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"In Riesa liegt unglaublich viel Potenzial"

Alexander Ehrke ist Citymanager in Großenhain - und schaut mit Interesse auf die Nachbarstadt, wo er bald einen Kollegen bekommen soll.

Alexander Ehrke ist seit zwei Jahren Citymanager in Großenhain. Sächsische.de hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen – und darüber, was ein Citymanager für Riesa bringen könnte.
Alexander Ehrke ist seit zwei Jahren Citymanager in Großenhain. Sächsische.de hat mit ihm über seine Arbeit gesprochen – und darüber, was ein Citymanager für Riesa bringen könnte. © Foto: Norbert Millauer

Riesa. Noch in dieser Woche könnte die Entscheidung verkündet werden, wer in Riesa Citymanager wird. Nebenan in Großenhain ist man schon einen Schritt weiter: Dort ist so eine Stelle bereits seit zwei Jahren besetzt. Sächsische.de sprach mit Manager Alexander Ehrke.

Herr Ehrke, Sie sind jetzt seit 2019 in Großenhain im Amt. Wie wird man eigentlich Citymanager?

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Kompetente Unterstützung zu Gesundheit und den passenden Produkten findet man in Riesa in der Domos-Apotheke in der Elbgalerie sowie in der Galeria-Apotheke.

Ich bin seit 2001 Großenhainer, habe hier meine Realschule beendet und eine Ausbildung bei der Sparkasse gemacht. Nach der Ausbildung habe ich das Fachabitur gemacht und an der BA Riesa studiert. Für mich war nach meiner Tätigkeit in Leipzig als Teamleiter bei Media Markt der Wunsch da, zurück in die Heimat zu gehen. Da passte die Stelle gut auf mein Handels- und Dienstleistungsstudium.

Sie kannten also die Stadt bereits. Ist das von Vorteil?

Das ist keine einfache Frage! Bei mir ist es ja irgendwie beides: Ich kenne Großenhain, habe zu einigen Händlern auch vorher schon einen guten Draht gehabt. Aber ich kenne eben auch Leipzig und die großen Center dort. Wir brauchen eine starke Gruppe hier, die gemeinsam auftritt. Da kann jemand aus der Region helfen, es kann aber auch gut sein, wenn jemand neu kommt.

In Riesa soll demnächst auch ein Citymanagement installiert werden. Gesucht wird ein Alleskönner. Welche Erwartungshaltung gab es denn damals, als Sie die Stelle angetreten haben?

Es gibt natürlich den Stellenrahmen, der vordefiniert wurde. Als der im Stadtrat diskutiert worden ist, wurde er zunächst immer länger. Dann gab es aber auch Händler, die sagten: Wenn wir es endlich schaffen, wieder miteinander zu reden, und ich jemanden habe, den ich anrufen kann und der mir hilft oder vermittelt – mehr brauche ich gar nicht. Also eher niederschwellig bis hin zur "eierlegenden Wollmilchsau". Das ist teils unrealistisch: Ich kann keinen zwingen, in ein Geschäft zu gehen.

Welche Charaktereigenschaft ist denn in Ihrem Job besonders gefragt?

Das A und O ist: reden, reden, reden! Man muss mit den Menschen ins Gespräch kommen und signalisieren, dass man wirklich ein Interesse daran hat. Es braucht auch etwas Diplomatie, um die Wogen zu glätten. Und man braucht schon ein dickes Fell und eine gewisse Frustrationstoleranz.

Wie viele Gespräche führen Sie denn an einem normalen Tag?

Normal dürften es etwa fünf am Tag sein. Es können auch mal 25 sein, wenn Webtalks anstehen. In der Anfangszeit war ich quasi den ganzen Tag unterwegs, mit Zettel und Stift. Bei Veranstaltungen war man dann auch vor Ort, keine Frage. Dann kam Corona um die Ecke.

Was kann das Innenstadtmanagement eigentlich in der Coronazeit bewegen?

Es läuft ganz anders als zuvor. Es hieß an erster Stelle, die ganzen Coronaverordnungen durchzugehen und die Händler zu informieren. Wir haben versucht, mit jedem ins Gespräch zu kommen. Das hat viel positives Feedback ausgelöst. Daraus hat sich mittlerweile ein Corona-Newsletter entwickelt. Das ist momentan das, was für jeden Händler zählt. Ein anderer Teil ist: Wie binden wir jetzt Gelder an die Innenstadt, damit der Konsum nicht an den Versandhandel abfließt?

Wie geht das?

Wir haben den Großenhainer Zehner, eine Art Stadtgutschein für alle Händler, geöffnet. Vorher war er beschränkt auf Mitglieder der Händlergemeinschaft. Dann wurde das beworben – und ist nun im Grunde ausverkauft. Das hat uns überrascht. Damit die Maskenpflicht cooler ankommt, haben wir Masken mit Sprüchen und unserem Logo „Einkaufen in Großenhain“ bedruckt und beim Einkauf verschenkt. Dann findet ein Teil im stillen Kämmerchen statt und man überlegt: Wie muss sich der Handel verändern? Digitalisierung ist da ein Stichwort, das viele Händler nicht so auf dem Schirm hatten.

Wo liegen denn in Riesa mögliche Baustellen für den neuen Citymanager?

Es ist schwierig, denn ich beurteile es von außen. Ich habe also nicht die Wahrheit für mich gepachtet. Aber wenn ich den Vergleich zwischen Riesa und Großenhain ziehe: Riesa hat ein paar Einwohner mehr, Riesa ist ein alter Industriestandort. Das heißt, in Riesa liegt unglaublich viel Potenzial und Kaufkraft. Ein Riesenpotenzial liegt auch in der Vereinsarbeit, damit lässt sich was bauen.

Aber?

Ich kenne aus meinen sehr jungen Jahren noch die Hauptstraße. Man hatte damals wirklich eine belebte Geschäftsstraße. Ich habe den Eindruck, heute ist das anders. Es sind viele Geschäfte weggegangen. Das hat teils mit Altersgründen und der erfolglosen Nachfolgersuche zu tun, teils mit wirtschaftlichen Nöten. Und ich glaube, dass die Diskussion Fußgängerzone oder befahrene Zone nicht der richtige Ansatz ist. Ich glaube, in Riesa nagt ein anderes Problem viel mehr: Riesa hat zwei große Einkaufszentren. Wenn ich in den Riesapark fahre, dann bin ich im Riesapark und komme nicht in die Innenstadt. Und die Elbgalerie hat ein ganz starkes Parkplatzangebot und ist damit bequem – aber Sie können da nur eine begrenzte Zeit lang kostenlos parken. Vielleicht kann da der neue Citymanager ansetzen.

Inwiefern unterscheiden sich beide Städte von den Grundbedingungen?

Wir haben in Großenhain kein großes Center. Es gab vor vielen Jahren solche Pläne, die haben sich aber zerschlagen. Es könnte durchaus sein, dass Großenhain heute ein anderes Bild ergäbe, wenn sie damals umgesetzt worden wären. So habe ich den Luxus, eine Stadt vorzufinden, die sehr inhabergeführt geprägt ist, mit vielen kleinen charmanten Geschäften und einer sehr stabilen Zahl von Stadtkunden. Das ist ein markanter Unterschied. Das städtische Einzelhandelskonzept setzt auf den kleinteiligen, inhabergeführten Einzelhandel.

Es wurde in der Vergangenheit auch schon thematisiert, dass die Hauptstraße in Riesa zu lang sei.

Ich glaube, der Handel wird sich extrem wandeln, auch wandeln müssen. Auch in Hinsicht auf Verweildauer und Erlebnis, also einen Grund, da hinzugehen. Auch für die jüngere Generation. Da gab es in Riesa diese Idee des Jugendcafés: Junge Menschen motivieren, was zu tun, im Zentrum. Das ist ein schmaler Grat, weil die Anwohner womöglich Ruhe haben wollen. Aber ich denke, dieser Ansatz kann funktionieren. Ob man am Ende dann aber diese große Zahl an Einzelhändlern hat, wage ich fast zu bezweifeln. Die ganze Hauptstraße aufzufüllen, halte ich für unrealistisch.

Da geht es dann wohl darum, den Leerstand anders aufzufüllen. Auch eine Aufgabe fürs Citymanagement, oder?


Das definiert jede Stadt immer etwas anders für sich. Aber natürlich: Wenn ich Leerstand habe, dann geht es erst mal darum, ihn zu inserieren. Man muss aber ehrlich sagen, dass es eine passive Suche ist. Man inseriert und hofft, dass jemand kommt und fragt: Habt ihr einen Laden für mich? Im ersten Jahr meiner Tätigkeit sind so tatsächlich die vermieteten Flächen mehr geworden. Wir hatten natürlich auch Abgänge, aber unter dem Strich mehr Zugänge. Das ist vielleicht die einzige Zahl, an der sich der Erfolg eines Citymanagers quantitativ messen lässt. Ob das unter Corona-Bedingungen richtig ist, weiß ich nicht.

Und wenn es mit einem neuen Laden nicht klappt?

Eine Umnutzung ist eine interessante Variante, aber auch sensibel und von lokalen Bedingungen abhängig. Ich finde, Kunst und Galerien sind ein spannendes Thema. Da muss man aber vorsichtig sein. Nur weil ich von einem Künstler 15 Bilder habe und in ein Geschäft hänge, habe ich dadurch nicht gleich Bewegung auf einer Hauptstraße. Da ist es sinnvoller, sich Gruppen von Menschen zu suchen, die ein Interesse daran haben, dass etwas passiert.

Was kann sich Riesa Ihrer Ansicht nach von Großenhain abschauen?

Jede Stadt hat individuelle Stärken und Schwächen. Daran gilt es gemeinsam zu arbeiten. Wo ich jetzt überfragt bin, ist die Sache, ob es schon einen Händlerstammtisch in Riesa gibt. Die Hemmschwelle, dass die Händler mehr miteinander sprechen, muss man überwinden. Das ist Gold wert – und da hat bei uns der Händlerstammtisch viel gebracht. Man kann kreativ sein, wie man will. Aber wenn man die Ideen nicht mit den Händlern bündeln kann, ist das schon zum Scheitern verurteilt. Es ist immer von den Menschen abhängig.

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In den nächsten Tagen sollen in Riesa die ersten Gespräche beginnen, teilt der HGV mit. Auch eine andere Frage steht kurz vor der Klärung.

Sind denn mehr Veranstaltungen der Weg, die Straße zu beleben?

Das muss man zweiteilig sehen. Es ist immer eine Möglichkeit, Menschen in die Stadt zu bekommen – zuletzt haben wir das in Großenhain mit unserem Stadtkunstfest getan. Das sind wichtige Tage. Man muss aber ehrlich sein: Man kann nicht jeden Samstag eine Veranstaltung machen, dann verlieren sie an Strahlkraft. Man muss auch dauerhaft die Verweilqualität erhöhen, ohne Riesen-Highlights. Ein Citymanager ist kein Eventmanager. Er kann Veranstaltungen nicht alleine stemmen. Am Ende sind deshalb auch die Grundvoraussetzungen ein wenig egal. Jeder Citymanager braucht eine gute Mannschaft von Interessierten, dann kann auch etwas erreich​t werden.

Es fragte: Stefan Lehmann.

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