Sache vor Gericht.

Annikas Vater, Raphael K., bestreitet den tätlichen Angriff. Bruno sei in aggressiver Absicht auf ihn zugekommen, und da habe er ihn mit beiden Händen weggeschubst. Mehr nicht. Die Blessuren des jungen Mannes könnten ja auch später bei einer anderen Auseinandersetzung zustande gekommen sein.

Wutausbruch im Gericht

Das wirkt wenig überzeugend, zumal der Geschädigte und seine Freunde vor Gericht einen durchaus sachlichen, vernünftigen Eindruck machen. Annika hingegen verliert mehrfach die Kontrolle über sich. Besonders, als es um die Schwester ihres Ex-Freundes geht, auf die sie ebenfalls eingeprügelt haben soll.

Der Ex saß ursprünglich mit auf der Anklagebank, weil er an dem Delikt beteiligt gewesen sein soll. Als das Verfahren gegen ihn dann aber eingestellt wird, legt die junge Frau einen mittleren Wutausbruch hin. Aufgrund ihrer psychischen Instabilität und ihrer gestörten Impulskontrolle sieht Richter Herbert Zapf in einer Bestrafung nicht das richtige Erziehungsmittel. Er verpflichtet Annika nach Jugendstrafrecht lediglich dazu, sich für ein halbes Jahr der Aufsicht eines Betreuers zu unterstellen und eine Drogenberatung zu akzeptieren.

Annikas Eltern, Raphael und Nicole K., hingegen bekommen ein halbes Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung, die Mindeststrafe für gefährliche Körperverletzung. Er wolle die Taten von Vater und Mutter nicht unterschiedlich bewerten, erklärt Herbert Zapf bei der Urteilsbegründung. Sie hätten schließlich beide ihre Erziehungspflichten entschieden übererfüllt.

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