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Bereit fürs Feuer

SZ-Redakteur Jörg Richter ist Feuerwehrmann in Glaubitz und war jetzt mit zwei Kameraden im Brandübungscontainer der Enso.

Die Glaubitzer Feuerwehrleute helfen sich beim Anschließen des Sauerstoffschlauchs an die Atemmaske.
Die Glaubitzer Feuerwehrleute helfen sich beim Anschließen des Sauerstoffschlauchs an die Atemmaske. © Sebastian Schultz

Glaubitz. Hinter mir geht die Tür des Brandübungscontainers zu. Ich sehe nichts mehr außer Qualm. Meine Helmlampe leuchtet in eine weiße Rauchwand hinein. Mein Blickfeld reicht nur so weit, wie meine Arme lang sind. Ich höre die Stimmen meiner beiden Kameraden, die mit mir in den Container gegangen sind. Wir knien und hoffen darauf, dass bald irgendwo in diesem finsteren Raum eine Flamme zu sehen ist. Fehlanzeige. 

Es vergehen die Sekunden. Doch sie fühlen sich wie Minuten an. Franz Lupprian, der mit dem Strahlrohr vorneweg gekrochen ist, taucht plötzlich aus dem Nebel auf. Auch er scheint nervös. Wie wir alle. Denn wo geht es hier zur Treppe? Sie soll nach oben auf das Dach des stählernen Lkw-Anhängers führen. Dort sollen wir eine brennende Photovoltaik-Anlage löschen. Das ist der Einsatzbefehl, den uns kurz zuvor Martin Reichstädter gegeben hat. 

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Der Glaubitzer Gemeindewehrleiter ist einer von mehreren freiwilligen Helfern, die die Mitarbeiter des Feuerwehrtechnischen Zentrums bei dieser besonderen Ausbildungswoche unterstützen. Bereits zum elften Mal hat der ostsächsische Energieversorger Enso den Brandübungscontainer der Firma Dräger gemietet und stellt ihn kostenlos den Feuerwehren im Landkreis Meißen zur Verfügung.  

Schön runter! Der Kameraden betreten den qualmenden Container in knieender Haltung.
Schön runter! Der Kameraden betreten den qualmenden Container in knieender Haltung. © Sebastian Schultz

Wir tasten uns vor. Erst nach links. Doch dort geht es nicht weiter. Dann eben nach rechts. Da versperrt uns eine Stahltür den Weg und lässt sich nicht öffnen. Irgendwo muss doch die Treppe sein. Ich bin bestimmt schon das vierte oder fünfte Mal in diesem Übungscontainer. Doch jedes Mal gelingt es den Dräger-Leuten, eine andere Einsatzsituation zu erschaffen.  

Man könnte meinen, dass 40 Quadratmeter eigentlich übersichtlich sind. Ich erinnere mich aus den vergangenen Jahren an den nachgestellten Küchenherd und an die gute Wohnstube mit dem brennenden Stahlgitter-Sofa. Irgendwo dazwischen muss doch der Aufgang sein. Ich spüre, wie mein Puls steigt. 

Franz ist zum ersten Mal dabei. Für ihn ist dieser Test, sich in einem fremden, verqualmten Gebäude vorwärts zu bewegen, nach vermissten Menschen zu suchen und Feuer zu löschen, noch realer. Nach einer Weile findet er die Stufen. Ich atme unter meiner Rauchschutzmaske auf. Endlich können wir diese Dunkelheit verlassen.   

Oben angekommen, sehen wir auch schon ein brennendes Gitter, das die Photovoltaik-Anlage darstellen soll. In einem Bedienungsraum im Inneren des Containers wird jeder unserer Schritte per Kamera verfolgt. Von hier aus werden auch die Gasflammen entfacht.

Franz Lupprian geht auf dem Dach des Brandübungscontainers mit dem Strahlrohr in der Hand zum ersten Ziel.
Franz Lupprian geht auf dem Dach des Brandübungscontainers mit dem Strahlrohr in der Hand zum ersten Ziel. © Sebastian Schultz

Nun heißt es, bis auf einen Meter ran an die Photovoltaik-Anlage! Franz geht mit dem Sprühstrahlrohr vor. Ich stehe an der Dachtür und ziehe den prall gefühlten Schlauch hinterher. Mein Bruder Ralph, der noch unten im Container ist, schiebt von unten. Das erleichtert mir die Arbeit sehr.

Das ist der Vorteil, wenn man zu dritt in den Übungscontainer geht. Normalerweise gehen die Trupps wie beim echten Einsatz zu zweit rein. Weil die meisten freiwilligen Feuerwehrleute aber noch einen Beruf haben und nicht hundertprozentig zusagen können, gibt es manchmal noch einen Ersatzmann. Und wenn dann alle da sind, machen auch alle mit.

Die Photovoltaik-Anlage ist gelöscht. Da schreit mein Bruder von unten: "Rückzug! Die Treppe brennt." Schnell ziehen wir vereint den Schlauch zurück und steigen wieder in den dunklen Container hinab. Als wir alle unten sind, beginnt Franz das Feuer zu löschen. 

Dann ist wieder alles zappenduster. Aus dem Funkgerät an meiner Brust rauscht es: "Einsatz fortsetzen! Weiter zur Stube! Eine Person vermisst." 

Die drei Glaubitzer Feuerwehrleute haben eine vermisste Person (Puppe) gefunden und bringen sie nach draußen.
Die drei Glaubitzer Feuerwehrleute haben eine vermisste Person (Puppe) gefunden und bringen sie nach draußen. © Sebastian Schultz

Ach ja, die Stube. Ich weiß schon, was uns hinter der Stahltür, die vorhin nicht aufging, erwartet. Ein Wohnungsbrand vom Feinsten, mit bis zu 600 Grad Celsius und einem Flash-over. Knieend machen Franz und ich die Tür auf und kriechen hinein. Ralph bleibt zurück und schiebt den Schlauch nach.  

Gleich hinter der Tür entdecken wir eine mannsgroße Stoffpuppe. Es ist die vermisste Person. Sofort bringen wir sie aus dem Container heraus an die frische Luft in Sicherheit. Ein kurzes Durchatmen, dann geht es wieder hinein. Kriechend.  

Leute, die zu viele amerikanische Katastrophenfilme mit breitbeinig dastehenden Firefighters gesehen haben, werden sich jetzt fragen: Warum kriechen die denn dauernd? Antwort: Aus reiner Vorsicht. Und der Grund folgt sofort, als wir wieder in der Stube sind: An der Decke wird ein Flash-over entzündet. Wer jetzt steht, erhält heiße Ohren. Franz und ich werfen uns, wie wir es gelernt haben, rücklings auf den Boden und schützen uns mit dem Sprühstrahl. Meine Maske beschlägt. 

Vor dem Einsatz erläutert der Glaubitzer Gemeindewehrleiter und Berufsfeuerwehrmann Martin Reichstädter, was zu tun ist. Später wertet er die Übung mit den Kameraden aus.
Vor dem Einsatz erläutert der Glaubitzer Gemeindewehrleiter und Berufsfeuerwehrmann Martin Reichstädter, was zu tun ist. Später wertet er die Übung mit den Kameraden aus. © Sebastian Schultz

Als das Feuer über uns aus ist, löschen wir das Sofa und noch ein zweites Feuer im Raum. "Man soll so wenig wie möglich Wasser benutzen", hatte uns zuvor Übungsleiter Martin eingetrichtert. "Schließlich wollen wir nicht den Dorfteich umsetzen." Tatsächlich ist Wasser nicht nur für uns Feuerwehrleute ein teures Gut. Jeder Kubikmeter, der aus dem öffentlichen Trinkwassernetz entnommen wird, wird von der Wasserversorgung Riesa-Großenhain registriert. Übungen, so wie diese Brandcontainer-Woche, müssen daher angemeldet werden.

Dann ist der Einsatz beendet. Franz, Ralph und ich können endlich aus dem Kasten mit dem aufgemalten Feuerdrachen. Etwa eine halbe Stunde ist wie im Flug vergangen. Erschöpft setze ich meinen Helm ab und reiße meine Maske runter. Die Sauerstoffflasche kann jetzt auch abgesetzt werden. Während ich mir den Schweiß von der Stirn wische und noch etwas nach Luft japse, beginnt Martin mit der Auswertung. Wie schon in den letzten Jahren kann man hier und da noch etwas besser machen. "Aber dafür trainieren wir es ja", sagt Martin. 

Und dieses Angebot der Enso wird von den Kameraden gern angenommen. Laut Kreisbrandmeister Ingo Nestler sind von den rund 3.200 aktiven Feuerwehrleuten im Landkreis Meißen immerhin 1.153 Atemschutzgeräteträger (Stand Ende 2019). Etwa 220 von ihnen haben sich bis kommenden Sonnabend für die Übung im Dräger-Brandübungscontainer angemeldet. Und auch im kommenden Jahr soll es diese Gelegenheit geben. Ich kann es nur empfehlen. 

SZ-Redakteur Jörg Richter (links) geht sicherlich auch im nächsten Jahr wieder mit seinen Glaubitzer Kameraden in den Brandübungscontainer. Diesmal war er mit seinem Bruder Ralph Richter (rechts) und Franz Lupprian (Mitte) drin.
SZ-Redakteur Jörg Richter (links) geht sicherlich auch im nächsten Jahr wieder mit seinen Glaubitzer Kameraden in den Brandübungscontainer. Diesmal war er mit seinem Bruder Ralph Richter (rechts) und Franz Lupprian (Mitte) drin. © Sebastian Schultz

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