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"Ich habe gern in Riesa unterrichtet"

Nach zehn Jahren als Schulleiterin in Riesa geht Sylvia Mebus in Rente. Und jetzt? Ein Gespräch über Lehrermangel, Zuglektüre und Reisen in den Kaukasus.

Die Brunnen im Flur des Werner-Heisenberg-Gymnasiums haben es ihr angetan: Nach zehn Jahren als Schulleiterin geht Sylvia Mebus in Rente. Damit ist wieder mehr Zeit zum Forschen, sagt sie.
Die Brunnen im Flur des Werner-Heisenberg-Gymnasiums haben es ihr angetan: Nach zehn Jahren als Schulleiterin geht Sylvia Mebus in Rente. Damit ist wieder mehr Zeit zum Forschen, sagt sie. © Sebastian Schultz

Riesa. Es war ein besonderes Schuljahr - für Sylvia Mebus gleich in mehrfacher Hinsicht. Ihre Zwölftklässler durfte sie wegen des pandemiebedingt veränderten Lehrplans bis zu den Sommerferien unterrichten - schließlich galt es, Stoff nachzuholen. Die Schulleiterin des Werner-Heisenberg-Gymnasiums lächelt, wenn sie davon erzählt, dass sie damit noch etwas länger Unterricht gegeben hat, als das sonst üblich wäre. Denn für die Dresdnerin waren es auch die letzten Stunden an der Schultafel. Mit 66 Jahren verabschiedet sie sich in den Ruhestand. Zum Abschied hat die SZ mit ihr gesprochen.

Frau Mebus, Sie haben kurz vor Ihrem Ruhestand sozusagen Zehnjähriges: Im Sommer 2011 haben Sie die Schulleiter-Stelle in Riesa angetreten. Wie kam es denn dazu?

Teppich Schmidt
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Erfahrung, Wissen und ein super Team. Bis zum heutigen Erfolg war es eine lange, lehrreiche Reise, die sich nun in verschiedenen Abteilungen widerspiegelt und seinen Kunden Einrichtungs- und Wohnträume verwirklicht.

Ich kam aus dem Ausland, aus Armenien ...

Was haben Sie denn dort gemacht?

Dort war ich Fachschaftsberaterin für Deutsch als Fremdsprache. Ich war zunächst ein Jahr in Georgien, dann drei Jahre in Armenien. Wie soll ich sagen ... ich war zuvor viele Jahre in ein EU-Forschungsprojekt involviert, das von der Katholischen Universität Eichstädt ausging. Darin waren Wissenschaftler und Praktiker aus der Schule zusammen und haben sich damit befasst, wie man Geschichtsunterricht modernisieren kann. Unser Leitgedanke war: Geschichte denken statt pauken. Dann war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich sagte: Es darf keine negative Routine entstehen. Ich bin auch Sprachlehrerin für Russisch. Da bot es sich an, ins Ausland zu gehen.

Aber das muss doch ein Kulturschock gewesen sein?

Als Russischlehrerin war ich früher schon mal ein Jahr in der Sowjetunion. Da hatte ich meinen Kulturschock schon weg (lacht). Kulturschock würde ich nicht sagen. Ich weiß, dass das Leben in diesen Ländern ganz anders ist als bei uns. Und ich habe auch von dort mitgenommen, dass unser Nörgeln und Meckern auf ganz hohem Niveau stattfindet. Die Lehrer dort sind darauf angewiesen, zusätzlich Privatunterricht zu geben, um die Familie zu ernähren. Das sind Dinge, die mich sehr bewegt haben. Das hat geerdet.

Blick aufs Werner-Heisenberg-Gymnasium am Friedrich-Ebert-Platz in Gröba. Zehn Jahre lang war Sylvia Mebus hier Schulleiterin. Wer auf sie folgt, ist noch nicht klar, fürs Erste übernimmt Stellvertreter Christian Honecker.
Blick aufs Werner-Heisenberg-Gymnasium am Friedrich-Ebert-Platz in Gröba. Zehn Jahre lang war Sylvia Mebus hier Schulleiterin. Wer auf sie folgt, ist noch nicht klar, fürs Erste übernimmt Stellvertreter Christian Honecker. © Sebastian Schultz

Und nach diesem Auslandsaufenthalt sind Sie in Riesa gelandet.

Genau. Ich hatte mich unter anderem für die Schule beworben - und wurde bestätigt.

Kannten Sie Riesa damals schon?

Ich war zuvor einmal hier, zu einer Prüfungslehrprobe. Außer vom Durchfahren mit dem Zug, kannte ich es gar nicht. Das Stahlwerk kannte ich natürlich. Aber es war Neuland für mich, eine Schule im ländlichen Raum. Ich dachte mir: 50 Kilometer fahren, das kann man. Der Zug fährt jede Stunde, das ist okay.

Sie sind da ja auch nicht allein.

Nein, die ganzen Jahre nicht. Es gibt auch vom Städtischen Gymnasium viele Kollegen. Ich kann auch den ICE nutzen, aber lieber sitze ich im Regionalexpress und lese. Ich hab viel gelesen beim Pendeln. Das kriegt man sonst so nicht hin.

Was lesen Sie denn da?

Ganz Unterschiedliches. Historische Romane, auch Gegenwartsliteratur oder Krimis ... ich schau auch gern ins Magazin der Sächsischen Zeitung nach neuen Bücherideen. Momentan lese ich den Nachruf von Stefan Heym. Weil ich im Bücherschrank ein Buch meiner Eltern von Heym gefunden habe, "Die Architekten", das mich sehr bewegt hat. Da hab ich Familiengeschichte ablaufen sehen. 900 Seiten dick, in einem vollkommenen, guten Deutsch, das kann man nicht so nebenbei lesen. Das ist mein Sommerprojekt.

Zeit dafür haben Sie ja bald.

Ich habe auch die Gereon-Rath-Romane von Volker Kutscher gelesen. Als Geschichtslehrer sage ich: die bieten ganz tolle Einblicke in die Epoche der 30er-Jahre.

Ist wohl auch Ihre liebste Epoche?

19., 20. Jahrhundert. Ich bin nicht so der Altertumsmensch. Das Altertum unterrichtet sich gut, aber ist nicht so meins.

Als Sie vor zehn Jahren in Riesa anfingen, was haben Sie hier vorgefunden?

Es war ganz anders als an meiner Schule in Dresden. Die Schüler hier sind im großen und ganzen lehrerzugewandter. Freundlicher. Grüßen im Schulhaus. Aber sie sind auch viel ruhiger im Unterricht - jetzt nicht disziplinierter, sondern was die Bereitschaft fürs Streitgespräch angeht. Das mehrheitlich ruhige Verhalten ist zwar sehr angenehm, macht es aber auch nicht leicht, die Schüler aus der Reserve zu locken. Trotzdem ist das Arbeiten in Riesa sehr dankbar. Man kann die Schüler begeistern, mehr noch manchmal als Schüler in Dresden.

Und die Lehrer?

Die Mathematik und Naturwissenschaften sind kennzeichnend für den Paragraf-4-Status dieser Schule. Das Problem ist, die Lehrer dafür zu bekommen. Das ist ein generelles Problem in Deutschland. Wie will man Spitzenförderung betreiben, wenn man für Kollegen, die in den Ruhestand gehen oder ein Baby bekommen, keine Mat/Nat-Lehrer auf dem Markt findet? Im ersten Dienstjahr als junge Lehrerin mehr als 26 Stunden wöchentlich, das ist schon eine Zumutung an sich. Das war einst, 1992, als vorübergehende Lösung gedacht. Wir haben 2021 und es sind immer noch 26 Stunden.

Um das klarzustellen: 26 Unterrichtsstunden, meinen Sie.

Genau. Da ist noch keine Vor- und Nachbereitung eingerechnet, keine Klausurkorrektur.

Wie viel kann man denn da draufrechnen?

Na, nennen Sie mir mal einen Lehrer, der am Wochenende nicht arbeitet! Ich kenne keinen. Nicht mal ich mit meinen acht Stunden als Schulleiterin habe am Wochenende nichts für die Schule getan. Man nimmt auch vieles mit nach Hause, das legt man nicht einfach ab. Es steckt ein immenser Aufwand dahinter. Korrigieren Sie mal 20-mal zehn Seiten Klausur in Deutsch. Das sehen viele Leute nicht.

Wie könnte man aus Ihrer Sicht dem Lehrermangel besser begegnen?

Da gibt es viele heiße Eisen, die angefasst werden müssten. Zunächst müsste das Verständnis fürs Lehramt ein anderes werden. Der Mathematiklehrer ist kein Mathematiker. Der braucht selbstverständlich das fachliche Grundgerüst, aber dann braucht er Didaktik: Wie bringe ich es an das Kind? Dafür braucht es auch Verständnis an den Hochschulen, das ist leider nicht immer so. Da schreibt der Mathematik-Professor die Tafel voll; dem ist es in diesem Moment gleich, ob es der Student versteht. Ich kenne Studenten, die Mathe-, Physik- oder Chemielehrer werden wollten und das Handtuch geworfen haben, weil mit ihnen nicht wertschätzend umgegangen wurde. Die Lehrerausbildung ist ein Stiefkind in manchen Fachrichtungen.

Eins der ersten Fotos für die SZ zeigt Sylvia Mebus 2011 im Geschichtsunterricht. Vor ihrem Amtsamtritt in Riesa hatte sie vier Jahre in Armenien und Georgien verbracht.
Eins der ersten Fotos für die SZ zeigt Sylvia Mebus 2011 im Geschichtsunterricht. Vor ihrem Amtsamtritt in Riesa hatte sie vier Jahre in Armenien und Georgien verbracht. © A. Schröter

Sie hatten die Didaktik schon angesprochen. Was muss sich da ändern?

Didaktik ist die Lehre des Lehrens. Wenn ich das nicht beherrsche, kann ich der beste Mathematiker sein, aber als Mathelehrer tauge ich noch lange nicht. Es gibt Absolventen, die kommen in die Ausbildungsstätte und haben noch nie eine Stunde Didaktik gehabt. Die Weimarer Zeit hat gezeigt, wie man Lehrer ausbildet. Diese Seminare waren an der Uni angesiedelt. So bemerken die jungen Lehramtsanwärter auch früher, ob sie für die Lehre geeignet sind. Das kommt zurzeit recht spät.

Ein dritter Punkt ist: Muss jeder studieren dürfen, was er will, auch wenn man es nicht braucht? Wir bilden zum Beispiel Geschichts- und Deutschlehrer en masse aus, die wir nicht einsetzen können. Dafür werden Steuergelder eingesetzt. Es müsste überlegt werden, wie man Immatrikulation regelt. Eine regulierende Hand wäre wichtig.

Inwiefern hat sich denn in Ihrer Zeit als Schulleiterin die Situation mit dem Lehrermangel verändert?

Es gibt ja seit 2018 die Initiative der Verbeamtung. Ich glaube, die hat gezogen - auch wenn sie viel Ärger unter den Kollegen erzeugt hat. Ob verbeamtet oder nicht, die Kollegen leisten alle nach besten Kräften gute Arbeit. Wir sind am WHG momentan für das kommende Schuljahr recht gut aufgestellt. Auch die Möglichkeit der schulscharfen Ausschreibung für den Lehrerberuf trägt Früchte.

Ist denn Ihre Nachfolge schon geregelt?

Noch nicht. Mein Stellvertreter Herr Honecker wird erst einmal amtieren. Die Stelle wird neu ausgeschrieben. Wir werden sehen.

Was wird Ihnen nach zehn Jahren in Riesa positiv in Erinnerung bleiben?

Ich freue mich, dass wir neben den erfahrenen auch viele junge Kollegen bekommen haben. Auch, dass es uns gelungen ist, das Erasmus-Programm hier anzusiedeln. Ich denke, das ist neben dem täglichen Lernen ganz wichtig: den Horizont zu erweitern. Die Spitzenförderung läuft mittlerweile noch koordinierter ab, da ist noch einmal viel passiert an unserem Gymnasium.

Was werden Sie vermissen?

Die Schüler! Ich hab gern hier unterrichtet.

Sie waren jahrelang an der TU Dresden, auch in der Riesaer Zeit ...

Genau. Im Prinzip bin ich seit 1992 dreigleisig gefahren: selber unterrichtet, Lehre an der Universität angeboten und Lehrer ausgebildet. Das ist eine ganz tolle Mischung, da schaut man ganz anders auf die Unterrichtsgestaltung.

Bleiben Sie denn Dozentin?

Also, die Universität ist mein Hobby, das bin ich der Uni schuldig. Ob das weitergeht, wird man sehen. Der Didaktik-Professor geht auch in den Ruhestand. Ansonsten will ich jetzt wieder publizieren.

Haben Sie schon ein Forschungsthema im Auge?

Ich möchte ein Stück DDR-Geschichte aufarbeiten. Ich möchte noch nicht verraten, worum genau es dabei geht.

Es geht dann also aus der Schule ins Archiv?

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Ja, genau! Dafür war zuletzt zu wenig Zeit. Für meine vier Enkelkinder und meinen Mann will ich auch mehr da sein. Die gesamte Familie ist mittlerweile wieder in Dresden versammelt. Im August fahren wir erstmal eine Woche weg, nach Schellerhau ins Erzgebirge. Im Winter wollen wir dann eine Reise an den Baikalsee machen. Da freue ich mich sehr drauf: Wieder mal Russland sehen, den russischen Winter erleben.

Und nach Armenien?

Da wollte ich eigentlich schon 2020 hin - ging wegen Corona nicht. Aber irgendwann fahre ich da wieder hin.

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