merken
PLUS Riesa

"Häusliche Gewalt wird oft bagatellisiert"

Der Weiße Ring in Riesa hat jedes Jahr mit Fällen von Gewalt in der Familie zu tun. Nicht immer sind die Opfer Frauen.

Elke Thomas leitet den Weißen Ring in Riesa.
Elke Thomas leitet den Weißen Ring in Riesa. © Matthias Seifert

Riesa. Am Anfang steht eine Lappalie. Der Mann ist schlecht drauf, vielleicht schmeckt ihm das Essen nicht, oder sonstwas. "Dann fliegt der Teller an die Wand, weil ihm irgendwas nicht passt", erzählt Elke Thomas. "Aber beim nächsten Mal bleibt es nicht dabei, da wird die Frau geschüttelt und geschubst, bis sie sich an der Wand den Kopf einschlägt. Einen Tag später kommt der Mann dann mit einem Strauß Blumen heim und entschuldigt sich, dass das nie wieder vorkommt." Bis zum nächsten Mal, sagt Elke Thomas. 

Die Geschichte, die sie erzählt, habe sich so im Altkreis Riesa zugetragen, erklärt die Vorsitzende des Weißen Rings in Riesa. Und sie sei sozusagen der Prototyp für häusliche Gewalt. "Als die Frau schließlich zu uns kam, hieß es: sofort raus aus der Wohnung!" Elke Thomas und ihre Kolleginnen kümmern sich in solchen Fällen erst einmal darum, dass die Frauen den Boden unter den Füßen nicht verlieren. Kinder, Geld und Wohnung, das seien die Dinge, die erstmal gesichert sein müssten. Schließlich seien die Frauen in so einem Fall von einem Tag auf den anderen quasi obdachlos, manche hätten kein eigenes Konto. Auf die Erstberatung folge oft ein Annäherungsverbot oder ein Wohnungsverweis für den gewalttätigen Partner, im schlimmsten Fall könnten Frauen und Kinder im Frauenhaus Hilfe suchen. 

sz-Reisen
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken
Mit SZ-Reisen die Welt entdecken

Bei SZ-Reisen findet jeder seine Traumreise. Egal ob Kreuzfahrt, Busreise, Flugreise oder Aktivurlaub - hier bekommen Sie für jedes Reiseangebot kompetente Beratung, besten Service und können direkt buchen.

Auch Morddrohungen gab es schon

Gewalt innerhalb der Familie macht laut Elke Thomas nur einen Bruchteil der etwa 30 Beratungsfälle aus, die der Weiße Ring im Jahr angeht. "Ich vermute eine hohe Dunkelziffer", sagt sie. Die Geschichten bleiben ihr trotzdem in Erinnerung. "Bis hin zu Morddrohungen, das gab es auch schon. Ich hatte eine Frau in der Beratung, die hat sich nicht mehr heimgetraut vor Angst." Meist entwickle sich die Gewalt wie in einer Spirale, werde immer heftiger. Nicht immer sind Frauen die Opfer. "Ich hatte in den fünf Jahren seit Gründung des Weißen Rings auch schon zwei Männer bei mir." Da gehe es dann weniger um Handgreiflichkeiten als um seelische Gewalt. "In Dresden gibt es für solche Fälle mittlerweile eine Art Männer-WG von Escape." Alkohol und Drogen seien zwar  bei Gewalt in der Beziehung oft im Spiel, aber nicht immer. Und das Problem betreffe wirklich alle Bevölkerungsschichten. "In Riesa habe ich den Eindruck, dass es vor allem die Mittelschicht ist." 

Wie viele Fälle es tatsächlich gibt, weiß niemand. Statistiken gehen davon aus, dass jede vierte Frau mindestens einmal im Leben durch ihren aktuellen oder früheren Partner Gewalt erfährt. Schlussendlich sei das alles auch ein gesellschaftliches Problem, deutet Elke Thomas an. "Häusliche Gewalt wird oft bagatellisiert", sagt sie. Damit sich vielleicht der eine oder andere Betroffene mehr traut, will der Weiße Ring jetzt offensiv für sich werben. Es sei geplant, einen Bus der VGM ein Jahr lang mit den Kontaktdaten des Vereins durch den Altkreis fahren zu lassen. Dafür und für die Opferhilfe generell haben die Sparkasse Meißen und der Wochenkurier jetzt gemeinsam 3.000 Euro an den Weißen Ring gespendet.  "Wir fördern ja schlussendlich immer Projekte für Menschen", sagt Danilo Fast von der Sparkasse. Öffentlich werde zu oft über die Täter gesprochen, statt über die Opfer. Man wolle etwas dafür tun, dass sich das ändert. 

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Riesa