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Sorge um Riesas Handwerker-Ausbildung

Für die Metallbauer wurde bei der anstehenden Berufsschul-Reform ein Kompromiss erreicht. Aber ein anderer Beruf steht auf der Kippe.

Ein Metallbau-Lehrling übt das Metall-Aktivgasschweißen. Dieser Beruf soll künftig in Riesa nur noch eingeschränkt ausgebildet werden.
Ein Metallbau-Lehrling übt das Metall-Aktivgasschweißen. Dieser Beruf soll künftig in Riesa nur noch eingeschränkt ausgebildet werden. © Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Riesa. Bislang wurde quasi jährlich gezittert: Reichen die Schülerzahlen, um in der Berufsschule eine bestimmte Klasse zusammenzubekommen? Wird der Ausbildungsgang ausgesetzt oder gar ganz gestrichen? Mit dieser Unsicherheit soll Schluss sein - in seinem aktuellen Entwurf Teilschulnetzplan will der Freistaat die Berufsausbildung in Sachsen so umstellen, dass über die Fläche verteilt Kompetenzzentren ausgebaut werden, die über Jahre hinaus Bestand haben - etwa für Nutzfahrzeug-Mechatroniker in Meißen, Abwassertechniker in Pirna, Textiltechniker in Plauen.

Gerade in Zeiten sinkender Schülerzahlen könnte das eine sinnvolle Neuerung sein. Bei der Kreishandwerkerschaft Meißen sieht man die Pläne des Freistaats allerdings sehr kritisch. Auch wenn man zuletzt in Gesprächen erreichen konnte, zumindest das erste Ausbildungsjahr für Metallbauer (Fachrichtung Konstruktionstechnik) in Riesa zu erhalten, bleiben Wünsche offen. Kreishandwerksmeister Peter Liebe und Geschäftsführer Jens-Torsten Jacob forderten die Kreisräte nun in einem vierseitigen Schreiben dazu auf, dem Vorhaben des Freistaats allenfalls unter Bedingungen zuzustimmen.

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Wunsch 1: Dresdner Elektroniker sollen nach Riesa

Derzeit gibt es sieben Handwerksberufe, die man vom ersten bis zum letzten Lehrjahr im Kreis Meißen absolvieren kann. Künftig sollen es nur noch drei sein. Eine Bauausbildung ist mit dem Weggang der Dachdecker aus Meißen gar nicht mehr möglich, "ein herber Schlag für die Handwerkerschaft in unserem Kreis", kommentiert die Kreishandwerkerschaft.

Bevor es so weit kommt, müssen alle Landkreise und kreisfreien Städte ihr sogenanntes Einvernehmen mit der Planung des Freistaats erklären. Was jetzt in Riesa für den Kreistag anstand, hatten Dresdens Stadträte schon Ende Januar verabschiedet - aber ebenfalls mit Nachbesserungswünschen: In der Landeshauptstadt wünscht man sich, dass angehende Elektroniker (Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik) aus Dresden nicht - wie vom Freistaat vorgesehen - künftig nach Riesa zur Berufsschule fahren, sondern ins schneller erreichbare Pirna.

Sollten sich die Dresdner damit durchsetzen, so die Furcht in Riesa, könnte dem Kreis Meißen mittelfristig sogar noch ein Ausbildungsberuf verloren gehen: Denn mit der S-Bahn sind Dresdner Lehrlinge in 20 Minuten in Pirna, brauchen mit dem Regionalexpress nach Riesa aber rund 50 Minuten. Da dürfte klar sein, an welchem BSZ Dresdner Firmen ihre Lehrlinge anmelden. Ohne Dresdner Azubis, so fürchtet auch die Meißner Landkreisverwaltung, würden die Zahlen in Riesa möglicherweise nicht reichen, stabile Fachklassen zu bilden. Damit sei zu befürchten, dass auch der Elektroniker-Ausbildungsberuf dauerhaft den Kreis Meißen verlasse. Das schwäche nicht nur eine zentrale Säule am BSZ Riesa, sondern wirke sich auch auf das Angebot des Beruflichen Gymnasiums und des Berufsvorbereitungsjahres aus. "Sollte keine Stärkung des so wichtigen Handwerksberufs erfolgen, kehrt sich die für den Landkreis Meißen bislang zahlenmäßige positive Teilschulnetzplanung ins Negative um."

Am BSZ für Technik und Wirtschaft in Riesa lernten zuletzt 954 Schüler.
Am BSZ für Technik und Wirtschaft in Riesa lernten zuletzt 954 Schüler. © Sebastian Schultz

Wunsch 2: Strikte Regeln für Ausbildungsbetriebe

Ein zweiter Grund für eine Schwächung der Berufsausbildung im Elbland ist hausgemacht, heißt es von der Meißner Kreishandwerkerschaft: Manch Betrieb aus dem Raum Radebeul/Coswig/Weinböhla würde seine Lehrlinge längst per Ausnahmegenehmigung auf Dresdner Berufsschulen schicken, obwohl es im Landkreis Meißen entsprechende Angebote gäbe. Da brauche man sich nicht zu wundern, dass manche Klasse in Meißen oder Riesa zu wenig Schüler hat.

"Das Wohnortprinzip ist einzuhalten und damit eine Ausnahmebewilligung für Ausbildungsbetriebe generell zu streichen", fordert die Kreishandwerkerschaft - und könnte sich allenfalls mit einer strikten Ausnahmeregelung arrangieren.

Das BSZ Meißen-Radebeul hat in beiden Städten Standorte, zusammen kommen sie auf 1.738 Schüler.
Das BSZ Meißen-Radebeul hat in beiden Städten Standorte, zusammen kommen sie auf 1.738 Schüler. © Claudia Hübschmann

Wunsch 3: Dachdecker in Meißen halten

Mit dem geplanten Wechsel der Dachdecker-Ausbildung von Meißen nach Löbau verliert der Landkreis den letzten Bauberuf - und damit auch die Möglichkeit, berufsvorbereitende Maßnahmen in der Baubranche anzubieten. Dabei hätten viele Jugendliche über Umwege wie das sogenannte BVJ oder BGJ zu einer Ausbildung im Handwerkerbereich gefunden. Ohnehin sei es ein Politikum, in der Domstadt Meißen mit ihrer mehr als 1.000-jährigen Bautradition keine Bau-Ausbildung mehr vorzusehen.

Die Kreishandwerkerschaft fordert deshalb, die Dachdecker-Klassen in Meißen zu halten und idealerweise noch einen zusätzlichen Bauberuf nach Meißen zu holen, wegen steigender Ausbildungszahlen biete sich die Malerausbildung an.

Dieser Wunsch schaffte es - anders als die beiden ersten Wünsche - nicht als sogenannter Vorbehalt in die Beschlussvorlage des Kreistags. Dort heißt es lediglich, dass der Landkreis Meißen die geplante Verlagerung traditioneller Handwerksberufe wie Dachdecker und Metall "kritisch" bewerte. Sollte es Nachverhandlungen geben, erkläre man sich als Landkreis aber ausdrücklich bereit, als Schulträger Verantwortung für den Handwerksbereich zu übernehmen.

Die Kreisräte konnten sich in ihrer Sitzung vor Ostern in der Riesaer Stadthalle Stern fast einhellig mit der Stellungnahme samt der genannten Vorbehalte anfreunden - der Beschluss wurde mit einer einzigen Nein-Stimme angenommen. Nun ist der Freistaat am Zug, der die Anmerkungen aus den verschiedenen Regionen berücksichtigen muss.

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Im Schuljahr 2019/20 gab es am BSZ Meißen-Radebeul gut 1.700 Lehrlinge, am BSZ Großenhain rund 850, am BSZ Riesa rund 950. Laut den derzeitigen Planungen wird der Landkreis durch den Wegfall einiger Berufe deutlich Schüler einbüßen, dafür aber durch eine Aufstockung bei anderen Berufen (etwa Friseur und Kfz-Mechatroniker) Schüler gewinnen. Damit könnte die Gesamtzahl der Berufsschüler im Landkreis von derzeit gut 3.500 in zehn Jahren sogar auf knapp 3.900 steigen.

www.berufsschulzukunft.sachsen.de

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