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Geisterfahrer muss zur Fahrtauglichkeitsprüfung

Ein 73-Jähriger wendet auf der B 169 nahe der Riesaer Elbbrücke und fährt auf der Überholspur in die falsche Richtung – vor Gericht zeigt er sich uneinsichtig.

Von Manfred Müller
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Ein Großenhainer Senior fährt in Riesa auf die Elbebrücke - allerdings in die falsche Richtung. Als er das merkt, wendet er und wird zum Geisterfahrer. Dafür stand er nun vor Gericht.
Ein Großenhainer Senior fährt in Riesa auf die Elbebrücke - allerdings in die falsche Richtung. Als er das merkt, wendet er und wird zum Geisterfahrer. Dafür stand er nun vor Gericht. © Lutz Weidler

Riesa. Welcher Bürokrat sich ausgedacht hat, Geisterfahrer in „Falschfahrer“ umzubenennen, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Den Verkehrsteilnehmern, die an einem Junisonntag dieses Jahres die Riesaer Elbbrücke in Richtung Seerhausen überquert hatten, muss Rudolf P. (Name geändert) mit seinem Audi jedenfalls wie ein Geist vorgekommen sein.

Der Großenhainer war an der Auffahrt Bahnhofstraße auf die mehrspurige, mit Mittelstreifen ausgebaute Bundesstraße aufgefahren. Als er bemerkte, dass sein Zielort Großenhain in der Gegenrichtung liegt, wendete er und fuhr nunmehr auf der linken Spur entgegengesetzt zur eigentlichen Fahrtrichtung. Mehrere Autos mussten bremsen und ausweichen. Zu einem Unfall kam es glücklicherweise nicht. Als dem 73-Jährigen die Gefahrensituation bewusst wurde, wendete er erneut, wobei weitere Autofahrer stark bremsen mussten, um einen Zusammenstoß zu verhindern. Ein 33-Jähriger stoppte den Senior daraufhin und verständigte die Polizei.

Nun sitzt Rudolf P. auf der Anklagebank des Riesaer Amtsgerichts und hat nur ein Ziel: seinen Führerschein zurückzubekommen. Allein vom Alter her ist er sicher nicht als fahruntüchtig einzuschätzen, aber er offenbart doch schwere gesundheitliche Probleme. Richter Herbert Zapf muss fast schreien, um vom Angeklagten verstanden zu werden. Warum er denn sein Hörgerät nicht in Betrieb genommen habe? Die Batterien seien leer.

Der Großenhainer hat es offenbar auch bei seiner Geisterfahrt nicht benutzt. Schließlich habe er ja drei Spiegel am Auto, sagt er. Auch sonst macht Rudolf P. einen leicht verwirrten Eindruck. Was er denn in Riesa gewollt habe. Nach dem Tod seiner Frau habe er Grundstücksangelegenheiten regeln wollen und das Grundbuchamt in Riesa gesucht. An einem Sonntagmorgen? Darauf weiß der Delinquent nicht recht zu antworten. Er gibt auch an, die Polizei habe ihm die Fahrzeugpapiere weggenommen.

Als der Richter ihm das nicht glauben will, schaut er im Portemonnaie nach und siehe da, das Dokument steckt drin. Seinen Fehler sieht Rudolf P. zwar ein, aber dass seine Fahrtüchtigkeit dauerhaft beeinträchtigt sein könnte, will ihm nicht in den Kopf. Er habe mit dem Auto früher ganz Europa bereist, habe nie einen Unfall verursacht oder eine Ordnungswidrigkeit begangen. Dass er einmal mit fast 90 Kilometern pro Stunde in einer Ortschaft erwischt wurde, hat der Großenhainer auch vergessen. Aber die Sache ist aktenkundig.

Er brauche sein Auto, weil er in einem ländlichen Ortsteil von Großenhain wohne, sagt der 73-Jährige. Wie solle er sonst etwas zu essen bekommen? Angesichts der flehentlich vorgetragenen Bitte, ihm den Führerschein zurückzugeben, ist der Staatsanwalt geneigt, Milde walten zu lassen.

Richter Herbert Zapf sieht das aber anders. Hier müsse die Fahrerlaubnisbehörde einschreiten und eine Fahrtauglichkeitsüberprüfung anordnen. „Wenn ich Ihnen den Führerschein zurückgebe, und Sie überfahren morgen ein Kind, werde ich nicht mehr glücklich“, sagt er. Rudolf P. macht keinen Hehl daraus, dass er mit einer Geldstrafe glücklicher gewesen wäre. Die verhängt das Gericht zusätzlich – er muss 1.200 Euro bezahlen. Ob er angesichts seines Allgemeinzustands den Führerschein zurückbekommt, dürfte eher fraglich sein. Vor sich hin schimpfend, verlässt der Großenhainer den Gerichtssaal.