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Der Friedhof als Geschichtsbuch

Kaufleute, Politiker, Handwerker: Viele Namen auf der Grabanlage in Altriesa sind bis heute bekannt. Ein historischer Spaziergang.

Entlang der nördlichen Friedhofsmauer in Altriesa befindet sich der Großteil der historisch bedeutsamen Gräber.
Entlang der nördlichen Friedhofsmauer in Altriesa befindet sich der Großteil der historisch bedeutsamen Gräber. © Sebastian Schultz

Riesa. Wer sich mit Riesas Geschichte auskennt, der wird bei einem Spaziergang über den Trinitatisfriedhof viele bekannte Namen entdecken. Einige sind selbst jüngeren Riesaern womöglich noch ein Begriff - sei es, weil die Nachkommen in der Innenstadt Geschäfte betrieben, oder weil Gebäude nach ihnen benannt wurden. Andere werden wohl nur noch Hobbyhistorikern etwas sagen. Die SZ hat sich, angeregt von Heimatforscherin Irma Manns, auf den Friedhof begeben und stellt eine Auswahl der Namen vor, die bis heute im Gedächtnis geblieben sind.

Emil Gaschütz war Braumeister am Rathausplatz.
Emil Gaschütz war Braumeister am Rathausplatz. © Foto: Lutz Weidler

Der Braumeister

"Bereits um 1850 wurde das rechtwinklig vom Klosternordflügel in Richtung Jahna und Elbe führende alte Klostergebäude in die Schloß-Brauerei umgebaut", erklärt Irma Manns. "Der hier im Jahr 1917 beerdigte Karl Emil Gaschütz war 'herrschaftlicher Braumeister'". Darüber hinaus war auch er viele Jahre lang Ratsmitglied in Riesa. Die Brauerei am Kloster gibt es heute nicht mehr. 1919 wurde auch das Gebäude abgetragen. Schon seit 1872 gab es die Bergbrauerei an der Poppitzer Straße, wo derzeit ein Investor Wohngrundstücke erschließt.

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Eine Familiendynastie: Die Namen Brandt, Fuchs und Unger sind nicht nur mit dem Sägewerk, sondern auch mit der Stadtpolitik eng verwoben - und Vorfahren von Museumsgründer Franz Xaver Hynek.
Eine Familiendynastie: Die Namen Brandt, Fuchs und Unger sind nicht nur mit dem Sägewerk, sondern auch mit der Stadtpolitik eng verwoben - und Vorfahren von Museumsgründer Franz Xaver Hynek. © Foto: Lutz Weidler

Die Kaufleute und Ehrenbürger

Fast vier Meter breit ist das Grabmal der Familiendynastie Brandt, Fuchs und Unger. Im November 1851 hatte die Floßholzhandlung C.C. Brandt aus Chemnitz ihre erste Niederlage in Riesa angelegt. Carl Christian Brandts Schwiegersöhne waren Wilhelm Fuchs und Anton Unger. Fuchs schied schon 1875 aus dem Unternehmen aus. Für seine Verdienste um die Stadt Riesa wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Der Verschönerungsverein errichtete ihm zu Ehren außerdem einen Gedenkstein im Stadtpark.

Anton Unger wiederum errichtete ein zweites Sägewerk. Sein Schwiegersohn Franz Hynek übernahm den Betrieb 1880. Auch er, der unter anderem als Kommerzien- und Stadtrat tätig war, erhielt die Ehrenbürgerschaft. Sein Sohn und Nachfolger Franz Xaver Hynek junior war Mitbegründer des Museumsvereins und des Heimatmuseums. Zu Beginn der 30er-Jahre ging das Familienunternehmen in die Insolvenz. Die Familie Hynek ist einer weiteren Grabstätte bestattet.

Das Erbbegräbnis der Hennigs entstand 1917, nachdem ein Familienmitglied im Ersten Weltkrieg gefallen war.
Das Erbbegräbnis der Hennigs entstand 1917, nachdem ein Familienmitglied im Ersten Weltkrieg gefallen war. © Foto: Lutz Weidler

Der Pelzhändler

Kürschnermeister Karl Otto Hennig erwarb das Erbbegräbnis an der Nordmauer 1917, nachdem sein 22-jähriger Sohn Walter Hennig im Januar vor Ypern gefallen war. Das Pelzgeschäft auf der Hauptstraße führte nach Karl Ottos Tod sein zweiter Sohn Rudolf Hennig weiter, anschließend dessen Tochter Rosemarie Hennig, die es schließlich aufgeben musste. Heute sind im Haus mit der Nummer 75 eine Tchibo-Filiale und eine Notarin zu finden. Von Rudolf Hennig ist bekannt, dass er bei der freiwilligen Feuerwehr war, manchem Kinobesucher war er als Wachposten bekannt.

Über vier Generationen hinweg betrieb die Familie Nathan ein Optikergeschäft auf der Hauptstraße.
Über vier Generationen hinweg betrieb die Familie Nathan ein Optikergeschäft auf der Hauptstraße. © Foto: Lutz Weidler

Der Optikermeister

Seit 1894 betrieb der Mechanikus und Diplom-Optiker Carl Richard Nathan auf der Hauptstraße sein Geschäft. Sein Sohn Richard Johannes führte die Geschäfte weiter und erweiterte sie sogar um fotografische Angebote. In dritter Generation übernahm schließlich Augenoptikermeister Hans-Robert Nathan das Familienunternehmen. Er bekam 2012 den Goldenen Meisterbrief überreicht. In vierter Generation musste schließlich Oliver Nathan das Geschäft aufgeben – zum Bedauern vieler langjähriger Kunden.

Vom Erbbegräbnis der Familie Grellmann zeugt nur noch diese Plakette.
Vom Erbbegräbnis der Familie Grellmann zeugt nur noch diese Plakette. © Foto: Lutz Weidler

Der Zeitungsgründer

Ernst Ferdinand Grellmann baute im Revolutionsjahr 1848 eine Buchdruckerei in Riesa auf. Für den "Anzeiger, Wochenblatt für die Stadt Riesa und deren Umgebung", war er als Redakteur, Drucker und Verleger verantwortlich. Im Januar 1849 übernahm Grellmann auch das Elbe-Blatt, wenig später vereinigte er beide Zeitungen. Später wurde Grellmann auch in politischen Gremien aktiv, leitete beispielsweise als Stadtrat die Armendeputation. Nach Grellmanns Tod 1872 verwalteten seine Witwe und die fünf Kinder das Erbe.

Das Familiengrab der Röhrborns liegt direkt am Eingang zum Friedhof aus Richtung Poppitzer Platz.
Das Familiengrab der Röhrborns liegt direkt am Eingang zum Friedhof aus Richtung Poppitzer Platz. © Lutz Weidler

Die Mühlenbesitzer

Der Familienname Röhrborn ist in Riesa vor allem mit der Brückenmühle an der Jahna verbunden, die heute such oft Röhrbornmühle genannt wird. Mühle und Wohnhaus wurden um das Jahr 1768 errichtet und in der Familie weitervererbt. Ernst Friedrich Röhrborn setzte sich "mit ganzer Kraft für Belange der Kommune als Stadtrat" ein, heißt es. Ihm wurde dafür im Jahr 1909 die Ehrenbürgerschaft verliehen. Die Mühlentradition endete 1980 mit dem Tod von Hugo Kurt Röhrborn. 1992 verkaufte seine Witwe Charlotte das Grundstück. "Die über Jahrhunderte geführte Röhrbornchronik ist eine Fundgrube für alle Heimatforscher", sagt Historikerin Irma Manns.

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