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Grube-Stadion wächst zu

Einst pilgerten Tausende in Riesas Traditions-Sportstätte. Seit einem Jahr verwildert die Fläche. Und nun?

Schnee und Nebel verdecken nur teilweise, dass das Grube-Stadion im Herzen Riesas langsam zuwächst.
Schnee und Nebel verdecken nur teilweise, dass das Grube-Stadion im Herzen Riesas langsam zuwächst. © Sebastian Schultz

Riesa. Der Schnee hilft: Er verdeckt ein wenig die Wildnis, in die sich seit einem Jahr die Spielfläche des Riesaer Ernst-Grube-Stadions verwandelt. Teils mehr als einen Meter hoch wächst das Unkraut auf dem Platz, auf dem einst die BSG Stahl Riesa in der höchsten Spielklasse der DDR spielte und offiziell bis zu 15.000 Zuschauer dabei sein durften.

Diese Zeiten sind lange vorbei. Zuletzt trainierten dort immerhin noch die Kinder und Jugendlichen der BSG Stahl Riesa. Aber seit einem Jahr rollt dort nun überhaupt kein Ball mehr. Ende 2019 hatte es in Absprache mit der Stadtverwaltung eine Vereinbarung mit dem ESV Lok gegeben, dass die BSG auch den Lok-Sportplatz in Weida mit nutzen kann. Zuvor hatte die Stadt gefragt, ob die BSG das Grube-Stadion nicht stärker auslasten könne, um die Unterhaltskosten für die Anlage zu rechtfertigen, sagt BSG Vorstandsmitglied Dominic Neitzsch. "Das konnten wir aber nicht bieten." Seitdem trainiere der Nachwuchs teilweise in Göhlis, teilweise im Leichtathletikstadion in der Delle, teils in der Feralpi-Arena. "Es ist ja auch ein gewisser Aufwand, vier Trainingsstätten zu erhalten, weil alles vierfach vorgehalten werden muss", sagt Neitzsch.

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Für die BSG ist das Grube-Stadion damit Geschichte. Und für die Stadt? Die Türen abzuschließen bedeutet ja nicht, dass der Eigentümer keine Kosten mehr mit dem Grundstück hat. Auf eine Anfrage von sächsische.de teilt das Rathaus mit, dass die Unterhaltskosten von Januar bis Oktober 2020 insgesamt 25.000 Euro betragen hätten, vor allem für Hausmeistertätigkeiten wie Rasenmähen, Flächenpflege und Reinigung. "Inzwischen ist das Gelände inklusive Sozialgebäude komplett beräumt und abgesperrt", sagt Stadtsprecher Uwe Päsler. In den Planungen der Stadt habe das Areal "augenblicklich keine Priorität".

Allerdings: Das Areal in unmittelbarer Bahnhofsnähe ist nicht nur stadtbildprägend, sondern für Tausende Riesaer auch emotional von großer Bedeutung. Fast jeder ältere Einwohner erinnert sich daran, was bei den Oberliga-Spielen dort los war. Was also tun mit der Anlage?

Für Helmut Jähnel, Chef der CDU-Stadtratsfraktion, ist die Sache ein Dilemma. "Verursacht durch die Uneinigkeit der beiden damaligen Fußballvereine SC Riesa und Stahl Riesa." Tatsächlich hatten sich die damaligen Akteure nach einer Insolvenz 2003 und einer Vereinsneugründung verstritten, danach blieb das Stadion lange ungenutzt. Heute nutzt die BSG das in "Feralpi-Arena" umbenannte Stadion Am Merzdorfer Park. Und in der Sachsenliga - der 6. Liga - benötige man auch kein so großes Stadion wie "das Grube" mehr. "Eigentlich müsste man die Anlage zurückbauen", sagt Jähnel. Sein Vorschlag: Das Unternehmen Feralpi könnte die aus Stahl gefertigte Tribüne abreißen und dafür den Schrott nutzen. Schließlich sei Feralpi Nachfolger des Stahlwerk-Kombinats, das als damaliger Trägerbetrieb der BSG die Tribüne errichtet hatte.

Auch der Schiedsrichterturm müsste weichen, um eine größere Fläche zu schaffen. Dort müsste man prüfen, ob es Bauwillige für Eigenheime gibt. "Für Pendler wäre das Areal in Bahnhofsnähe doch gut geeignet", sagt Jähnel. "An einer Straßenbahnhaltestelle in Dresden ist es doch auch nicht viel leiser." Allerdings schätzt der CDU-Fraktionsvorsitzende die Finanzen Riesas so ein, dass die Stadt allein einen Abriss des Stadions und eine Erschließung als Baufläche nicht stemmen könne. "Auch wenn ich mir einen Eigenheim-Standort dort gut vorstellen könnte." Jähnel selbst hat im Grube-Stadion früher nicht nur Oberliga-Spiele verfolgt, sondern auch selbst geschwitzt: "Bei irgendeiner Kreismeisterschaft bin ich als Schüler mal Dritter beim 100-Meter-Lauf geworden", erinnert sich der pensionierte Schulleiter.

Nun wächst auch das Spielfeld zu. Eine Aufnahme vom Dezember 2020, noch ohne Schnee.
Nun wächst auch das Spielfeld zu. Eine Aufnahme vom Dezember 2020, noch ohne Schnee. © Klaus-Dieter Brühl
Das Sanitärgebäude wurde im Sommer 2018 noch genutzt - versprühte aber vor allem den Charme der 80er.
Das Sanitärgebäude wurde im Sommer 2018 noch genutzt - versprühte aber vor allem den Charme der 80er. © Sebastian Schultz
Der legendäre Spielertunnel, durch den die Fußballer das Spielfeld betraten. So was gibt es sonst eigentlich nur in Großstädten.
Der legendäre Spielertunnel, durch den die Fußballer das Spielfeld betraten. So was gibt es sonst eigentlich nur in Großstädten. © Sebastian Schultz
Das Sozialgebäude auf einer Aufnahme von 2018. Mittlerweile steht es leer.
Das Sozialgebäude auf einer Aufnahme von 2018. Mittlerweile steht es leer. © Sebastian Schultz
Die Tribüne des Ernst-Grube-Stadions wurde vom damaligen Stahlwerk errichtet - und ist so deutschlandweit einmalig.
Die Tribüne des Ernst-Grube-Stadions wurde vom damaligen Stahlwerk errichtet - und ist so deutschlandweit einmalig. © Sebastian Schultz

Auch Uta Knebel, Fraktionschefin der Linken, musste dort als Schüler rennen: "Beim 2.000-Meter-Lauf bin ich beim ersten Mal umgekippt, bevor ich in der Wiederholung dann schnell war", erinnert sich die Riesaerin. Ihre Sportlehrerin damals: Gerti Töpfer, später für die CDU Oberbürgermeisterin in Riesa.

Anders als der CDU-Kollege, möchte die Linken-Chefin das Ernst-Grube-Stadion unbedingt erhalten. "Wir sollten nicht das Stadion am Merzdorfer Park weiter ausbauen, sondern das Grube-Stadion im Auge behalten." Schließlich sei es durch seine Bahnhofsnähe viel besser für die Anreise von Besuchern geeignet - sollte Stahl Riesa einst wieder höherklassig spielen. Von der Alternative Eigenheim-Standort hält sie nichts. "Ich weiß nicht, ob es dafür Interessenten gibt. Ich jedenfalls würde an dieser Stelle nicht bauen."

Eine dritte Variante bringt die AfD ins Spiel. Dort antwortet der Landtagsabgeordnete Carsten Hütter auf eine Anfrage an die Stadtratsfraktion. "Schließlich hatte ich das Grube-Stadion schon 2019 in meinem Wahlkampf thematisiert", sagt Hütter. Vom Gedanken, das Stadion als Stadion zu erhalten, hat er sich inzwischen verabschiedet. "Das Geld wird durch die Corona-Maßnahmen in den nächsten Jahren immer knapper, so ehrlich muss man sein."

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Aber ein Abriss sei auch keine Lösung. "Gerade der markante Eingangsbereich ist ein Stück Riesa - mit hoher Symbolwirkung für die Stadt." Das Areal etwa in Parkplätze umzuwandeln, sei keine Lösung; ein Wohngebiet an dieser Stelle nicht attraktiv. "Stattdessen wäre ein Freizeitareal sinnvoll, das alle Generationen anspricht." Etwa eine Skater- oder Mountainbike-Anlage in der Mitte, Bänke und etwas Grün drumherum. Das wäre auch finanziell noch die günstigste Variante. "Schade, dass das Grube-Stadion überhaupt so verfallen musste. Hier hat die Politik in den vergangenen Jahren versagt."

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