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Warum wir in Riesa unterrichten wollen

Was zieht junge Lehrer an eine Schule in der Kleinstadt? Die SZ hat nachgefragt.

Diese vier Lehrer sind erst seit kurzer Zeit am Werner-Heisenberg-Gymnasium. Was sie in die Kleinstadt gezogen hat, haben sie der SZ erzählt.
Diese vier Lehrer sind erst seit kurzer Zeit am Werner-Heisenberg-Gymnasium. Was sie in die Kleinstadt gezogen hat, haben sie der SZ erzählt. © Klaus Dieter Bruehl

Riesa. Sachsens Großstädte sind nach wie vor im Vorteil im Rennen um Nachwuchskräfte - das gilt für die Wirtschaft ebenso wie für die Bildung. Trotzdem haben auch die Schulen in Riesa langsam ihr Kollegium verjüngt - etwa das Werner-Heisenberg-Gymnasium (WHG), wo in den vergangenen fünf Jahren fast die Hälfte aller Lehrerstellen neu besetzt wurde. Drei Lehrer und eine Lehrerin erzählen, was sie dazu bewogen hat, in Riesa zu unterrichten.

Der Rückkehrer

Martin Anker (37) unterrichtet Physik und Mathematik.
Martin Anker (37) unterrichtet Physik und Mathematik. © Klaus Dieter Bruehl

Ich bin im Raum Oschatz aufgewachsen. Ich weiß noch, wie ich mit 18 in Riesa ins Kino gegangen bin und dachte: 'Ich muss hier unbedingt weg!' Der Blick hat sich mittlerweile gewandelt. Vor einiger Zeit entstand gemeinsam mit einigen Bekannten aus Dresden die Idee, zusammen in einen Dreiseitenhof zu ziehen. In einem kleinen Ort bei Riesa fanden wir dann einen Hof, der in ordentlichem Zustand und erschwinglich war. Deshalb sind wir im vergangenen Jahr umgezogen und haben uns unseren Traum von mehr Platz und den eigenen vier Wänden verwirklicht. Bis jetzt funktioniert dieses interessante Sozialprojekt auch ganz gut!

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Die Berufsakademie (BA) Sachsen in Riesa und Leipzig lädt Studieninteressierte am 13. März 2021 zum digitalen Tag der offenen Tür mit Praxispartnern ein.

Ein Großteil der Familie Anker ist in der Region um den Collm verortet, da war das hier genau das Richtige für uns. Wer in der Großstadt lebt, hat natürlich immer Vorurteile . Aber ich wollte die Pendelei nicht haben. Und Natur gibt's hier zum Beispiel reichlich.

Die Wahl für das WHG in Riesa war einfach. Eine Schule mit motivierten Schülern für die Naturwissenschaften, eine vertiefte Ausbildung, kurze Arbeitswege und die Bekanntschaft mit der Schulleiterin Frau Mebus aus der Referendarszeit, das waren Gründe genug, sich bewusst dorthin versetzen zu lassen. Ich habe hier gefunden, was mir vorgeschwebt hat: eine coole Schule, mit coolen Kollegen. Die Schüler sind auch lieber als in Dresden.

Die Pendlerin

Katharina Degen (36) unterrichtet Englisch und Latein.
Katharina Degen (36) unterrichtet Englisch und Latein. © Klaus Dieter Bruehl

Nach meinem Lehramtsstudium war ich acht Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft an der TU Dresden und habe in Klassischer Philologie promoviert. Ich bin Lehrerkind und hatte deshalb schon frühzeitig Einblicke in den Beruf. Weil ich sehr kommunikativ bin, war mir schon früh klar, dass ich etwas machen möchte, wo die Interaktion mit Menschen im Vordergrund steht. An der Universität hat sich mir öfter die Sinnfrage gestellt: Wem nütze ich mit meiner Arbeit? Im Lehrerberuf zeigt sich der Sinn sofort. Gerade in den Fächern Latein und Englisch lässt sich ein großer Beitrag zur demokratischen Werterziehung leisten, indem man auch über den eigenen kulturellen Tellerrand hinausschaut.

In Riesa bin ich nicht ganz freiwillig gelandet. Ich wäre gern an einer Schule in Dresden geblieben. Nach Abschluss meines Referendariats im Sommer 2019 gab es dort für meine Fächerkombination erst einmal nur Aussicht auf einen Platz an der Ober- oder Förderschule. Angesichts meiner Fächerkombination schien mir dies unzumutbar. Kurz vor Schuljahresbeginn wurde mir dann noch eine Stelle an einem Riesaer Gymnasium angeboten. Ich entschied mich für das WHG, weil dort Latein angeboten wird.

Mit Riesa hatte ich bis dahin das Übliche verbunden: Nudeln, Stahl, Sport, aber auch: "Provinz". Eine ganz persönliche Verbindung gibt es auch noch: Ein Freund von mir kommt aus Riesa und war im Drachenbootverein. In diesem Kontext haben wir mal eine Bootfahrt von Dresden nach Riesa veranstaltet. Das ist bei mir in Erinnerung geblieben, denn ich durfte sogar eine Zeit lang trommeln.

Mittlerweile muss ich sagen: Ob ich nun nach Riesa pendle oder nach Dresden, ist im Endeffekt egal. Riesa hat eine relativ gute Anbindung - sofern die Bahn nicht gerade baut. Und während der Zugfahrt komme ich besser zum Korrigieren als überall sonst. Auch an der Schule bin ich von Beginn an sehr gut aufgenommen worden. Das Verhältnis zwischen Schulleitung und Kollegium ist hier viel offener, als ich das aus Dresden kannte. Wir haben eine sehr angenehme und zumeist gut erzogene, offene und interessierte Schülerschaft und die Atmosphäre der zwei- bis dreizügigen Schule ist im Vergleich mit anderen Schulen sehr persönlich. Nur ein Umzug nach Riesa kommt für mich nicht mehr infrage: Unser Haus steht nun mal in Radebeul, da führt kein Weg dran vorbei.

Der Sportler

Steven Schäfer (38) unterrichtet Englisch und Sport.
Steven Schäfer (38) unterrichtet Englisch und Sport. © Klaus Dieter Bruehl

Bei der Frage nach meinem Beruf stand ich vor der Entscheidung zwischen Arzt und Lehrer. Am Ende habe ich mich für Letzteres entschieden und bin nun am Heisenberg-Gymnasium. Ich bin in Hoyerswerda geboren, aufgewachsen unter anderem in Dresden.

Riesa kannte ich schon vor meiner Lehrerzeit als Sportstadt. Ich bin im SWV TuR Dresden bei den Schwimmern aktiv, für Wettkämpfe war ich deshalb schon öfter in der Stadt. Die Entscheidung für Riesa fiel in erster Linie wegen der Lebensplanung. Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder. Im Speckgürtel der Stadt sind aber die Mietpreise zu hoch, oder man bekommt nur "handtuchgroße" Grundstücke. Im Riesaer Umland gibt es dagegen auch größere Grundstücke, falls man das will. Außerdem werden mir kurze Wege und ein kurzer Arbeitsweg immer wichtiger.

Vorher habe ich aber noch recherchiert und weiß deshalb zum Beispiel, dass die Bahn Riesa ab 2028 zum Verkehrsknotenpunkt machen will. Schon jetzt muss ich aber sagen: Die Anbindung ist super, um auch mal in die Großstadt zu kommen. Schule ist Schule, im Grunde egal wo.

Der Großstädter

Peter Pfennig (38) unterrichtet Deutsch und GRW.
Peter Pfennig (38) unterrichtet Deutsch und GRW. © Klaus Dieter Bruehl

Geboren und aufgewachsen bin ich in Berlin. Nach meinem Lehramtsstudium habe ich mit meiner Frau drei Monate in den USA verbracht und davor zahlreiche Bewerbungen um ein Referendariat verschickt. Ich wollte das Großstadt- gegen das Kleinstadtleben tauschen und den Vorbereitungsdienst an einer kleineren Schule absolvieren. Unter den Zusagen war auch die vom WHG.

Riesa kannte ich bis dahin nur aus dem Nudelregal. Ein Blick auf die Karte zeigte, dass die Stadt genau das sein könnte, was ich wollte; nicht zu groß, nicht zu klein, nicht zu nah dran an der Heimat, nicht zu weit weg.

Aufgrund der angespannten Personalsituation im Fachbereich GRW (Gemeinschaftskunde, Rechtserziehung, Wirtschaft, Anm. d. Red.) - der einzige GRW-Lehrer, der mein Betreuer war, ging in Rente - hat die Schulleitung alles daran gesetzt, mich am WHG zu halten. Ich wollte auch selbst hier bleiben. Die Wege in der Stadt und in die Natur sind kurz, vieles ist mit dem Fahrrad erreichbar. Der Wohnraum selbst im Stadtzentrum ist bezahlbar. Trotzdem besteht bei uns der Wunsch, ins Riesaer Umland zu ziehen. Man ist für sich, hat ein großes Grundstück - das ist das Gegenteil von dem, was ich mein Leben lang hatte.

Für die Schule sprechen aus meiner Sicht die Schüler. Ich fühlte mich von Anfang an akzeptiert, sie haben in der Anfangszeit bestimmt viele Augen zugedrückt und trotzdem alles mitgemacht. Sie sind wirklich offen und freundlich und durch die relativ geringe Schülerzahl hat man recht bald ein sehr familiäres Gefühl; man kennt sich. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fühle ich mich im Kollegium sehr wohl und erfahre auch von der Schulleitung hohe Wertschätzung. Ich bin auch gleich mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut worden

Ich habe schon während der Schulzeit Nachhilfe gegeben, damals in Chemie und Deutsch. Nachdem mir immer klarer wurde, dass ich Germanistik und Politikwissenschaft studieren wollte, stand die Frage im Raum, was man mit diesen Fächern werden kann. Der Lehrerberuf erschien mir sinnvoll und herausfordernd: Mit Jugendlichen zu arbeiten, ihnen die Welt(-politik) zu erklären und mit ihnen über Sprache und Literatur zu sprechen, reizte mich sehr. Es ist ein sicherer Job, der gut bezahlt wird und in dem man etwas verändern kann. Nur das mit der vielen Freizeit stimmt leider nicht.

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Ich hatte in meiner Schulzeit viele schlechte Lehrer, die alles viel zu ernst genommen haben, die einen von oben herab behandelt haben, dass ich wusste: Das kann ich besser! Und es gab natürlich auch richtig tolle Lehrer, die ich sehr mochte und von denen ich bestimmt etwas fürs Leben gelernt habe.

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