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"Der Krieg war bei uns angekommen"

Am 23. April 1945 steht die sowjetische Armee vor Riesa. Da macht ein Zwölfjähriger eine bedrohliche Entdeckung.

Über diesen Weg flüchtete die Familie von Gottfried Schmorl am 23. April 1945 von Zschepa aus Richtung Gohrischheide. Der promovierte Agrarwissenschaftler war damals zwölf Jahre alt.
Über diesen Weg flüchtete die Familie von Gottfried Schmorl am 23. April 1945 von Zschepa aus Richtung Gohrischheide. Der promovierte Agrarwissenschaftler war damals zwölf Jahre alt. © Sebastian Schultz

Zeithain/Riesa. Es gibt Dinge, die vergisst ein Mensch nie. Auch 76 Jahre später nicht. Die Ankunft der Sowjetarmee im April 1945 ist für Gottfried Schmorl so ein Ereignis. Damals war der Zschepaer zwölf Jahre alt - und erlebte Dinge, die kein Kind erleben sollte. Gerüchteweise hieß es, "die Russen" rücken näher. Aus den Dörfern östlich der Elbe wälzt sich ein Flüchtlingsstrom Richtung Lorenzkirch, wo es auf einer Behelfsbrücke über die Elbe gehen soll, nur weg von der Front.

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"Unser Hof war am Abend des 22. April voller Pferdegespanne, Handwagen und Menschen", erinnert sich Schmorl. Die Mutter schickt den Schüler und seine Schwester gegen halb elf ins Bett. "Draußen knatterte es." Beim Blick aus dem Fenster sind Feuerstößen zu sehen. "Der Krieg war bei uns angekommen."

Die Eltern nehmen die Kinder mit in den Keller. Zwei Stunden lang harren sie so aus - dann kommt der erste Rotarmist mit vorgehaltener Maschinenpistole hinunter. "Er sagte nur: 'deutsch Soldat?'" Soldaten sieht die Familie am nächsten Vormittag, dem 23. April, als sie sich aus dem Keller heraus traut. Oben hat sich alles verändert: Wohnzimmer und Gute Stube sind zu einem Verbandplatz geworden. "Verwundete Soldaten, meist Bauchverletzungen, lagen auf irgendwelchen Unterlagen", erinnert sich Schmorl, der nach seinem Arbeitsleben bei der DDR-Akademie der Landwirtschaftswissenschaften als Senior wieder auf dem Hof in Zschepa wohnt.

Kurz nach dem Mittag ordnet der Bürgermeister an, den von der Roten Armee besetzten Ort in Richtung Osten zu verlassen. Möglicherweise kam diese Anweisung vom andern Elbufer, wo noch die Wehrmacht steht: Das Telefonnetz funktioniert im April 1945 auch über die Front hinweg.

Sowjetische Artillerie im Einsatz. Weil die Wehrmacht im April 1945 den Befehl zum Abzug aus Riesa bekam, blieb der Stadt ein größerer Artilleriebeschuss erspart.
Sowjetische Artillerie im Einsatz. Weil die Wehrmacht im April 1945 den Befehl zum Abzug aus Riesa bekam, blieb der Stadt ein größerer Artilleriebeschuss erspart. © RIA Novosti archive/Ustinov/CC-BY-SA 3.0

"Es war schon eigenartig", sagt Gottfried Schmorl. "Monatelang bewegte sich der Strom der Flüchtlinge aus den Ostgebieten Deutschlands westwärts – und wir bekamen die Weisung, unsere Dörfer ostwärts zu verlassen." Er vermutet, dass die Deutschen die Zivilisten weg haben wollten, um freies Schussfeld für eigene Artillerie auf die sowjetisch besetzten Dörfer am östlichen Elbufer zu haben.

Laut anderen Quellen wurden Lorenzkirch und Zschepa auf Befehl der Russen geräumt, sagt ein Zeithainer Militär-Experte: Ohne Weisung der Sowjets hätte ein deutscher Bürgermeister solche Maßnahmen gar nicht einleiten können. So oder so: Familie Schmorl belädt den Pferdewagen mit dem Nötigsten und verlässt gegen 14 Uhr den Hof in Zschepa.

Mit einer zweiten Familie geht es über einen Feldweg Richtung Gohrischheide. "Über uns jaulten Granaten hinweg, die etwa aus der Richtung Hirschstein abgefeuert wurden und als Ziel hatten, das Übersetzen der Roten Armee über die Elbe bei Kreinitz zu verhindern", sagt Gottfried Schmorl. "Ich hatte Angst."

Der Weg führt die Familien durch die Heide - nicht weit von dort, wo für Tausende vor allem sowjetische Kriegsgefangene zur gleichen Zeit die Gefangenschaft endet: An diesem 23. April befreit die Rote Armee das Kriegsgefangenlager Zeithain. Die Zschepaer Familien laufen an der Bahnstrecke Riesa-Falkenberg Richtung Norden bis zum Bahnhof Jacobsthal, dann auf dem ehemaligen Flügelweg C nordwärts auf Nieska zu.

Die Riesaer Elbbrücke wurde 1945 von der Wehrmacht gesprengt, um den Einmarsch der Roten Armee zu verzögern.
Die Riesaer Elbbrücke wurde 1945 von der Wehrmacht gesprengt, um den Einmarsch der Roten Armee zu verzögern. © Horst Siegert/Stadtmuseum Riesa

"Dort habe ich etwas sehr Bedrohliches gesehen", erinnert sich der promovierte Agrarwissenschaftler. Rechts und links der heutigen S 89 nimmt der damals Zwölfjährige zwei größere Einheiten sowjetischer Artillerie wahr. "Zwischen 30 und 50 Geschütze standen dort, die Rohre nach Südwesten und damit auf Riesa gerichtet."

Der 88-Jährige geht davon aus: "Wenn die deutsche Wehrmacht von Riesa aus Widerstand geleistet hätte, wäre es zu schweren Zerstörungen in dieser Stadt gekommen." Vielleicht war das Zielgebiet der sowjetischen Kanonen aber auch eher der Raum Zeithain/Röderau - das vermutet zumindest der Zeithainer Militärexperte.

Denn die Wehrmacht hatte sich nicht nur darauf vorbereitet, Riesa zu verteidigen - sondern auch einen Brückenkopf auf der anderen Elbseite. "Rechts der Elbe wurde ein ganzes System von Panzergräben, Geschütz- und Infanteriestellungen, Minenfeldern und anderen Hindernissen angelegt", sagt Maritta Prätzel, Leiterin des Riesaer Stadtmuseums.

Doch es kommt anders: Wie der Militärhistoriker Wolfgang Fleischer im Buch "Sachsen 1945" schreibt, tauchen russische Kavalleristen zunächst nördlich von Riesa auf: Sie waren zuvor bei Kreinitz und Görzig über die Elbe gesetzt und gehen nach Süden vor, größere Ortschaften umgehend. Russen schießen mit Artillerie auf eine deutsche Flak-Einheit bei Forberge und Großrügeln, die das Feuer erwidert. In dieser unübersichtlichen Situation erhält der Riesaer Festungskommandant den Befehl, Stadt und Brückenkopf aufzugeben - und nach Norden zu marschieren, um mit anderen deutschen Truppen dem eingeschlossenen Berlin zu helfen.

Damit, so Fleischer, wird die deutsche Verteidigung an der Elbe geschwächt, Amerikaner und Sowjets können sich in Strehla, Kreinitz und schließlich in Torgau die Hände reichen.

Auch die Hafenbrücke in Gröba ließen die deutschen Verteidiger 1945 sprengen.
Auch die Hafenbrücke in Gröba ließen die deutschen Verteidiger 1945 sprengen. © Manfred Haberkorn/Museum Riesa

Für Riesa erweist sich das als Glück: Der Stadt bleiben großer Artilleriebeschuss und Infanteriekämpfe erspart. Zerstörungen gibt es dennoch: Die deutschen Verteidiger lassen vor dem Abzug Tanklager am Riesaer Hafen und Wehrmachts-Speicher an der Liststraße in Brand setzen. Im Bahnhofsgelände werden wichtige Anlagen durch Sprengungen zerstört, sagt Museumsleiterin Maritta Prätzel. "19.30 Uhr erfolgt die Sprengung der Elbbrücke und 22.30 Uhr die beider Brücken in Gröba. Am frühen Morgen des 24. April ist die Rote Armee da. Es gibt Gegenwehr, deshalb wird Riesa kriegsmäßig besetzt."

Damit ist der Krieg für Riesa aus - und bald auch für den zwölfjährigen Gottfried Schmorl. "Als wir vor Nieska ankamen, befahlen russische Soldaten, uns über einen Feldweg in Richtung Spansberg zu bewegen. Dort angekommen, wurden wir in den Hof des Bauern Werner eingewiesen." Zwei Tage bleiben sie dort - dann geht es wieder nach Hause. Am 25. April 1945 ist die Familie wieder in Zschepa. Dort begegnet ihnen ein sowjetischer Reiter, der einen gefesselten Wehrmachtssoldat hinter seinem Pferd aufs Feld führt. "Ich habe mich nicht umgedreht", sagt der Senior 76 Jahre später. Aber den Schuss hört er doch - und sieht den Toten später auf dem Feld liegen. Knapp zwei Wochen später ist der Krieg in Europa vorbei.

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