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Riesa: Rätsel um verschwundene Skulptur

Die Oberschule Am Merzdorfer Park wird bald fertig. Aber was ist mit der DDR-Kunst, die Jahrzehnte davor stand?

So sahen die "Reifenspielenden Mädchen" vor der Schule am Merzdorfer Park zuletzt aus (li.) - und so 1964, bei der Eröffnung der Schule.
So sahen die "Reifenspielenden Mädchen" vor der Schule am Merzdorfer Park zuletzt aus (li.) - und so 1964, bei der Eröffnung der Schule. © Fotos: Axel Kaminski, Stadt Riesa, Montage: SZ

Riesa. Mit der Oberschule am Merzdorfer Park geht es voran - nach monatelanger Modernisierung soll die Schule pünktlich zum neuen Schuljahr als Sachsens modernste Schule wieder öffnen. Aber da fehlt doch was? Das fiel dem Riesaer Axel Kaminski auf, der dort in den 1970ern selbst die Schule besucht hat. "Da stand doch all die Jahrzehnte eine Skulptur davor", sagt er. Zwei Figuren, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht erkennt, was die eigentlich machen. "Denn das Kunstwerk war nicht komplett", sagt Axel Kaminski: "Eigentlich haben die beiden Mädchen zwei Reifen in der Hand."

Die Oberschule Am Merzdorfer Park lässt Riesa für mehr als elf Millionen Euro sanieren. Und am Ende soll auch eine DDR-Skulptur hierher zurückkehren.
Die Oberschule Am Merzdorfer Park lässt Riesa für mehr als elf Millionen Euro sanieren. Und am Ende soll auch eine DDR-Skulptur hierher zurückkehren. © Sebastian Schultz

Dann ergibt auch der Name der Bronzeskulptur Sinn: Sie heißt "Reifenspielende Mädchen" und stammt von der Künstlerin Elfriede Reichel-Drechsler (1923 - 2009). Die beiden Ringe allerdings waren schon verschwunden, als Axel Kaminski selbst noch Schulkind war. Vor einiger Zeit hat sich der freiberufliche Journalist ausführlich mit der Skulptur beschäftigt. Deshalb weiß er auch, dass sich nicht Buntmetalldiebe an dem Kunstwerk der Weinböhlaerin zu schaffen gemacht haben. Er hatte vom früheren Schuldirektor Hans Joachim Wittig in Erfahrung gebracht, dass die Ringe schon 1964/65 abgebrochen wurden - kurz nach Eröffnung der Schule.

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Das habe ihn seinerzeit nicht überrascht, erzählte der pensionierte Schulleiter damals Axel Kaminski. „Den Reifen mit zwei Dübeln an den Figuren zur befestigen, erschien mir nicht stabil genug. Ich habe versucht, das der Künstlerin auszureden“, so dessen Erinnerung. Offenbar vergeblich: Die Ringe waren bald ab und lagen auf dem Boden, der Hausmeister bekam seinerzeit den Auftrag, sie auf dem Dachboden einzulagern.

Axel Kaminski hatte später gehofft, die Ringe dort aufstöbern zu können. Er sprach mit mehreren früheren Schulleiterinnen - allerdings erfolglos. „Der Boden wurde, als das Dach neu gedeckt wurde, ausgeräumt. Ein Bronze-Reifen befindet sich heute definitiv nicht dort“, berichtete ihm Sabine Kraus. „Auf dem Boden wurde alles Mögliche gefunden, als er beräumt wurde“, erinnerte sich Brigitte Putzger. Aber kein Bronze-Ring.

Der Journalist versuchte auch herauszufinden, in welcher Gießerei die „Reifenspielenden Mädchen“ vor gut einem halben Jahrhundert gegossen wurden. Allerdings hätten sich weder bei der Kunstguss Lauchhammer GmbH noch bei der Kunstgießerei Ihle Unterlagen dazu gefunden; womöglich stammt es aus der Dresdner Kunstgießerei Pirner und Franz. "Über den Verbleib von Modellen, Zeichnungen oder Formen ist jedenfalls nichts bekannt", schreibt Axel Kaminski. Von der Firma Ihle erhielt er immerhin die Auskunft, dass ein passender Nachbau eines Reifens inklusive Montage rund 3.000 Euro kosten würde.

Was ihn aber meisten interessiert: Wo ist die Skulptur - mit oder ohne Ring - jetzt überhaupt hin? Und kehrt sie irgendwann an den gewohnten Platz zurück?

Da kann ihn Riesas Rathaus-Pressesprecher beruhigen: Die Skulptur „Reifenspielende Mädchen“ sei nicht verloren gegangen und soll bald wieder die Schulanlage verschönern. "Sie gehört ja zum Bild der Schule unverwechselbar dazu", sagt Uwe Päsler. Demnach werde das Kunstwerk nach Abstimmung mit dem Landratsamt, Untere Denkmalschutzbehörde, bei einem Restaurator aufgearbeitet und in den nächsten Wochen wieder vor der Schule aufgestellt.

Ein Blick von der Rückseite auf das Schulgebäude Am Merzdorfer Park. In den Sommerferien ist der Einzug geplant.
Ein Blick von der Rückseite auf das Schulgebäude Am Merzdorfer Park. In den Sommerferien ist der Einzug geplant. © Sebastian Schultz

Er weiß außerdem, dass die Skulptur ziemlich genau ein Prozent der seinerzeitigen Schulbaukosten ausmachte: Die 1964 eröffnete Otto-Grotewohl-Schule habe damals zwei Millionen MDN (Mark der Deutschen Notenbank – später DDR-Mark) gekostet, die Skulptur 21.000 MDN. "Zwei junge Riesaer Frauen haben der Künstlerin Elfriede Reichel-Drechsler Modell gestanden", sagt Uwe Päsler.

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Die sehr filigranen Reifen seien, so bestätigt es auch der Rathaus-Sprecher, bereits kurz nach der Einweihung der Schule Vandalen zum Opfer gefallen. "OB Marco Müller hat sich dafür eingesetzt, nochmals einen Versuch mit den Reifen zu wagen", sagt Uwe Päsler. "Der Restaurator hat die Aufgabe, die Reifen etwas solider zu gestalten, ohne wesentlich in den künstlerischen Entwurf einzugreifen." Man darf also gespannt sein.

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