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Der Imker vom Trinitatisfriedhof

Viele Menschen verbinden Friedhöfe mit Sterben und Tod - dabei sind die Anlagen auch ein vielfältiger Lebensraum - auch in Riesa.

Hans-Gunter Große an einer seiner Bienenbeuten auf dem Friedhofsgelände. Hier finden die Tiere das ganze Sommerhalbjahr über Futter. Auch sonst schätzt Große den Trinitatisfriedhof als Erholungsort.
Hans-Gunter Große an einer seiner Bienenbeuten auf dem Friedhofsgelände. Hier finden die Tiere das ganze Sommerhalbjahr über Futter. Auch sonst schätzt Große den Trinitatisfriedhof als Erholungsort. © Sebastian Schultz

Riesa. Der nächtliche Regenguss kam wie gerufen. Die Luft hat sich abgekühlt, Hans-Gunter Großes Schützlinge sind da nicht ganz so aktiv. Behutsam hebt der Riesaer die Abdeckung von der Bienenbeute und zieht einen der vertikal angeordneten Holzrahmen heraus. "Das sieht doch schon ganz gut aus", kommentiert der Hobby-Imker die Waben, über die einige Dutzend Honigbienen krabbeln. "So viele Frauen kann sich sonst keiner leisten", sagt er und lächelt.

Seine drei Bienenbeuten hat Hans-Gunter Große an der Johanniswiese auf dem Trinitatisfriedhof aufgestellt. Von der kleinen Anhöhe blickt man hinunter auf einen der Friedhofswege, der gesäumt ist mit Lindenbäumen. Im Frühsommer die perfekte Nahrungsquelle für Großes Bienen - und völlig pestizidfrei. Ganz anders als auf dem Rapsfeld am Mergendorfer Weg. Gegen Schädlinge muss dort gespritzt werden, was auch den Bienen die Sinne vernebelt.

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Hummelfutter vor Gräbern: Nicht nur Hans-Gunter Großes Bienen laben sich gern an der Bepflanzung auf dem Trinitatisfriedhof.
Hummelfutter vor Gräbern: Nicht nur Hans-Gunter Großes Bienen laben sich gern an der Bepflanzung auf dem Trinitatisfriedhof. © Sebastian Schultz

Übers Bienensterben wird deutschlandweit schon seit Jahren geredet. Aber ausgerechnet der Ort, den viele Riesaer wohl eher mit dem Tod verbinden, bietet nicht nur den nützlichen Insekten einen Lebensraum. Auch, weil er entsprechend bewirtschaftet wird.

Der Hobby-Imker hatte schon vor der Rente eine besondere Beziehung zum Trinitatisfriedhof. Nicht nur, weil die Schwiegereltern hier begraben sind und er im Kirchenvorstand tätig war. "Ich wohne nicht weit von hier", erzählt Große. Den Friedhof nutzen er und seine Frau häufig auch für ausgedehnte Spaziergänge. "Heute Morgen bin ich erst wieder eine Runde durch die Anlage gegangen - meine 10.000 Schritte hab ich schon weg. Es ist eine herrliche Parkanlage!" Das beginne mit der Frühjahrsblüte, wenn die Wiesen voller Krokusse sind, und setze sich im Jahresverlauf fort.

Für die Vögel auf dem Friedhofsgelände hängen überall Nistkästen.
Für die Vögel auf dem Friedhofsgelände hängen überall Nistkästen. © Sebastian Schultz

Die Riesaer Friedhöfe leisten einen erheblichen Beitrag zum Stadtgrün. Mit zusammengenommen etwa zwölf Hektar sind sie beinahe so groß wie der Stadtpark - und erfüllen damit eine ähnliche Funktion fürs Stadtklima: Schon in den 90er-Jahren hoben Ökologen hervor, dass die Anlagen im Sommer bis zu zehn Grad kühler sein können, als die aufgeheizten Straßen. Dazu binden die Pflanzen Kohlendioxid aus der Luft. Die Friedhöfe sind Teil der grünen Lunge Riesas.

Die Riesaer Friedhofsverwaltung ist darum bemüht, diese Anlage nicht nur für die Besucher und Grabnutzer in Schuss zu halten, sondern auch einen ökologischen Beitrag zu leisten. Im Trinitatisfriedhof hängen überall Nistkästen an den Bäumen. Einige Flächen, darunter das Areal rund um die Johanniswiese, mähen die Friedhofsgärtner nur sporadisch, so dass dort bunte Blühwiesen entstehen können. Da blühen Schafgarbe, Disteln oder Kornblumen. "Wo wir es können, schaffen wir extensive Flächen", erklärt dazu Friedhofsverwalter Andreas Wolf. Das ist vor allem auf den Überhangflächen der Fall, die auf absehbare Zeit nicht für Gräber benötigt werden. Der Friedhof wird so zum Buffet für die Tierwelt.

Diese "wilden Flächen" ziehen weitere Tiere an, nicht nur Insekten; und das wiederum beschert aufmerksamen Spaziergängern regelmäßig Naturbeobachtungen. Nicht umsonst bezeichnen auch Naturschutzverbände Friedhöfe als ökologische Inseln im urbanen Raum. Hans-Gunter Große kann ein Lied davon singen. Wildkaninchen könne man immer wieder auf der Johanniswiese beobachten, sechs Stück habe er vergangenes Wochenende gezählt. Von den Vögeln gar nicht zu reden. "Abends ist hier ein regelrechtes Konzert. Ich habe mir aufs Handy eine App zur Vogelbestimmung geladen, damit ich immer weiß, wer gerade singt." Zum Beweis zieht er das Smartphone aus der Tasche, das auch prompt den Ruf der Amsel erkennt.

Untersuchungen hatten in der Vergangenheit gezeigt, dass auf Friedhöfen deutlich mehr Vogelarten heimisch sind, als in mit Gärten durchzogenen städtischen Gebieten. Eine Untersuchung des Landesbunds für Vogelschutz in Münchner Grünanlagen hatte 2019 ergeben, dass zehn der 19 selten vorkommenden Vogelarten auf den Friedhöfen heimisch sind. Grund sei vermutlich, dass Friedhöfe einem geringeren Veränderungsdruck unterliegen und damit guter Rückzugsort für Brutvögel sind. Für Riesa liegen solche Untersuchungen nicht vor; allerdings gehörte bei einer größer angelegten Brutvogelkartierung von Pro Natura das Gebiet rund um den Trinitatisfriedhof mit zu den artenreichsten.

Flächen, die momentan nicht für Bestattungen benötigt wird, bewirtschaftet die Friedhofsverwaltung extensiv. Über die Wildblüten freut sich vor allem die Insektenwelt.
Flächen, die momentan nicht für Bestattungen benötigt wird, bewirtschaftet die Friedhofsverwaltung extensiv. Über die Wildblüten freut sich vor allem die Insektenwelt. © Sebastian Schultz

Auf Insektizide und anderes Gift verzichtet die Friedhofsverwaltung auch aus einem pragmatischen Grund: Es geht darum, das Grundwasser rein zu halten. Auch, wenn das neue Probleme schafft, wie Andreas Wolf erklärt. "Auf dem Heidebergfriedhof in Weida haben wir ein Wühlmausproblem."

Weil Giftköder nicht gehen, nutzt so mancher Riesaer einen Wühlmausschreck. Die Geräte werden in den Boden gesteckt und sollen mit einem wiederkehrenden Fiepton die Maus fernhalten. Die weicht dann zum Nachbargrab aus - und knabbert dort an der Bepflanzung. Mittlerweile setzen laut Andreas Wolf so viele Grabnutzer auf die solarbetriebenen Geräte, dass in der Anlage eine regelrechte Kakophonie zu hören ist. Die Natur schaffe eben auch einen gewissen Druck, der auch die Verwaltung an ihre Grenzen bringt.

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Grenzen gibt es freilich auch, wenn es um die extensive Bewirtschaftung geht. Einen morschen Baum im Friedhof stehen zu lassen, wäre fahrlässig - schließlich gibt es hier Besucherverkehr. Weniger gefährlich sind da Hans-Gunter Großes Bienen, die von der Johanniswiese ausschwärmen. Die Tiere sind friedlich, solange man ihrer Beute nicht allzu nah kommt. Gestochen wird da am ehesten noch der Imker selbst, wenn er die Bienenstöcke kontrolliert. Zur Sicherheit warnt trotzdem noch ein gelbes Schild davor, den drei Schwärmen allzu nah zu kommen.

Seinen ersten Honig will Hans-Gunter Große vielleicht nach dem Sommer ernten und dann in erster Linie an Bekannte und Freunde abgeben. Das Prädikat "Von der Johanniswiese" hat er sich dafür schon gesichert.

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