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Warum ein Pakistani in Riesas Schäferei lernt

Farooq Shah kam als Flüchtling nach Deutschland. Heute ist er der erste Lehrling überhaupt, den Riesas Schäfer auf Gut Göhlis eingestellt hat.

Schäferei-Lehrling Farooq Shah bei der Klauenpflege. Damit das Schaf still bleibt, wird es auf den Steiß gesetzt. Shah verließ mit 18 seine pakistanische Heimat.
Schäferei-Lehrling Farooq Shah bei der Klauenpflege. Damit das Schaf still bleibt, wird es auf den Steiß gesetzt. Shah verließ mit 18 seine pakistanische Heimat. © Lutz Weidler

Riesa. Der Großteil der Herde ist schon draußen auf der Weide - den Übriggebliebenen geht es nun an die Klauen: Leicht gebeugt nähert sich Farooq Shah der Gruppe aus Schafen, die noch im Gatter geblieben sind. Ein schneller Ausfallschritt, beherztes Zugreifen - dann hat er eins der Tiere im Griff. Shah setzt das Schaf in einen Liegestuhl, damit es nicht ausbüxen kann. Es geht zur "Pediküre": Die Klauen der Tiere müssen ab und an verschnitten werden.

Seit den frühen Morgenstunden ist Farooq Shah auf den Beinen. Neben der Klauenpflege hat er schon die Schafe gefüttert, die Ziegen gemolken und noch ein paar Kleinigkeiten erledigt, erzählt er. Der Arbeitstag in der Schäferei auf Gut Göhlis beginnt gegen 7.30 Uhr. "Das ist human", erzählt Schäfer Axel Weinhold. Als der Betrieb noch nicht zum Verein Sprungbrett gehörte, war Weinhold schon deutlich früher auf den Beinen. Einen Lehrling hatte er aber auch davor noch nie. Der 24-jährige Pakistaner ist tatsächlich der erste überhaupt, den die Riesaer Schäferei beschäftigt.

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Das hat verschiedene Gründe. Zum einen sei es für den Betrieb gar nicht so einfach, die 550 Euro im Monat aufzubringen, sagt der Schäfer. Zum anderen stehen die potenziellen Azubis in der Branche aber auch nicht gerade Schlange. Die Schäfereien in Deutschland klagen allesamt über Nachwuchsmangel. Landwirtschaftliche Viehhaltung, das heißt: wenig Urlaub und eine Sieben-Tage-Woche bei überschaubarer Bezahlung. Kaum ein junger Mensch will die Arbeit heutzutage machen.

Taliban waren in der Region aktiv

Bei Farooq war das anders, erzählt Axel Weinhold. Eher zufällig kam er nach Riesa. "Ich wollte eigentlich nach England", sagt Farooq Shah und lächelt schüchtern. In Peschawar hatte er den Fleischerberuf gelernt. Die Region rund um die Millionenstadt im Norden Pakistans, etwa 50 Kilometer von der afghanischen Grenze, war nach 2001 auch ein Rückzugsort für die Taliban geworden. "Die haben dort Kämpfer ausgebildet", erzählt Farooq Shah. 2015 sorgten Anschläge auf Moscheen für Schlagzeilen. Um für die eigene Sicherheit zu sorgen, sei fast jeder in der Region bewaffnet gewesen, sagt Farooq Shah. Seiner Familie wurde letztlich wohl ein Streit um Land zum Verhängnis. Sein Vater sei getötet worden. Wohl eine Art Clanfehde, erklärt Katrin Hempelt. Sie ist bei Sprungbrett als Projektleiterin für Gut Göhlis zuständig.

Als ältester Sohn und damit defacto neues Familienoberhaupt wäre Farooq wohl selbst ins Visier geraten. Also entschied er sich, das Land zu verlassen. Über die Balkanroute ging es für den damals 18-Jährigen bis nach Deutschland. Dort endete die Reise, weil ihn die Polizei in Bayern aufgriff. Eine Ausreise aus der BRD war damit erst einmal nicht möglich.

Über Chemnitz und Meißen kam der junge Pakistaner schließlich nach Riesa - und dort in eine Integrationsmaßnahme bei Sprungbrett, wo er sich für die Arbeit in der Schäferei entschied. "Er hat sich dort durch sein Vorwissen und seinen Fleiß wahnsinnig hervorgetan", sagt Katrin Hempelt.

Axel Weinhold erkennt schnell, für wen die Arbeit in der Schäferei etwas ist. "Wie man Ziegen melkt, musste Farooq nicht erst lernen. Die Familie hatte ja selbst Tiere gehalten." So fiel schließlich die Entscheidung, ihm die Lehrstelle anzubieten. "Er hat ein gutes Zeugnis, hat eine gute Schule besucht", sagt Katrin Hempelt. Die Eltern hätten sich gut um seine Bildung gekümmert. Das sei nicht bei jedem Migranten so. "Wir haben zum Teil auch Leute, die haben noch nie eine Schule von innen gesehen."

Trotzdem ist die Berufsschule keine einfache Sache für Farooq Shah. Als er in Riesa ankam, sprach er noch kein Deutsch. Das Schulenglisch, das er gelernt hat, nützt ihm hier wenig. "Ohne die Sprachbarriere wäre er ein Top-Berufsschüler", sagt Katrin Hempelt. So aber muss er kämpfen, um auch in der Theorie zu bestehen. In der Coronazeit hat Hempelt zum Teil selbst mit ihm gepaukt.

Alkohol ist tabu

In der Praxis schlägt sich Shah dagegen sehr gut, verhält sich tadellos. "Er ist ein sehr anständiger junger Mann", sagt Katrin Hempelt, die in der Integrationsarbeit auch ganz andere Fälle erlebt. Sie unterstreicht Farooqs Charakter mit einer Ankedote: Als Familie Weinhold einmal für ein paar Tage weggefahren sei, habe er auf dem Gut übernachtet. "Die Gäste vom benachbarten Zeltplatz haben später erzählt, dass Farooq in der Nacht alle zwei Stunden einen Rundgang auf dem Gut gemacht und nach dem Rechten gesehen hat."

Die Freizeit verbringt der 24-Jährige häufig mit zwei Freunden, die ebenfalls aus Pakistan kommen. "Einer ist Bäcker, der andere Elektriker. Am Wochenende kochen wir gemeinsam und machen Party." Wobei Party dann heißt: gutes Essen. Alkohol trinkt der gläubige Muslim nicht. Per Videoanruf hält er Kontakt in die Heimat. Die sieben Geschwister und seine Mutter hat er seit 2015 nur noch auf dem Handydisplay gesehen. Er vermisse sie schon, gesteht er. Aber eine Rückkehr nach Pakistan hieße vermutlich, dass er aus dem Land nicht mehr herauskomme.

Momentan steckt Farooq Shah mitten im dritten Lehrjahr. Weil Pakistan als sicheres Herkunftsland gilt, wird er momentan wegen seines Ausbildungsaufenthalts befristet geduldet. Ob er auch in Deutschland bleiben darf, hängt davon ab, ob er eine Arbeitsstelle findet. Die Chancen dafür stehen gut, schätzen Axel Weinhold und Katrin Hempelt. Der Pakistaner selbst würde sich drüber freuen: "Die Arbeit hier macht mir Spaß."

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