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Was Schüler im Lockdown beschäftigt

Corona hat die Sozialarbeit an den Schulen verändert. Über allem schwebt die Frage: Wie erreicht man Kinder, die seit Monaten nicht im Präsenzunterricht sind?

Janine Seemann leitet das 15-köpfige Team für Schulsozialarbeit bei Sprungbrett, das im Altkreis Riesa-Großenhain und in Oschatz aktiv ist.
Janine Seemann leitet das 15-köpfige Team für Schulsozialarbeit bei Sprungbrett, das im Altkreis Riesa-Großenhain und in Oschatz aktiv ist. © Klaus Dieter Bruehl

Riesa. Er ist etwa so groß wie ein A5-Zettel, grün und öffnet mit einer ernsten Frage: "Warum bin ich so traurig?" steht auf dem Handzettel, den Janine Seemann in ihrem Büro im Christlichen Gymnasium liegen hat. Eine Frage, die sie und die anderen Schulsozialarbeiter in Riesa, Großenhain und dem Umland so und ähnlich öfter zu hören bekommen.

"Wir sind gerade dabei, die Flyer in Wohneingängen zu verteilen", sagt Janine Seemann. Darauf stehen auch die Kontaktdaten zu Beratungsstellen - und der Hinweis, doch einfach mal den Kontakt zu seinen Freunden aktiv zu suchen. Es gehe vor allem darum, die Kinder und Jugendlichen auch im Fall eines weiteren Lockdowns zu erreichen.

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Die Pandemiesituation mit Kontakteinschränkungen und nicht zuletzt der Fernlehre macht Schülern aller Altersgruppen zu schaffen - und erschwert die Arbeit der 15 Schulsozialarbeiterinnen des Vereins Sprungbrett, die an Schulen von Oschatz bis Ebersbach und von Riesa bis Gröditz arbeiten. "Es gibt Kinder, die sind teils seit Monaten von der Schule abgemeldet", erklärt Janine Seemann. Die zu erreichen, sei schwierig.

Mit diesem Flyer wollen die Schulsozialarbeiter im Altkreis Kinder und Jugendliche erreichen. Demnächst soll er auch in Hauseingängen verteilt werden.
Mit diesem Flyer wollen die Schulsozialarbeiter im Altkreis Kinder und Jugendliche erreichen. Demnächst soll er auch in Hauseingängen verteilt werden. © Sprungbrett Riesa

Dabei hat der Beratungsbedarf eher zugenommen. Quasi in jeder Pause und Freistunde finden bei Janine Seemann Gespräche mit Schülern statt. "Das war vorher schon so. Jetzt kommen aber noch die Telefonate mit den Schülern dazu, die daheim sind."

Was die Kinder und Jugendlichen bewegt, hat sich im zurückliegenden Jahr ebenfalls verändert. Früher ging es um Konflikte untereinander, um Mobbing, Sexualität oder Fünftklässler, die ihre Grundschulfreunde vermissen. "Die ganze Palette", sagt Seemann und schmunzelt. Im Lockdown verlagerten sich die Konflikte eher in die Familie. "An erster Stelle steht immer: Meine Freunde fehlen mir. Das ist für die Schüler wirklich sehr prekär." Auch die Coronaregeln hielten einige Probleme bereit: Wen lädt man ein, wenn man sich nur mit einem weiteren Haushalt treffen darf - und wen lädt man damit aus? Es gebe eine gewisse Orientierungslosigkeit unter den Schülern - und auch Zukunftssorgen.

Dazu komme das Schulische: "Wo das Lernen im Homeschooling sehr analog stattfindet, haben die Schüler wenig Motivation. Dadurch entstehen große Lücken." Das betrifft nach Janine Seemanns Erfahrung vor allem Schüler, denen das Lernen vorher schon schwerfiel. In solchen Situationen könnten die Sozialarbeiter im Gespräch herausfinden, woran es liegt: fehlt die Ruhe zu Hause, oder gibt es nur einen Laptop, den sich mehrere Geschwister teilen? "Wir sind keine Lehrer", so Seemann. Aber sie können dabei helfen, die Basis zu schaffen.

Digitaler Elternabend

Die Vorbereitungen für die Flyeraktion laufen laut Janine Seemann schon eine Weile. "Im März war der Punkt erreicht, an dem wir im kleinen Kreis überlegt haben, was wir noch tun können." Daraus sei nicht nur die Idee mit den Flyern entstanden. Darüber hinaus veranstalten die Sozialarbeiterinnen von Sprungbrett seit Kurzem digitale Elternabende, den nächsten am 5. Mai.

Was die Eltern dort wissen wollten, sei ganz unterschiedlich. Für die einen sei die Frage wichtig, wie sie die Kinder zum Lernen motivieren können, für die anderen ist der Umgang mit Medien ein großes Thema. Manche möchten sich einfach nur mit anderen Eltern austauschen.

Auch die Regeln im Präsenzunterricht verändern die Arbeit der Sozialarbeiter. Vor der Pandemie haben Janine Seemann und ihre Kolleginnen oft in Gruppen mit den Schülern gearbeitet. "Da funktioniert viel über Berührung, Mimik, Nähe - etwa, wenn ein Schüler mit Augenbinde von einem anderen irgendwo durchgeführt werden muss." Aus solchen Projekten hätten sich dann einzelne Fälle herauskristallisiert. "Zugenommen hat jetzt die Beratung per Telefon - oder man trifft sich draußen und geht spazieren."

Auch das Thema häusliche Gewalt lässt Janine Seemann nicht kalt. Für einige Schüler sei der Unterricht ein sicherer Raum. "Das sind für manche Kinder die einzigen Zeiten, in denen eine Fachkraft mit draufschauen kann." Nicht nur deshalb habe sie gehofft, dass die Schulen in Sachsen offen bleiben. "Neue Schließungen wären katastrophal." Auch für die sozialen Kompetenzen: Der Umgang mit Konflikten, Kompromisse schließen, Kommunizieren, Empathie, Liebe, der erste Kuss - das seien Experimente, die im Lockdown verlorengehen.

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  • Den nächsten digitalen Elternabend veranstaltet Sprungbrett am 5. Mai von 17 bis 18.30 Uhr. Anmeldung unter [email protected] oder beim Schulsozialarbeiter des Kindes an der betreffenden Schule.

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