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Spuckattacke am Regionalzug

Weil ihm die Zugbegleiterin keinen Fahrschein verkaufen wollte, soll ihr ein junger Mann ins Gesicht gespuckt haben. Er ist der Justiz schon gut bekannt.

Fahrgäste steigen am Bahnhof Riesa in den Zug. Bei einer solchen Situation kam es im März zu einem Streit, bei dem ein 22-Jähriger eine Zugbegleiterin bespuckt haben soll.
Fahrgäste steigen am Bahnhof Riesa in den Zug. Bei einer solchen Situation kam es im März zu einem Streit, bei dem ein 22-Jähriger eine Zugbegleiterin bespuckt haben soll. © KDB

Riesa. Wer im Zug die Fahrscheine kontrolliert, der muss sich so einiges anhören und gefallen lassen. Ein entsprechend dickes Fell bringen viele Zugbegleiter mit. Was aber Ende März einer Zugbegleiterin am Riesaer Bahnhof widerfahren ist, das ging schon über das übliche Maß hinaus. "Man kann alles zu mir sagen", sagt die 32-Jährige, "aber anspucken, das ist absolut respektlos."

Am 31. März ist die Zugbegleiterin in einem Regionalexpress auf der Strecke zwischen Dresden und Leipzig unterwegs. Am Bahnhof in Riesa wollen zwei junge Männer und eine Frau in den Zug steigen. Das Trio wollte am Automaten die Tickets nach Dresden lösen. Doch sie haben nur einen 100-Euro-Schein parat, das Gerät kann nicht wechseln. Weil auch der Schalter im Bahnhof geschlossen gewesen sei, hätten sie ihr Glück im Zug beim Bahnpersonal versucht, sagt die 18-jährige Frau, die mit den beiden Männern unterwegs war.

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Doch die Kontrolleurin kann den dreien nicht helfen. "Wegen Corona durften wir keine Fahrscheine im Zug verkaufen." Nachdrücklich bedeutet sie den jungen Leuten, den Zug zu verlassen. Die 18-Jährige und ihr Freund verlassen nach kurzer Diskussion den Zug. "Wir waren schon an der Treppe, als wir hörten, wie die Frau 'Du Bastard' rief." Nach Angaben der Zugbegleiterin hatte ihr der 22 Jahre alte Syrer da ins Gesicht gespuckt. Was schon unter normalen Umständen mindestens als Beleidigung der übleren Sorte gewertet wird, kann zu Pandemiezeiten durchaus auch als Körperverletzung durchgehen.

Die betroffene Bahn-Mitarbeiterin jedenfalls sagt, sie fühle sich auch Monate nach dem Vorfall nicht wohl in ihrer Haut. Sie und ihr Lebenspartner hätten sich nach dem Vorfall direkt für 14 Tage in Quarantäne begeben. Das habe durchaus auch finanzielle Folgen gehabt, denn damit seien ihr Zuschläge in Höhe von 220 bis 370 Euro entgangen.

Mehr als 2.500 Angriffe im Jahr

Der junge Syrer, der nun vor Gericht steht, bestreitet den Spuck-Vorwurf. Über seinen Anwalt lässt er mitteilen, er habe lediglich vor der Frau auf den Boden gespuckt - nachdem diese ihn als Bastard bezeichnet habe. Die Zugbegleiterin reagiert darauf erstaunt. Es sei ihr neu, dass sie dieses Wort überhaupt verwendet habe. Sie räumt ein, dass sie sicher sehr deutlich mit dem Mann gesprochen habe. "Meine Eltern kommen aus der Türkei", erklärt die 32-Jährige. "Ich weiß deshalb, wie das ist, wenn eine Frau einem Mann etwas sagen möchte." Da müsse man schon deutlich werden. "Aber beleidigt habe ich ihn definitiv nicht." Auch der Lokführer, der den Streit durch einen Blick aus dem Fenster beobachtet hatte, bestätigt die Aussagen seiner Kollegin.

Das Personal in deutschen Zügen wird regelmäßig Ziel von Angriffen. Anlass ist sehr häufig die Fahrscheinkontrolle, nicht immer bleibt es bei Beleidigungen. Eine Umfrage der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL) ergab Mitte des Jahres, dass jeder Zugbegleiter oder Lokführer im Schnitt mehr als zweimal pro Jahr körperlich angegriffen wird. Wegen der Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung befürchtet die Gewerkschaft, dass die Zahlen für dieses Jahr noch zunehmen könnten. Die Deutsche Bahn teilt auf Nachfrage mit, 2019 habe man 2.550 Angriffe auf Bahnmitarbeiter gezählt. Das seien etwa 60 weniger als im Vorjahr. "Der starke Anstieg der vergangenen Jahre hat sich damals erstmals seit 2012 nicht fortgesetzt – und das bei steigenden Fahrgastzahlen", sagt eine Sprecherin. Dennoch spricht sie auch von einer kontinuierlich sinkenden Hemmschwelle. Regelmäßig werde das Personal deshalb geschult, wie es in Konfliktsituationen reagieren soll. Dazu betreibe die Deutsche Bahn rund 7.000 Videokameras auf ihren Bahnhöfen, außerdem etwa 33.000 Kameras in den Nahverkehrszügen und S-Bahnen, und das Sicherheitspersonal an den Bahnhöfen ist teilweise mit Bodycams ausgerüstet.

Der angeklagte Mann kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Zuletzt wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.
Der angeklagte Mann kam 2015 aus Syrien nach Deutschland. Zuletzt wurde er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. © Sebastian Schultz

Der nun in Riesa angeklagte Mann, der seit 2015 in Deutschland lebt, scheint sein Temperament des Öfteren nicht im Griff zu haben. Neben dem Anspucken wird ihm auch noch vorgeworfen, im Stadtpark einen zwei Jahre älteren Riesaer angegriffen und sich mit ihm eine Schlägerei geliefert zu haben. Er war in diesem Jahr bereits zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, nachdem er 2019 in einem Dönergeschäft auf einen Mitarbeiter und einen Zeugen losgegangen war. Es fehle ihm an anderen Problemlösungsstrategien, sagt eine Mitarbeiterin des Vereins Sprungbrett, die im Rahmen der Jugendhilfe mit dem Syrer zu tun hat. Er sei Analphabet, das Lernen der deutschen Sprache falle ihm dadurch zusätzlich schwer. Es sei auch unklar, ob seine kognitiven Fähigkeiten für eine Arbeitsstelle ausreichten.

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Womöglich droht dem jungen Syrer nun eine Haftstrafe - wenn ihn nicht noch ein Zeuge der Schlägerei im Stadtpark entscheidend entlastet. Der war bei der jüngsten Verhandlung Anfang Dezember noch nicht aufgetaucht - obwohl er sein Kommen zugesagt hatte. Das Urteil soll voraussichtlich beim nächsten Verhandlungstermin Anfang Januar fallen.

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