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Ein kleiner Betrieb mit großer Reichweite

Ob Suppenwürze, Parfüm oder Panthenol: Das Aropharmwerk in Riesa mischte bei der Herstellung vieler Produkte mit.

Das Werksgelände an der Lommatzscher Straße im Juli 1960.
Das Werksgelände an der Lommatzscher Straße im Juli 1960. © Repro/Stadtmuseum

Von Siegfried Wallat

Riesa. Nie sei er „mit Abneigung die Lommatzscher Straße lang gelaufen, um meine Schicht anzutreten“, schrieb Peter K. In einem Brief. „Die Jahre in Riesa sind unvergessen.“ Was war das für ein Betrieb auf dieser Straße, den der Briefschreiber, der heute in Thailand lebt, bis ins hohe Alter in guter Erinnerung behielt?

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Peter K. trat seine Schicht im Aropharm-Werk Riesa an. Die Geschichte dieses Produktionsbetriebes ist sehr wechselhaft. Bereits 1911 erwarb die Zwickauer Firma Oskar Mosebach Lack- und Farbenfabrik eine Teilfläche des heutigen Areals. Die Firma wurde 1922 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, erhielt 1930 den Namen Duca AG und wurde nach Berlin verlagert.

1930 übernahm die Stadt Riesa das Firmengelände. Verschiedene Einrichtungen, auch zwei Arbeitsdienstlager und ein Umsiedlungslager, wurden dort betrieben. Die eigentliche Firmengeschichte begann aber nicht an der Lommatzscher Straße, sondern ist eng verbunden mit dem Gröbaer Heico-Werk.

Die Heine und Co. AG, so der korrekte Name, wurde 1907 in Gröba (damals noch selbstständige Gemeinde) auf der Oschatzer Straße (heute Paul-Greifzu-Straße) in Betrieb genommen. Sie war ein Teilbetrieb des Leipziger Hauptwerkes, der Heine und Co. AG und entwickelte sich rasch zum bedeutendsten Hersteller natürlicher und künstlicher Riechstoffe für die Parfüm- und Seifenbranche. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion in Riesa eingestellt. Ein Kontrollratsbeschluss verfügte die Demontage des gesamten Betriebes, die vom 5. Juli bis 28. Oktober 1945 erfolgte. Bereits Anfang 1946 nahm das Werk mit der Herstellung von Suppenwürze die Produktion wieder auf. In der Nachkriegszeit war dies sicher wichtiger als die Herstellung von Riechstoffen.

Einblicke ins Innere der Produktionsanlagen. Auch diese Bilder entstanden wohl um 1960.
Einblicke ins Innere der Produktionsanlagen. Auch diese Bilder entstanden wohl um 1960. © Repro/Stadtmuseum Riesa
© Repro/Stadtmuseum Riesa
© Repro/Stadtmuseum Riesa
© Repro/Stadtmuseum Riesa

Am 1. Juli 1946 ging das Werk in Volkseigentum über. Damit verbunden war die Trennung vom Leipziger Stammhaus. Der Riesaer Betrieb erhielt den Namen Aropharm-Werk. Die sowjetische Militäradministration verfügte zwei Jahre später, also am 9. Februar 1948, mit dem Befehl Nr. 29 die Räumung der gesamten Fabrik zu Gunsten des Gummiwerkes (heute Reifenwerk Goodyear). Die Stadtverwaltung Riesa war am Erhalt des Aropharm-Werkes sehr interessiert und stellte ihm das Gelände auf der Lommatzscher Straße zur Verfügung. Die Fabrik zog um.

Ausgangsstoffe für Arzneimittel und Getränke

In den Folgejahren gewann der kleine Betrieb durch die Umstellung seiner Produktion zur Herstellung organischer Zwischenprodukte große Bedeutung. Nicht Flaschen, Ampullen, Schachteln oder Röhrchen verließen nun das Werk, sondern Fässer, Kanister, Kübel, Flüssigkeitscontainer und Polyethylensäcke. Sie waren vorwiegend bestimmt für die pharmazeutischen und andere Zweige der Chemie- und Konsumgüterindustrie.

So lieferte das Werk zum Beispiel Ausgangsstoffe für die Produktion von Coffein für die Arzneimittel- und Getränkeindustrie, Grundsubstanzen für die Filmfabrikation, für ein Antibiotikum oder für das hautfreundliche Panthenol. Wenn eine Frau damals mit einem formvollendeten Haarkunstwerk vom Friseur kam, ahnte sie sicher nicht, dass die Grundsubstanz der Kaltwellpräparate ebenfalls aus Riesa kam.

Für die Produktion wären mit der Zeit größere und modernere Neuanlagen notwendig geworden, waren vorbereitet, wurden jedoch nicht realisiert. Das sollte sich für die Zukunft als negativ erweisen.

Investitionsbereitschaft fehlte

Von der Privatisierungswelle nach 1990 wurde auch das Riesaer Aropharm-Werk erfasst. Für die Übernahme des Betriebes gab es Interessenten. Aber weder die Treuhandanstalt noch die Landesregierung waren zu notwendigen Investitionen bereit und damit an einer Weiterführung nicht interessiert.

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Per 31. März 1992 wurde durch die Treuhandanstalt und die Arzneimittelwerk Dresden GmbH die Produktionseinstellung im Aropharm-Werk verfügt. Der Abriss der wesentlichen Gebäude und Anlagen erfolgte in den Jahren 1994 und 1995.

Heute versuchen lediglich noch Diebe, Altmetall aus der Industriebrache zu stehlen. Die positiven Erinnerungen des Briefschreibers aus Thailand basieren sicher auf dem Zustand des Betriebes vor mehr als 60 Jahren.

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