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"Eine Fülle an Grenzerfahrungen"

In einer neuen Serie zeigt die SZ andere Blickwinkel auf Riesas Friedhöfe. Zum Auftakt erklärt Friedhofsverwalter Andreas Wolf, was es damit auf sich hat.

Friedhofsverwalter Andreas Wolf vor dem Trinitatisfriedhof in Riesa.
Friedhofsverwalter Andreas Wolf vor dem Trinitatisfriedhof in Riesa. © Foto: Lutz Weidler

Riesa. Es ist noch nicht lang her, dass der Trinitatisfriedhof in Riesa Teil einer bundesweiten Aktion wurde. Seit Herbst 2020 gehört die Friedhofskultur zum Immateriellen Kulturerbe. Aber warum eigentlich? In einer neuen Sommer-Serie widmet sich die SZ verschiedenen Blickwinkeln auf und Geschichten aus den Riesaer Friedhöfen. Die sind mehr als einfach nur letzte Ruhestätte: Sie sind Lebensraum, Kultur- und Geschichtsort. Warum die Serie gerade am 24. Juni startet, erklärt Friedhofsverwalter Andreas Wolf im Interview.

Herr Wolf, wir schreiben den 24. Juni, es ist Johannistag. Warum ist das ein besonderer Tag mit Blick auf die Friedhöfe?

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Der Tag ist benannt nach Johannes dem Täufer, dem letzten großen Propheten des Alten Testaments. Dem christlichen Glauben nach bereitete er den Weg für Jesus Christus vor. Der Johannistag als Geburtstag des Täufers liegt sechs Monate vor dem 24. Dezember, dem Heiligen Abend. Das Fest erinnert uns daran: So wie die Tage auch nicht immer länger werden, ist auch das Leben auf Erden endlich.

Das wird oft verdrängt, oder?

Genau, das vergessen viele. Ich kann das aber nicht verdrängen. Es geht darum, sich vorzubereiten auf das irdische Ende – am Wendepunkt des Kalenderjahres, wo alles grünt und blüht. Die Deutung, es gehe mit dem Tod etwas kaputt, stimmt ja nicht. Das Eigentliche der Person und das Geistige leben ja weiter: Ich höre meinen Vater oder meine Großmutter ja nicht auf zu lieben, weil sie verstorben sind. In Sachsen ist der Johannistag noch besonders verankert, es gibt Andachten mit Gesang und Musik der Posaunenchöre - bei uns ab 18 Uhr auf der Johanniswiese des Trinitatisfriedhofs.

Der Trinitatisfriedhof in Altriesa. Die Friedhofskultur wurde 2020 Immaterielles Kulturerbe.
Der Trinitatisfriedhof in Altriesa. Die Friedhofskultur wurde 2020 Immaterielles Kulturerbe. © Sebastian Schultz

Da wären wir schon beim Thema Friedhof. Was bedeutet der eigentlich für Sie?

Die Bedeutung liegt für mich in der Besonderheit der Arbeitsstätte Friedhof. Man bekommt als Grenzgänger an der Grenze von Tod und Leben eine Fülle von interessanten Grenzerfahrungen mit, die einem als Mensch weiterhelfen.

Welche denn?

Da ist der jährliche Neubeginn des Lebens im Frühjahr: Wir bepflanzen den Gottesacker nach der Winterruhe, des Leben geht weiter. Da sind Gespräche mit den Menschen über Trauer, Grabmalgestaltung, Bepflanzungen und ein Weiterleben nach dem Tod. Das hat auch bei mir zu einem Umdenken geführt: Ich habe erkannt, dass man den Fakt des Todes nicht verdrängen darf, sondern als zum Leben zugehörig erkennen muss. Aus meiner Sicht ist er Gnadenakt Gottes, nicht Schreckgespenst. Der eingefriedete Hof ist ein geschützter Raum mit besonderen Gesetzen, Pflanzen und Tieren. Viele Menschen verhalten sich anders, aber gleichzeitigt schwappt natürlich das gesellschaftliche Leben hinein.

Was meinen Sie damit?

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Viele Menschen verbinden Friedhöfe mit Sterben und Tod - dabei sind die Anlagen auch ein vielfältiger Lebensraum - auch in Riesa.

Wir bemerken auf dem Friedhof etwa die Veränderungen beim Familienzusammenhalt, erkennen, welche Familien noch funktionieren. Weil alle Verstorbenen bestattet werden müssen, treffen wir auf liebevoll sorgende Angehörige genauso wie auf kalte Egoisten; Grabnutzer mit Verständnis für die lebendige Natur und Schottergartenbesitzer, deren Lebensumfeld bereits lange tot ist. Da muss man sich nicht wundern, dass die Leute auch auf dem Friedhof mit dem Thema so umgehen wollen. Am Ende aber strahlt der Friedhof sichtbar als ein Zeichen für unser menschliches Miteinander. Wir brauchen uns; kommen und gehen wie unsere Vorfahren. Es drängt zur Frage: Was bleibt? Was ist der Sinn des Lebens? Ungeachtet von Reichtum, Aussehen, Herkunft oder Einstellung - am Ende liegen wir alle nebeneinander, wurden alle nackt geboren und können nichts mitnehmen. Das ließ für mich eine große Gelassenheit gegenüber allem Weltlichen wachsen, den Johannistag zu einem persönlichen Feiertag und den Friedhof zu einem Wohlfühlort werden. Durch Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod wurde für mich die Arbeit auf dem Friedhof zu einem angenehmen Beruf, der in sich Freude trägt, trotz allem Leide.

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