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Brückenschlag an der Elbe

Monatelang wurde bei Riesa auf diesen Moment hingearbeitet. Nun darf nichts schiefgehen.

Ein millionenschweres Projekt: Eine 80-Tonnen-Winde zieht bei Riesa eine Erdgasleitung durch die Elbe.
Ein millionenschweres Projekt: Eine 80-Tonnen-Winde zieht bei Riesa eine Erdgasleitung durch die Elbe. © Lutz Weidler

Riesa/Zeithain. Kein Durchkommen mehr auf der Elbe: In Riesa werden zwei Sportboote gestoppt. Die Wasserschutzpolizei kontrolliert den Fluss an diesem Vormittag. Die Binnenschifffahrt wurde ohnehin schon von der Sperrung bei Riesa informiert. Ein letztes Mal überprüft ein Mann vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt die Elbe per Fernglas - dann kann es losgehen.

Seit Jahren wurde das Vorhaben geplant, seit März bei Bobersen und Gröba auf diesen Moment hingearbeitet. An diesem Donnerstag nun wird es ernst. Eine 207 Meter lange Röhre soll im Fluss versenkt werden. 78 Tonnen wiegt die Schlange aus Stahl, Kunststoff und Beton.

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Noch liegt sie am linkselbischen Ufer - in einer sandfarbenen Schneise, die dort in die Felder gebaggert wurde. Nicht zum ersten Mal: Ende der 1950er wurde hier bei Riesa schon einmal gebaut. Da kam eine erste Erdgasleitung in den Boden. Gut 60 Jahre hat sie gehalten, dann war sie aber doch erneuerungsbedürftig. Der Gasnetzbetreiber Ontras hat sich im vergangenen Jahr deshalb bereits einmal quer durch die Region gebaggert - von Gröditz bis Strehla. Nur die Elbquerung selbst, das spannendste Stück, war bis zu diesem Donnerstag noch offen.

Geschützt: Helm ist Pflicht, die Sonnenbrille bei dem schönen Wetter angebracht.
Geschützt: Helm ist Pflicht, die Sonnenbrille bei dem schönen Wetter angebracht. © Lutz Weidler
Bereitgelegt: Hier liegt der Düker noch auf der linken Elbseite. Dann wird er von Gröba aus Richtung Bobersen in die Elbe gezogen.
Bereitgelegt: Hier liegt der Düker noch auf der linken Elbseite. Dann wird er von Gröba aus Richtung Bobersen in die Elbe gezogen. © Lutz Weidler
Ummantelt: Eine Hülle aus Beton sorgt dafür, dass die 40 Zentimeter dicke Stahlröhre später nicht aufschwimmt.
Ummantelt: Eine Hülle aus Beton sorgt dafür, dass die 40 Zentimeter dicke Stahlröhre später nicht aufschwimmt. © Lutz Weidler

Nun, kurz nach halb zehn, ruckt die Winde an. "Sie kann ein Gewicht von 80 Tonnen ziehen", sagt Ontras-Sprecher Ralf Borschinsky. Das ist wichtig - die Betonummantelung macht den Düker, so heißt die flussquerende Leitung, extra schwer. "Damit wird verhindert, dass sie aufschwimmt, wenn sie später mit Gas gefüllt ist." Tatsächlich soll die Röhre in einem Graben landen, den zwei Baggerschiffe seit März ausgegraben haben. Bis zu vier Meter unter die Flusssohle reicht er. Der Verlauf wurde exakt vorbereitet, damit die Röhre aus Stahl und Beton auch perfekt hineinpasst.

Zuletzt waren die GPS-gesteuerten Bagger im Dauereinsatz. "Die Flussströmung spült ständig neues Material in die Rinne, das müssen wir berücksichtigen", sagt Hermann Hinrichs, Chef der Firma Hydro-Wacht. Das Unternehmen mit Sitz bei Magdeburg ist spezialisiert auf Baustellen am und im Wasser. Wenn Hinrichs Männer an der Baustelle bei Riesa fertig sind, ziehen sie nach Hamburg um: Beim dortigen Kernkraftwerk Krümmel gilt es, ein Auslaufbauwerk für Kühlwasser in die Elbe zu errichten. "Wir bauen aber auch für den Nabu", sagt Hinrichs. An der Havel bei Rathenow gestalte man das Ufer mit Kokosmatten und Bepflanzungen wieder naturnah.

Konzentriert: Von diesem Stand aus wird die Winde gesteuert.
Konzentriert: Von diesem Stand aus wird die Winde gesteuert. © Lutz Weidler
Unübersehbar: der Ankunftsort des Dükers an der Elbe, im Hintergrund Bobersen. Links oben ist Gohlis zu erkennen.
Unübersehbar: der Ankunftsort des Dükers an der Elbe, im Hintergrund Bobersen. Links oben ist Gohlis zu erkennen. © Lutz Weidler
Gespannt: Zahlreiche Mitarbeiter beobachten, wie der Düker ins Wasser gleitet. Insgesamt sind 50 Leute vor Ort - von Firmen und Behörden.
Gespannt: Zahlreiche Mitarbeiter beobachten, wie der Düker ins Wasser gleitet. Insgesamt sind 50 Leute vor Ort - von Firmen und Behörden. © Lutz Weidler

Langsam, vom rechten Elbufer kaum sichtbar, gleitet nun die auf Rollen gelagerte Röhre in den Fluss. Zwei Bagger unterstützen die Winde, die mit Tempo 100 zieht: 100 Meter pro Stunde. Anders als sein Vorgänger wird der neue Düker nicht nur für Erdgas taugen, sondern auch für Wasserstoff: Der mögliche Energieträger der Zukunft stellt besondere Ansprüche an Stahl und Dichtungen.

Die Leitung mit 40 Zentimetern Durchmesser ist ausgelegt für einen Druck von 250 bar. "Das entspricht dem Wasserdruck in 250 Meter Tiefe", sagt Ralf Borschinsky. In Betrieb gehen soll sie Anfang Juli. Bis dahin strömt das Gas durch eine parallel verlaufende Leitung, die noch aus den 50ern stammt: In der DDR wurde die Elbquerung redundant gebaut - das rentiert sich heute.

Wird die neue Röhre auch so lange halten? "Ganz bestimmt", sagt der promovierte Geologe. Bei der Abschreibung des Dükers geht man von 50 Jahren Nutzungszeit aus, bei guter Wartung und Pflege könne er aber wesentlich länger halten.

Stück für Stück nähert sich die Leitung dem rechten Ufer. Eine Stange mit einem Deutschland-Fähnchen und drei bunte Bojen zeigen an, wie weit der Düker unter Wasser schon vorangekommen ist. "Das klappt ja heute wie am Schnürchen", freut sich der 62-Jährige.

Die Beteiligten haben eine gewisse Erfahrung: Allein 20 Elbquerungen gibt es im Netz von Ontras, das sich über das gesamte Gebiet der einstigen DDR zieht. Stadtwerke, Regionalversorger und Großkunden wie Wacker sind dort angeschlossen.

Um 10.20 Uhr ist es so weit: Der Düker hat das rechte Ufer erreicht, absolut planmäßig. Nun sind die Taucher dran, um die unter Wasser notwendigen Arbeiten zu erledigen. Ein Peilboot kreuzt derweil hin und her, um den exakten Verlauf des Dükers zu überprüfen.

Angekommen: An dieser Leitung hängt der Düker, der nun am rechten Elbufer angeschlossen wird.
Angekommen: An dieser Leitung hängt der Düker, der nun am rechten Elbufer angeschlossen wird. © Lutz Weidler

Am Ufer gibt es noch für Wochen zu tun: Die Spundwände müssen wieder raus, der Aushub zurück in die Elbe, Ersatzpflanzungen sind zu tätigen. "Da gibt es strenge Auflagen, auch beim Schutz der Tierwelt", sagt der Ontras-Mann. Er kann sich an eine Baustelle erinnern, da war das Tragen von Bauhelmen und Warnwesten verboten - weil die grellen Farben den dort lebenden Fischadler irritieren würden. Hier an der Elbe dagegen gilt das Gegenteil: Zwei Mitarbeiter einer Fremdfirma bekommen einen Platzverweis, weil sie zwar Warnwesten tragen, aber keine Helme.

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"Das ist gelaufen, wie es im Buche steht", freut sich Ralf Borschinsky um halb elf. Bis August gibt es noch Restarbeiten. Dann ist das Gasnetz an dieser Stelle fit für die nächsten Jahrzehnte. Allerdings laufen schon Planungen für einen neuen Abschnitt: Zwischen Strehla und Canitz ist eine Verlängerung der Gasleitung vorgesehen. Die Elbe aber ist mittlerweile wieder freigegeben - ob für Kanufahrer oder Frachtschiffe.

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