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Neuer Orchester-Chef mit alten Sorgen

Der Meißner Dieter Mika übernimmt die Vereinsleitung des Nünchritzer Wacker-Blasorchesters und steht vor einer großen Herausforderung.

Dieter Mika und Christian Werner verstehen sich prima. Der Mann mit dem Fagott ist der Nachfolger des Trompeters im Wacker-Blasorchester.
Dieter Mika und Christian Werner verstehen sich prima. Der Mann mit dem Fagott ist der Nachfolger des Trompeters im Wacker-Blasorchester. © Sebastian Schultz

Nünchritz. Er ist groß, lacht gern und kann Leute schnell für sich gewinnen. Dieter Mika ist das, was man einen Kumpeltyp nennt. Kein Wunder, dass die Mitglieder des Nünchritzer Wacker-Blasorchesters den 66-Jährigen im März zu ihrem Vereinsvorsitzenden gewählt haben. "Mit 100 Prozent der Stimmen. Das kommt heutzutage nur selten vor", sagt sein Vorgänger Christian Werner. Auch er hat ihn gewählt und ist froh, dass der Meißner vor zwei Jahren zu den Nünchritzern dazugestoßen ist.

Mika kann sich noch genau an seine erste Probe im ehemaligen MTS-Verwaltungsgebäude erinnern. "Ich wurde gleich gefragt: Hast du deine Kanne mit? Los, reinholen und mitspielen!" erzählt er. "Da war ich keine zehn Minuten hier." 

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Unter Musikanten ist "Kanne" der Begriff für Blasinstrumente. Mikas Kanne ist ein Fagott. Stolz zeigt er es und verrät dem Laien, dass es das einzige Blasinstrument ist, das mit allen zehn Fingern gespielt werden kann. 

Vorher hat er 47 Jahre bei den Original Meißner Blasmusikanten mitgemacht. Eine lange, schöne Zeit, wie er rückblickend sagt. Noch heute trifft er sich gern mit den Leuten aus seiner ehemaligen Kapelle. "Doch meine neue musikalische Heimat ist Nünchritz", sagt der gebürtige Meißner. "Hier habe ich mich vom ersten Moment an sauwohl gefühlt." 

Meistens 60 Jahre und älter

Und was ist mit Christian Werner? Denkt er ans Aufhören? "Nein, gar nicht", sagt er. "Wer soll denn dann das erste Flügelhorn spielen?" - Kenner der Musikszene wissen, dass ein Flügelhorn nichts anderes als eine Trompete ist. Doch die Formulierung "die erste Trompete spielen" vermeidet Werner lieber. Er ist froh, mit seinen 74 Jahren nicht mehr länger Vereinsvorsitzender des Wacker-Blasorchesters zu sein. Da sollen mal Jüngere ran!

Jung ist allerdings ein dehnbares Wort. Besonders für Blasmusikanten. Die meisten sind 60 Jahre und älter und stammen noch aus einer Zeit, in der es in Stadt und Land noch jede Menge Frühschoppen und Tanzveranstaltungen mit richtigen Orchestern gab, statt aus der Konserve. "Jeder größere Betrieb leistete sich ein eigenes Orchester", erzählt Werner. Nicht selten war die Befähigung, ein Instrument zu spielen, ausschlaggebend für einen Ausbildungsplatz, weiß der Trompeter aus eigener Erfahrung. 

Doch seit Jahren steigt der Altersdurchschnitt der Blasmusikanten. Nicht nur in Nünchritz. Viele Orchestern und Kapellen kämpfen mit Nachwuchsproblemen. "Deswegen helfen wir uns gegenseitig aus", erzählt Dieter Mika. Fehlt irgendwo zum Beispiel ein Klarinetten-Spieler, dann wird herumtelefoniert, bis einer gefunden ist.

Meistens klappt das auch, ohne groß zu proben. Das Repertoire der Musikstücke ist vielerorts ähnlich. Das Notenmaterial in den Orchestern sei zu 80 Prozent gleich, schätzt Werner. Doch auf die Dauer ist das keine Lösung. Wenn nicht jüngere Musiker nachkommen, werden sich wohl in den nächsten fünf bis zehn Jahren weitere Orchester verabschieden. Eine Herausforderung, der sich der neue Vereinschef Dieter Mika stellen muss. 

Was Eltern abschreckt

Vorgänger Christian Werner nennt Ursachen. "Direkte Nachwuchsförderung macht keinen Sinn mehr", sagt er. Die Chemiewerk-Musiker hätten zu DDR-Zeiten an Schulen und in Arbeitsgemeinschaften kostenlosen Unterricht gegeben. Nach der Wende war dieses ehrenamtliche Engagement nicht mehr erwünscht. Private und staatliche Musikschulen übernahmen das Feld und grasen es seitdem ab. Viele Eltern schrecken die hohen Beiträge für Übungsstunden und Instrumenten-Miete ab. Dann lieber doch die Kinder in die Sportvereine schicken, wo die Mitgliedsbeiträge zehn- bis 15 Mal niedriger sind.

Christian Werner und Dieter Mika erinnern sich mit Wehmut an ihre Zeit im Pionier-Blasorchester Meißen. "Damals waren genügend Kinder da, die ein Instrument erlernen wollten", sagt Werner. "Wenn man das heute erzählt, glaubt das einem niemand mehr."

Zumindest im Nünchritzer Wacker-Blasorchester gibt es momentan eine Verjüngung. Zwei Saxophonistinnen im Alter von Mitte 40 bis 50 haben angefragt und wollen das Ensemble verstärken. Der Altersdurchschnitt geht damit deutlich nach unten.

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